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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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Kritik

Kabinettstücke

Die Anthologie „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht“ entführt ihre Leser in die Wunderkammer der Poesie
Hamburg

So viel vorab: Ich habe mich in ein Buch verliebt und darüber intelligent zu reden, fällt dem Schwärmer naturgemäß schwer. Auch, weil er an diesem Buch nur allzu gerne weiter röche, seinen Leineneinband streichelte und die Texte genauer erkundete. Obendrein ist die Sammlung „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie“ weitgehend selbsterklärend und bedarf kaum einer sich zwischen Sammlung und Leser drängenden Begutachtung. Nicht nur die rund 250 Gedichte aus aller Welt sprechen (oder schweigen) für sich selbst, auch Vorbemerkung, Nachwort sowie allerhand Nachweise ergänzen die Verse. Zudem beleuchten 31 „poetische Schlaglichter zur Einstimmung“ (jedem der Jahre 1989 bis 2019 zugeordnet) Probleme des Lyrikschreibens und -lesens; geschrieben wurden sie von prominenten Lyrikerinnen, Lyrikern und Germanisten

Für den Titel des blau-silber-goldgelb leuchtenden Bandes haben die beiden Herausgeber Michael Krüger und Holger Pils vorsichtig einen Satz des 1990 verstorbenen spanischen Lyrikers Jaime Gil de Biedma eingekürzt: „Immer dachte ich, dass ich Dichter sein wollte, aber im Grunde wäre ich lieber Gedicht.“ Und so etwas wie ein veritables Gedicht ist das vorliegende Buch eben auch selbst. Opulent gestaltet hätte es das Zeug zu einem Coffee Table Book – wunderbar anzuschauen, doch meist ungelesen –, wenn einen meisterhafte Gedichte nicht schnell in ihren Bann zögen. Allesamt stammen sie aus der Feder von Dichterinnen und Dichtern, die auf Einladung des Lyrik Kabinetts über drei Jahrzehnten an vielen Orten  Münchens gelesen haben. Gemeinsam bilden diese Poeme eine „kleine internationale Anthologie der Gegenwartslyrik“, so die Herausgeber, allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder exklusive poetische Programmatik.

Poetische Wahrnehmung und Wahrheitssuche wider den „Singsang der Macht“

Den Reigen heterogener poetischer Stimmen und Sprachen, Dichter-Generationen, Schreibstile und Temperamente beginnt das Gedicht „Kassiber“ von Wolfdietrich Schnurre, Mitteilung eines Gefangenen an uns Mitgefangene. Schnurre hoffte 1989 bei seiner Eröffnungslesung für das Lyrik Kabinett auf das Verderben des „Reagenzglas(es) des Grauens“ und des „Singsang(s) der Macht, doch weiß er „Und die Welt wird erblühen / vor Staub.“ Aktueller und illusionsloser könnte ein Gedicht auch 2020 angesichts aufkommender Corona-Pandemie und allseitiger Desinformation zum Syrien-Krieg kaum sein.

Fürs Jahr 2019 beschließt hunderte Seiten später Uroš Zupans „Love Letter an meinen Übersetzer“ den Lyrikband. Ein vorsichtig hoffender Brief des slowenischen Autors, seines lyrischen Ichs, ein Brief, der trotz allen Wissens um die Fragilität der Sprache auf die Empathie, Erfahrung, Genauigkeit und Fantasie seines Übersetzers zählt:

„Ich vertraue dir und überlasse dir ruhig Teile / meines Leibes, damit du sie hütest und umtaufst, / ohne das, was hinter ihren Namen wartet, zu zerbrechen.“

Zwischen diesen Versen Schnurres und Zupans finden Sprachliebhaber Gedichte von Nobelpreisträgern wie auch (einstigen) Debütanten, Veröffentlichtes ebenso wie eigens für die Anthologie Geschriebenes und Übersetztes. Jedes Namedropping macht bei so viel lyrischer Prominenz keinen Sinn, müsste man doch bei Adam Zagajewski, Anne Beresford oder John Burnside beginnen und dürfte mit Raoul Schrott, Les Murray, Seamus Heaney oder Inger Christensen noch lange nicht aufhören.

