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Kritik

Edition Poeticon: „Tier“ - Mikael Vogel und „Beugung“ Christian Metz

Hamburg

In der Reihe Poeticon des Verlagshauses Berlin, legt Mikael Vogel mit seinem Poetik Essay „Tier“ eine Streitschrift für ein Miteinander von Mensch und Tier vor. Obwohl schon diese Formulierung nach der Lektüre seines Büchleins problematisch erscheinen muss. Eine klare Spaltung in Mensch und Tier, macht Vogel in diesem Aufsatz klar, ist grundverkehrt und vielleicht der Ursprung von allem, was den Tieren das Leben auf diesem Planeten zunehmend zur Hölle macht, sofern sie nicht ohnehin längst ausgerottet worden sind. Zugleich ist Vogels Buch eine Poetik, die für die gelingende Verbindung von Wissenschaft und ___STEADY_PAYWALL___Lyrik streitet, und der Frage nachgeht, wie Lyrik von der Welt als Ganzer erzählen kann, nicht lediglich vom egozentrischen Kreisen des Menschen um sich selbst. Damit der Mensch sich seine Überlegenheit glauben kann, verdinglicht er das Tier, was es wiederum einfacher macht, es zu töten und zu essen.1 Ein Mechanismus, der, so Vogel, häufig auch im Tiergedicht greift.

Aber statt sich an die Inschrift Dantes über dem Tor zur Hölle zu halten, und alle Hoffnung fahren zu lassen angesichts sieben aussterbender Tierarten pro Stunde und den 1,25 Mrd. bei den verheerenden Buschfeuern in Australien ums Leben gekommenen Tieren, sucht Vogel nach einer Poetik, die dazu beitragen könnte, Verantwortung zu übernehmen. Als immerwährende Aufgabe des Gedichtes sieht er den Kampf gegen die menschliche Begrenztheit, also eine Erweiterung des Horizonts.

An diesem Punkt trifft er sich mit Christian Metz, der in seiner Poetik „Beugung“ ebenfalls nach den Kapazitäten der Lyrik für eine Ausdehnung des Blicks sucht. Während Vogel in seinem Essay das Fazit zieht, dass Menschen Tiere nicht zuletzt brauchen, um die Möglichkeiten ihrer Selbsterfahrung auszuschöpfen, konzentriert sich Metz auf die Möglichkeit der Lyrik durch Verschränkung gegensätzlicher Elemente, etwas Neues hervorzubringen. Allerdings nicht indem größtmögliche Nähe oder gar Identifikation hergestellt würde, es ist vielmehr die Anerkennung der Dynamik zwischen Realität und Fiktion, die die Distanz der Betrachtung auflöst. Diesem Phänomen wird die aus der Physik entlehnte Theorie der „Beugung“ gerecht. Es geht „[…] um ein Überfließen des einen Mediums in ein anderes.“ Wobei die Lücke, die diesen Prozess erst ermöglicht konstitutiv für den gesamten Vorgang ist. Die Differenzen bleiben erhalten, durchdringen sich aber, wodurch etwas Neues entsteht. „Beugung denken, heißt daher immer auch: Differenz denken.“ Voraussetzungen, so Metz, die es erlauben „[…] Eigenschaften von Texten in den Fokus zu rücken, die bislang nicht zu erfassen waren.“

Wie ist Identität unter den Maßgaben der Verschränkung zu denken? Ein Punkt, der auch in Vogels Essay eine herausragende Rolle spielt, wobei Vogel sich eher darauf konzentriert, wie folgenreich das Konzept von Identität ist, während Metz es literaturtheoretisch zu entwickeln versucht.

Beiden geht es um eine neue, weiterführende, Möglichkeit des Denkens. Um eine Ausschöpfung der Möglichkeiten, indem scheinbar Feststehendes auseinander genommen und wieder zusammengefügt wird. Beide Autoren stellen Werkzeuge zur Verfügung, neue Denkstile einzuüben und auszuprobieren. Indem sie auf das Lückenhafte der Gegensätze abzielen.

Beiden Poetiken geht es darum Unsichtbares sichtbar zu machen, Zustände, die sich unterhalb der Oberfläche abspielen, ins Bewusstsein zu heben, weil Denken und Handeln, und wie Vogel zeigt, gesamte Lebens- und Überlebensbedingungen, von ihnen abhängen.

 

  • 1. Nach dem inzwischen längst wieder vergessenen „Tönnies- Skandal“, konnte man hier und da aufschlussreiche Artikel lesen, die vor Augen führten, wie sehr nahezu alle Fleischkonsumenten den Vorgang und die Notwendigkeit des Tötens ausblenden.
Mikael Vogel
Tier / Ein Tier schreibt als Mensch ein Gedicht über ein Tier
Verlagshaus Berlin
2020 · 48 Seiten · 7,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-41-7
Christian Metz
Beugung / Poetik der Dokumentation
Verlagshaus Berlin
2020 · 48 Seiten · 7,90 Euro

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