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Kritik

Du stammst aus einer uralten Sippe unbedeutender Zauberer

Hamburg

Vielen ist Michael Cunningham sicher als Autor des international erfolgreich unter dem Namen The Hours verfilmten Romans Die Stunden bekannt. Auch Cunninghams Buch ist vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem PEN/ Faulkner Award, dem Pulitzer Preis und zudem übersetzt in über 22 Sprachen. Sein neuestes Werk ist im Luchterhand Verlag erschienen unter dem Titel Ein wilder Schwan, übersetzt von Eva Bonné und illustriert von Yuko Shimizu. Es handelt sich theoretisch um ein originelles Projekt, nämlich dem Nacherzählen, Neuerzählen, Kommentarerzählen oder in Schutt-und-Ascheerzählen von Märchen. Viele der bekannten aus Brüder Grimmscher Provenienz oder Joseph Jacobs Sammlung etc., deren Inhaltskenntnis der Cunningham-Band auf jeden Fall voraussetzt, um in den vollen Genuss aller Abweichungsoperationen zu kommen. Da sind zum Beispiel Fassungen von Hans und die Bohnenranke (Jack and the Beanstalk) mit dem Silbenevergreen Fee-fi-fo-fum, oder auch Hans Riesentöter (Jack the Giant Killer), die möglicherweise weniger geläufig sind als die Schöne und das Biest oder Hänsel & Gretel, Rumpelstilzchen etc. Klar kann man den Band auch lesen, wenn man grundsätzlich keinen Märchenschimmer hat, wer wer ist, oder welche Eigenschaften und Flüche, Schicksale oder Fehler der Figur zugewiesen werden, denn Cunningham schreibt federleicht und schräg und die Illustrationen helfen tatsächlich, doch der Spaß ist nur halb, falls der Fall. Und dann müsste noch hinzugefügt werden, warum das Projekt theoretisch nur originell ist. Denn im Endeffekt ist der Band einen Tick zu leicht geworden. Dieses Etwas, der ultimative Tiefenkick, das Bleiben von Situation, Formulierung, Wendung, punctum oder was auch immer fehlt einmal zu oft. Ein wilder Schwan will das vielleicht auch nicht, will lieber oberflächlich bleiben, aber was herauskommt, ist irgendetwas zwischen "Amüsemang", Karikatur/ Satire und leichter Unterhaltung, obwohl das eine oder andere Neu-Märchen darunter an sich sehr gut gelungen ist. Flüssig und flott. Aus Gehänselt (Hans Riesentöter):

"In dem Moment hätte die Riesin Gelegenheit, ihre Ehe zu retten. Sie müsste jetzt eigentlich nur "Dieb!" rufen und dann so tun, als hätte sie Hans nie zuvor gesehen.
Am Abend könnten sie und ihr Mann lachend am Küchentisch sitzen, Hans' Hoden mit dem Zahnstocher aufpicken und sich in den Mund werfen. Sie könnten einander sagen: Es reicht. Es reicht, so wohlhabend zu sein, auf einer Wolke zu leben, gemeinsam alt zu werden und nicht mehr zu wollen , als man hat.
Die Riesin scheint allerdings zu meinen, es wäre geschickter, den Diebstahl geschehen zu lassen.
Jeder von uns kennt solche Paare. Sie bekämpfen einander seit Jahrzehnten in dem festen Glauben, entlastet und freigesprochen zu werden, sobald sie dem anderen nur seinen grundsätzlichen, in tiefster Seele verwurzelten Irrtum aufzeigen könnten. Pausenlos Indizien zu sammeln und Beweisstücke zu horten verschlingt manchmal ein ganzes Leben."

Aus Kleiner Mann (Rumpelstilzchen):

"Der König wirft dem Müller einen eisigen Blick zu, lässt ihn von einer Wache abführen und verriegelt die Tür zum Verlies.
An dieser Stelle kommst du ins Spiel.
Du stammst aus einer uralten Sippe unbedeutender Zauberer. Seit Generationen ist deine Familie in der Lage, Regen zu machen, Poltergeister zu vertreiben und verlorengegangene Eheringe wiederzufinden.
Aber keiner deiner Vorfahren wäre je auf die Idee gekommen, auf diese Weise sein Geld zu verdienen. Das ist seit Jahrhunderten undenkbar, es wäre irgendwie... unseriös. Es hätte den Beigeschmack der Verzweiflung. Außerdem kann man sich, wie jeder weiß, auf Bannsprüche und Beschwörungen nicht hundertprozentig verlassen. Die Hexerei ist eine Kunst, keine Wissenschaft. Wer möchte schon in die missliche Lage geraten, auf einem ausgedörrten Feld stehen und einem enttäuschten Bauern sein Geld erstatten zu müssen? Wer möchte dem älteren Paar, das unverändert von Kichergeräuschen unter der Matratze und umherfliegendem Besteck belästigt wird, sagen müssen: Sorry, normalerweise funktioniert es?

[...]

Es ist zu viel, so ganz allein herumsitzen zu müssen. Es ist zu wenig. Du eilst in den nachtschwarzen Wald hinaus, hörst das Zirpen der Insekten und die fernen Eulenschreie. Du entfachst ein Feuer. Du gönnst dir einen Humpen Bier, und dann noch einen.
Und fast gegen deinen Willen scheinst du plötzlich um das Feuer zu tanzen. Offenbar hast du dir ein Lied ausgedacht..."

Michael Cunningham verspielt in dem Band die Chance, sich kritischer als durch bloße Perspektivenwechsel oder satirisches Überspitzen von ohnehin "märchenhaften Klischees" mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Das gilt auch für seine Sprache, die elegant und eigen ist, gut fließt, die aber doch die Steilvorlage, die jahrhundertealtes Märchenerzählen bietet, nicht zur zeitgemäß clashigen De-/ Um-/ Weiterkonstruktion nutzt. Herausgekommen ist ein Band, der Spaß macht, unterhält, doch darüber hinaus sich seltsam weigert, ernstgenommen werden zu können. Dennoch wird er seine Leserschaft finden und ist mit seiner liebevollen Ausstattung, den interessanten Illustrationen, der unkomplizierten, zugänglichen Übersetzung eine fröhliche Alternative zum herkömmlichen Märchenbuch.

Michael Cunningham
Ein wilder Schwan
Übersetzung:
Eva Bonné
Luchterhand Literaturverlag
2017 · 160 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87491-3

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