Betören und Verstören

„Im Grunde wäre ich lieber Gedicht“ ist schlicht Schmöker auf höchstem Niveau, ein Vademecum für alle Lebenslagen, eine Inspirationsquelle für Klarträumer, nichts weniger als ein virtuoses Ensemble von Fantasien, das die Vernunft nicht zu fürchten braucht. Wer darin liest oder vielleicht auch nur blättert (Wie viele Gedichte kann man hintereinander lesen, wenn man sich auf sie einlässt?), der findet sicher jeden Tag ein Lieblingsgedicht, das dem Leser jenen Resonanzboden bietet, der ins Offene klingt und weit über die eigene Verstocktheit hinaus. Nora Gomringer zum Beispiel, die zurzeit vielleicht medial Allzupräsente, hat mich so unversehens mit einer Parlando-Petitesse bei meinem Fern- und Liebesweh erwischt:

Ich nahm ihn mit

In ein Hotel, das vom Veranstalter gebucht
In ein Bett, das viel zu klein
In mein Herz, das randvoll mit Blut
Er schlief bis früh am Morgen,
zeichnete mir einen Kreis auf meinen Bauch
Ich sagte Kreis, er sagte Jurte
und verschwand. Ich vermute in die Mongolei.

Mit „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht“ kann man zu Expeditionen in die unendlichen Weiten des Sprachraums ebenso aufbrechen wie Bekanntes oder Vergessenes neu entdecken. Sarah Kirschs „Schneewärme“ ist so ein Gedicht, in dem man noch einmal auf den von Peter Hacks dereinst beschworenen „Sarah Sound“ trifft, inklusive der ganzen Palette Kirsch’scher Stilmittel. Mythen- und Märchenhaftes mischt sich da mit Naturbildern, eigenwillig ambivalente Syntax mit Vergeblichkeitsgestus, Metaphern der Kälte rufen nicht nur die Gefährdung des Natürlichen auf, sondern auch die des menschlichen Zusammenlebens:

„In der Dämmerung fand ich / Tote Seelen die Schatten / Erstarrter Seen und Flüsse / Blank ohne Leben.“

Wem so viel Verstörung nicht reicht, für den hält die Anthologie vieles andere mehr bereit.

Typographische Experimente, konkret Poetisches, gekonnt Politisches ebenso wie Hermetisches, das auch nach mehrmaligem Lesen Rätsel oder Geheimnis bleibt, aber auch komische Lyrik (Bas Böttcher etwa), deren kesse Subversivität sich in anderen Texten weit weniger sanft äußert, etwa bei Robert Crawford:

Warte

Bleib
Sitzen. Nichts tun

Als warten.
Vielleicht

Kommt’s wieder.
Vielleicht nicht.

Du mußt einfach
Ruhig warten

Wie in den Konzertpausen die Celli
Und Kontrabässe

Und Geigenkästen
Bleiben

Verstreut im Graben
Wie Leichen, alle Musiker fort.

 

Wir wollen weniger erhoben, / Und fleißiger gelesen sein. (G.E. Lessing)

Meine Bibliothek beherbergt – Pegasus sei Dank – zahlreiche Lyrik-Anthologien von Format. „Mein Gedicht ist die Welt“ von Bender/Weyrauch etwa, „Das Wasserzeichen der Poesie“ von Andreas Thalmayr (aka Hans Magnus Enzensberger) oder „Hell und schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten“ von Gernhardt/Zehrer. Nun ist „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht“ auf gleicher Zeilenhöhe hinzugekommen. Draußen in den guten Buchläden will dieses Buch nicht nur schnellstens gekauft, sondern in Zügen, Cafés und zu Hause bald auch gelesen werden.
 

Michael Krüger (Hg.) · Holger Pils (Hg.)
Im Grunde wäre ich lieber Gedicht
Hanser Verlage
2019 · 432 Seiten · 30,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26585-1

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