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Kritik

Wentila und die Base gingen oft mit, oft nicht.

Adalbert Stifter und die Kunst des nahezu Nichtssagenden
Hamburg

Eigentlich hatte Michael Donhauser einen 30-seitigen Aufsatz zu Stifters Witiko schreiben wollen. Aber. Was nun vorliegt ist ein 357 Seiten umfassendes Buch, das für sich steht und auf seine Weise ebenso unerhört wie Stifters Witiko ist: Waldwand. Eine Paraphrase.

„Das Wort ist stärker als die Wurfschleuder, und die Mäßigung besiegt den Erdkreis.“

Dieser Satz von Adalbert Stifter aus Witiko kann wohl als der Schlüsselsatz der Waldwand von Michael Donhauser bezeichnet werden. Er findet sich auch schon auf dem Buchrücken als Zitat zu lesen. Im Buch schreibt Michael Donhauser über diesen Satz dann folgendes:

Der Mäßigung wird also ein Sieg zugesprochen, neben dem alles Geschleuderte, ob Stein oder Wort, ein kläglicher Wurf bleibt, wobei der Sieg der Mäßigung das Ermessen der Kraft des Wortes durch den Vergleich mit der Wurfschleuder so weit hinter sich lässt, dass außer Kraft gesetzt scheint, was an Zerstörerischem durch das Wort vom Wort als Wurfschleuder freigesetzt wurde. Denn die Mäßigung lässt auch die Unbedachtheit hinter sich, womit Worte ausgesprochen werden, und ihr Sieg beruht nicht auf einer größeren Zerstörungskraft: Sie siegt nicht, indem sie zerstört, sondern indem ihr keine Grenzen gesetzt sind, besiegt sie den Erdkreis.

Michael Donhauser folgt in der Waldwand, ebenso wie Stifter in seinem Witiko, dem Gebot der Mäßigung und legt dabei zugleich aber ein vergleichbar maßloses Buch vor.

„Paraphrase“ lautet der Untertitel der Waldwand und es ist ein sehr bewusst gewählter Begriff. Denn Michael Donhauser legt mit seiner Waldwand keine Nacherzählung von Witiko und auch keinen Nachdichtungsversuch des Dichtungsversuchs vor, sondern eben eine Paraphrase, ein beobachtendes, hinein lauschendes und vor allem auch zeigendes Entlangschreiben an Stifters Witiko. Paraphrase bedeutet mehr als Nacherzählung, Zusammenfassung, Interpretation oder Nachdichtung, es ist eine Verbindung von alledem in die zugleich auch noch sehr viele Zitate von Stifter eingeflochten sind. Und Paraphrase bedeutet auch, dass Michael Donhauser so tief in den Witiko eingetaucht ist, dass er einige Maxime und Prinzipien von Stifter bereits so verinnerlicht hat, dass sie auch in seinem eigenen Schreiben Ausdruck finden. Das wären zum Beispiel die Wiederholung, die eine ganz zentrale Rolle bei Stifter einnimmt, oder eben, wie bereits gesagt, die Mäßigung. Denn auch wenn 357 Seiten sehr viel sind, so mäßigt sich Michael Donhauser immer wieder in seinen Deutungsversuchen und Auslegungen, damit er den ganzen Witiko behandeln kann. Denn in Witiko wird nach dem Ganzen gestrebt, auch wenn das im vollen Bewusstsein geschieht, dass dieses Ganze nie erreicht und immer Stückwerk bleiben muss. Diesem Streben nach Vollendung, bzw. Vollständigkeit verschreibt sich auch Michael Donhauser, wenn er beispielsweise die langen Kampfesbeschreibungen zwar stark zusammen rafft, aber dennoch erzählt und nicht einfach ganz unter den Tisch fallen lässt.

Mit Michael Donhauser liest ein Dichter den Dichtungsversuch von Adalbert Stifter und so bemerkt er auch klangliche Besonderheiten, die sich auch oder gerade in einem ganz unscheinbar wirkenden Satz von Stifter verstecken können:

„Am oberen Laufe der Donau liegt die Stadt Passau. Scheinbar sagt dieser Satz nur, was der Fall ist, doch wie er es sagt, verrät, dass Gesang da schon ist, denn die Selbstlaute und Doppellaute dieses Satzes ergeben folgende Melodie: a – o – e  e – au – e  e – o – au – i  i – a  a – au oder, lässt man die Es weg: a – o – au – o – au – ii – aa – au. Allein die dreifache Wiederholung des Doppellauts au schlägt schon unüberhörbare Brücken in diesem Satz, doch auch kleinere Einheiten wie die Wiederholung der Klangfolge o – au und, nach dem doppelten I, das Wiederaufgreifen des einleitenden As, das dann den Satz in einem Au ausklingen lässt, machen diesen Satz zum Gesang, womit der Dichtungsversuch seinen Anspruch, auch Dichtung oder künstlerisch zu sein, gleich anfangs einlöst.“

