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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Bekenntnisse eines Europäers

Michaels Krügers lyrisches Reisetagebuch
Hamburg

Heute ist der Dichter, die Dichterin, Weltbürger/-in so oder so, ganz gleich nun, ob die Reisen in der Geographie der Nationen oder bloß des Schreibtischs stattfinden, denn die wechselseitigen Einflüsse machen nicht mehr Halt vor Landesgrenzen. Michael Krüger ist umtriebig, er ist auch ein Europäer und verhehlt seine Überzeugungen nicht. »Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen«, zitiert Krüger als Motto aus Rilkes »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« und stellt sich selbst in eine Reihe mit den großen Flaneuren der Jahrhunderte: »Ich gehöre zu den Menschen, die in fremden Städten am liebsten in aller Frühe einen Spaziergang machen.«

Der Bogen des Tagebuchs spannt sich von Herbst zu Herbst eines Jahres, das mag kein sonderlich originelles Ordnungsprinzip sein, doch geht von dem Beginnen im Herbst eine fernwinkende Signalwirkung aus. Denn die Gedichte sind, als Sammlung, durchaus das Bekenntnis eines überzeugten Europäers, dem »die Vorstellung, wieder in alte nationalstaatliche Strukturen mit ihren lokalen Überwachungsstrategien zurückzufallen«, »zutiefst zuwider« ist. Beim Aufzeichnungszeitraum handelt es sich um »das Jahr, in dem das offizielle Europa den Verstand verloren hat«. Nichts kann also besser die dräuenden Verfallserscheinungen symbolisieren, als ein Herbst, der wieder in einen Herbst mündet. Allerdings hütet sich Krüger vor lamentosem und larmoyantem Geheule, im Gegenteil, seine Gedichte sind die Bekräftigungen transnationaler Schönheit.

Auf der Bank am Wehr sitzt
in der untergehenden Sonne
ein alter Mann neben mir
und liest arabische Gedichte.
Er sieht aus wie mein Vater,
wenn er Heinrich von Kleist las,
das Erdbeben in Chili.

Tatsächlich zeichnet die Gedichte eine notathafte Flüchtigkeit aus, hingeworfene Eindrücke und Einsichten, oft durchaus sehr persönlicher Natur. Die Unmittelbarkeit des Erlebens hallt nach, so daß die Gedichte ihre Herkunft aus dem Moment, aus der Stimmung nicht verleugnen. Krüger will keinesfalls unbequem, unverständlich schreiben, ihm liegt viel an der dialogischen Qualität der Lyrik, die man belauschen kann (und soll) wie ein beiläufiges Gespräch, hier wird melancholisch nachgesonnen, dort ein wenig spöttisch gefrotzelt. So sind diese Gedichte eingefangene Stimmungsmomente, die man gerne nachvollzieht, auch wenn sich nicht jede Zeile ins Hirn brennt und von unabweislicher Notwendigkeit ist.  Insgesamt jedoch schließt man sich dem Hotelfenster-, Café- und Parkreigen des europäischen Reisenden gerne an, denn immer wieder überraschen Bilder und Formulierungen.

Daß Michael Krüger ein fleißiger Leser ist, verheimlichen die Gedichte nicht, er betrachtet vieles mit einem Zitat, einer Anspielung im Hinterkopf, aber er versteht es genauso, in den Dingen und Gesichtern zu lesen. »Der Specht schreibt noch immer / am letzten Kapitel seines Handbuchs / für Dummköpfe. Ich bin und bleibe / sein treuster Leser«, heißt es da beispielsweise in einem Eintrag aus dem vielbesuchten Allmannshausen. Krüger: ein unruhiger Gast, der Heimat vor allem in den Worten gefunden hat, dabei aber nie die bedrückenden Realien des Lebens und die weniger Privilegierten vergißt und stets die »Anarchie der Gräser« zu schätzen weiß.

Bei allem Groll und aller eingewurzelter Schwermut zieht sich dennoch durch die Gedichte ein roter Faden des Optimismus. Unter dem Titel »Irgendwo«, der ein Überall meinen könnte, heißt es deshalb:

Die Ängste der Wurzel, ihre helle Wut,
dass sie nicht weglaufen darf,
das soll dir in der Stadt wieder einfallen,
wenn du auf Menschen triffst
zufälligerweise, für die das Leben
einen guten Sinn hat.

Krügers Art, über Europa zu schreiben, verdankt einiges sicherlich auch der amerikanischen Dichtung – von John Berryman über Howard Moss bis Charles Simic –, dies mag ebenfalls als ein Signal zu verstehen sein: daß sich die Dichter über die Grenzen hinweg die Hände reichen, sogar  und gerade dann, wenn die Politiker diesem großen Grenzverkehr einmal mehr abgeneigt sind. Michael Krügers Terrain ist nicht die formale Innovation, sondern die Beobachtung kleiner Dinge voller Mitgefühl und Sympathie, die Träumerei, die manchmal zornig sein muß, damit es noch lange die Möglichkeit gibt, das »Kunstwerk der Wolken« zu betrachten.

Michael Krüger
Mein Europa / Gedichte aus dem Tagebuch. Nummeriert und signiert
Haymon
2019 · 256 Seiten · 32,00 Euro
ISBN:
978-3-7099-3483-8

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