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Kritik

Tägliche Übung für Träumerei und offene Fenster

Michael Krügers neuer Gedichtband
Hamburg

„Gedichte sind mißtrauisch, / sie behalten für sich, was gesagt werden muß.“ Mit dieser selbstreflektierten Zeile beginnt Michael Krügers neuer Gedichtband, und obwohl Lyrik im allgemeinen wohl tatsächlich zu einem Großteil aus Verschwiegenem und Unaussprechlichem besteht, ist es ein Glück, daß die vorliegenden Gedichte nicht grundsätzlich mißtrauisch in die Welt blicken. Allerdings ist ihnen eine gehörige Portion Skepsis, Bitterkeit, Melancholie und auch Zorn zu bescheinigen. Krüger verbrämt, was ihm auf Hirn und Herz drückt, nicht mit schillernden Metaphern, sondern sagt es gerade heraus. Trotzdem fehlt natürlich auch das spielerische Element nicht, etwa wenn immer wieder in knappen Berichten die Absurdität von Träumen aufscheint.

Die meisten Gedichte des neuen Bands von Michael Krüger, und darin unterscheiden sie sich nicht von den früheren, sind Unterwegs-Gedichte, das heißt, Gedichte, die sich oberflächlich betrachtet einer Reise verdanken oder von einem transitorischen Zustand künden, in dem Rückblick, Gegenwart und Zukunft miteinander verschmelzen. Die Qualität eines solchen Gelegenheitsgedichts im besten Sinne besteht in der Leichtfüßigkeit, die seine Bedeutungsschwere nicht in ertüftelten Wortballungen festzementiert. Oft sind es kurze, intensive Begegnungen, die dargestellt werden, eine alte Frau im Zug, ein Kohlweißling vorm Fenster, und oft weht ein surreales Moment herein, das den Lesern einen ungewohnten, zuweilen angenehm irritierenden Blickwinkel einzunehmen gestattet.

Unter der Autobahnbrücke
wird eine Kirche gebaut
aus Abfall, als Altar dient
ein alter Kinderwagen.
Worte der Vergebung und
Gnade. Erinnerungen,
die keiner mehr braucht.
Der Pfarrer ist uralt
und meistens betrunken.
Aber er hat sich in Gott
verbissen, und jeder
hört ihm andächtig zu,
wenn er die Welt verflucht.

So gehen Erinnerungen an eine verlorene Kindheit („Dort, wo ich kleinlaut war, wenn die Sonne unterging, / rot wie ein Hahnenkamm.“), pessimistische Zeitmitschriften, Hotelnotate, skeptische Bemerkungen zur Weltlage Hand in Hand. An jedem Ort gibt es etwas zu sehen, zu bemerken, anzumerken, selbst ein unscheinbares Begebnis kann zum Nachdenken anregen. Unübersehbar sind dabei die vielen kleinen Verbeugungen zum lange geprobten Abschied. Krüger stimmt jedoch weder Klagen noch Anklagen an, vielmehr ist es ein heiterer Umgang mit Freund Hein, der in mancherlei Gestalt herüberwinkt. Jedes Gedicht ist ein weiterer Aufschub. Sehr persönlich sind die Gedichte deshalb, ehrlich, wohl auch hier und dort ein wenig in Szene gesetzt, trotzdem nicht eitel oder selbstverliebt.

Aber die Tiefe reizt mich nicht,
solange ich den Vögeln zuschauen kann,
die ohne Kummer und ohne Tränen
in diesem späten Licht ein Haus skizzieren,
in dem sich leben läßt,
ein Haus für Pilger ohne Bitterkeit.

Der bewährte „Krüger-Sound“ — man wird von ihm nicht überrascht, herausgefordert, überwältigt, dennoch liest man ihn immer wieder mit Genuß. Es ist die ruhige, besonnene Sprechweise, die die Worte sehr präzise setzt, aber jede Geziertheit meidet. Man steht auf vertrautem Fuß mit diesen Gedichten, lauscht ihrem kolloquialen Fluß sehr gerne. Sie sind wie gute alte Bekannte, mit denen man sich unterhält, weil sie einem von interessanten Einsichten und merkwürdigen Begebenheiten erzählen und auf diese Weise die Welt zuweilen melancholischer, zumeist jedoch heller machen. Ja, wahrscheinlich gibt es in Deutschland derzeit nur wenige Lyriker, die derart unmittelbar der Welt zugewandt sind wie Krüger. Wenn man Gedichte nicht nur ausschließlich als Konstrukte begreift, sondern als lebendigen, sinnlichen Bestandteil der menschlichen Kommunikation, dann sind Krügers Gedichte ein schönes Beispiel dafür, wie man glühende Lebensfragmente in anmutige Papierblumen verwandeln kann. Michael Krüger: ein Veteran und Verfechter der Klarheit.

Michael Krüger
Einmal einfach - Gedichte
Suhrkamp
2018 · 130 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42798-9

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