Was Michael Donhauser spürbar an Stifter fasziniert, ist seine Art, Dinge eher zu zeigen, als auszusprechen. Michael Donhauser wiederum spricht immer wieder an und aus, was bei Stifter eben gerade nicht erzählt wird und damit von ungeübten Stifter-Lesern leicht überlesen werden könnte:

Der Reiter selbst gerät gleichsam in Vergessenheit oder hat sich, so könnte man seine Abwesenheit auch lesen, selbstvergessen dem Pferd anvertraut, von dem es heißt: Es ging einen langen Berg hinan, dann eben, dann einen Berg hinab, eine Lehne empor, eine Lehne hinunter, ein Wäldchen hinein, ein Wäldchen hinaus, bis es beinahe Mittag geworden war.

Sätze wie dieser von Stifter sind eine Ungeheuerlichkeit, die man nicht erklären, nur beschreiben kann und genau das macht auch Michael Donhauser:

Diese Art nun, auf Beschreibung zu verzichten und einen Weg mit hinan und eben und hinab und empor und hinunter und hinein und hinaus wiederzugeben, um ihn dann in die Zeitangabe beinahe Mittag münden zu lassen, gibt als sprachlich nahezu eintönige Bewegung die Gelassenheit des langsamen Ritts noch einmal wieder, ohne von einer Gelassenheit zu sprechen.

Michael Donhauser fungiert als Führer durch das Stiftersche Sprachgelände, er weist auf besonders Sehenswertes ebenso hin, wie auf unerwartete Unebenheiten im Sprachfluss, über die man ansonsten leicht stolpern könnte. Bei alledem ist Michael Donhauser immer wieder um die nötige Distanz bemüht, geht gerne einige Schritte zurück um so einen besseren Überblick zu gewinnen und um Beobachtungen wie diese anstellen zu können: „Und da der Wald sich lichtet, werden auch die Sätze etwas länger:“

Den Titel Waldwand hat Michael Donhauser aus Witiko entlehnt:

„Und der Wald, er wird zur Waldwand und steht so allem Niedergehen entgegen, wenn es in der Folge heißt: Weiter unten war ein kahles Tal, und jenseits des Tales stand eine Waldwand, welche höher und mächtiger war als alle, die Witiko bisher überritten hatte.“

Waldwand ist insofern als Titel überaus überzeugend, als es ein in sich spiegelndes Wort ist, da sich mit „Wald“ und „Wand“ ein Minimalpaar bilden lässt und sich beide Worte nur in einem einzigen Buchstaben unterscheiden. Der Titel bringt damit sehr schön das für Stifter so zentrale Prinzip der Wiederholung auf den Punkt, das sich sowohl im Kleinen, in Klangwiederholungen, als auch im Großen, auf der semantischen Ebene, bei Stifter beobachten lässt. Denn sowohl auf der Figurenebene als auch auf sprachlichen Ebenen wird bei Stifter vieles, oft und ausführlich wiederholt.

In seiner Paraphrase lenkt Michael Donhauser die Aufmerksamkeit auch immer wieder auf den an sich unsichtbaren aber doch körperlich präsenten Erzähler in Witiko. Beobachtet wird, was und wie der Erzähler in Witiko beobachtet:

„Der Erzähler aber begleitet ihn nicht zu dem Pferd, sondern stellt nur fest: Witiko ging aus der Stube, und kam nach einer Weile wieder.“

Michael Donhauser stellt also dem Erzähler in Witiko seinen eigenen Erzähler zur Seite, der ersteren beobachtet, beschreibt und ihm über die Schultern blickt. Damit schreibt Michael Donhauser sich quasi in den Witiko von Stifter ein, da sein Erzähler dem Erzähler in Witiko folgt, die gleichen Wege beschreitet und auch das Gleiche, wenn auch nicht Dasselbe, beobachtet. Besonders spannend wird es, wenn der Erzähler der Waldwand die Handlung und Witiko für Momente sich selbst überlässt und sich stattdessen umdreht und den unsichtbaren Erzähler in Witiko ganz direkt fixiert. Fast würde man erwarten, dass der Erzähler in Witiko doch irgendwann bemerken müsste, dass er beobachtet wird und in dem Moment aufblicken und den Blick des Erzählers der Waldwand ganz plötzlich erwidern könnte.

Neben dem Erzähler scheint Michael Donhauser an Stifter gerade auch seine oft radikale Weigerung zu erzählen zu faszinieren:

„Und so ist, was vielleicht Erzählkunst genannt wird, gepaart noch einmal mit einem Verzicht auf viel Künstlerisches zugunsten einer Kunst des nahezu Nichtssagenden, das nur sagt, dass sie weiterritten, gerade so, als sagte die Erzählung von sich auch nicht mehr, als dass sie weitererzähle.“

An einer anderen Stelle heißt es: „Es spricht gleichsam eine Unruhe aus dieser Art, nicht zu erzählen, [...]“ Und etwas später findet sich ein, meines Erachtens zu den schönsten Sätzen der Waldwand gehörender, Satz zu eben diesem Thema: „Womit noch einmal erzählt wird, was nicht erzählt wird, als wäre es noch nicht bereit, erzählt zu werden.“ Dieses nicht-Erzählen von Stifter als Faszinosum ist mir auch in „Die Auswandernden“ von Peter Waterhouse begegnet, der darin über eine Erzählung von Stifter schreibt: „Stifters Erzählung erzählte und sie erzählte nicht.“ Das ist insofern bemerkenswert, als beide Bücher annähernd zugleich, aber völlig unabhängig voneinander geschrieben wurden. Es ist sicher kein Zufall, dass zwei Autoren wie Michael Donhauser und Peter Waterhouse ausgerechnet auf Werke von Adalbert Stifter zurück greifen, um ausgehend von dieser Stifter-Lektüre und über diese Lektüre zu schreiben. Beide Werke könnten kaum unterschiedlicher sein, da Michael Donhauser sich ausschließlich auf Witiko beschränkt und bei seiner Lektüre ganz konsequent dem Text folgt und auch beim Text bleibt, während Peter Waterhouse eine Vielzahl von Texten verschiedenster Autoren in sein Schreiben einbezieht, sowie über die Flüchtlingsthematik und aktuelle Geschehnisse spricht. Beide Bücher sind einzigartig und damit nicht vergleichbar, wenn auch gleichermaßen empfehlenswert. Und beide Bücher lassen sich als Einladung und Anregung verstehen, selbst Stifter zu lesen.

Was Michael Donhauser über diese 357 Seiten versucht, ist eine sehr umfassende Sensibilisierung für den Klang, den Rhythmus und die vielen besonderen Eigenheiten der Sprache und Erzählweise Stifters. Michael Donhausers Paraphrase ist ein behutsam tastendes Zeigen, das zwar erklärend deutet, aber sich dabei selbst dem Gebot der Mäßigung unterwirft. Er deutet nicht alles aus, sondern lässt seinen Lesern Zeit, eigene Entdeckungen zu machen beim gemeinsamen Waldspaziergang durch die Waldwand.

Worüber er beispielsweise nicht ausdrücklich spricht, aber doch darauf hinweist, indem er ganz bestimmte Stellen zitiert, sind die überaus starken Frauenfiguren in Witiko. Da gibt es einmal Bertha, die spätere Frau Witikos, die so stark ist, dass sie sich auch der Erzählung selbst über weite Strecken ganz entzieht, sich hinter die Waldwand zurückzieht und dadurch zwar nicht zu sehen, aber trotzdem immer präsent ist. Ganz konträr zu ihr, aber ebenso selbstbewusst ist Dimut, die sich dem Befehl ihres Bruders widersetzt und aus Neugier in die bald darauf belagerte Stadt Prag reitet. Ihr Kampfgeist erhält Anerkennung, da sie von Figuren als „Knappe des Ritters Gertrud“ (Die Herzogin Gertrud verteidigt das belagerte Prag bis der Herzog mit Verstärkung zurück kommt) oder auch als „Krieger“ bezeichnet wird: „Und an einem Tage sprach Welislaw zu Dimut: „So hast du mich, schöner Krieger, besiegt, den ich besiegen wollte, und so kann ich nicht ohne dich sein, [...]“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Michael Donhauser mit der Waldwand vor allem eines zum Ausdruck bringt und zugleich nachvollziehbar werden lässt: Seine eigene große Begeisterung für Stifter. Jedes Wort, jeder Satz, jede Zeile der Waldwand drückt diese Faszination aus. Insofern ist es rückblickend gar nicht erstaunlich, dass aus dem geplanten 30-seitigen Stifter-Aufsatz eine 357-seitige Witiko-Paraphrase geworden ist. Viel erstaunlicher erscheint da, dass es nur 357 Seiten geworden sind und es Michael Donhauser gelungen ist, den Stift beiseite zu legen und dann doch irgendwann damit aufzuhören, weiter über Stifter zu schreiben.

Michael Donhauser
Waldwand · Eine Paraphrase
Matthes & Seitz
2016 · 357 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-270-7

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