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Kritik

Schilfdünne Säulen

Hamburg

Die erste deutsche Übertragung in Buchlänge des ungarischen Sprachmonopolisten Miklós Szentkuthy wagt Die Andere Bibliothek mit Apropos Casanova, hui was für ein Auftakt. Gibt es bald die hunderttausend Seiten Tagebuch, das Prae und die anderen neun Bände des Brevier des heiligen OrpheusCasanova ist dessen verspieltes Präludium (übersetzt von Timea Tankó), oder gar noch anderes? Szentkuthy war bis zu seinem Tod 1988 ein eigenwilliger, im vorliegenden Nachwort des György Dalos als „literarischer Sonderling à la Proust oder Joyce“ bezeichneter Autor, dessen monumentale Sprachwucher bei Erscheinen allenthalben Kopfschütteln, Unverständnis, Einordnungsschwächen hervorgerufen haben. Im Fall des ___STEADY_PAYWALL___Apropos Casanova, auch ein Publikationsverbot wegen Blasphemie und Obszönität bis ins Jahr 1973. Um es nicht unerwähnt zu lassen: Dergleichen könnte an selbem Ort bald wieder eintreten, in noch ganz anderen Ausmaßen. Doch zurück zum Casanova. In dem schmucken Band zu lesen, erfordert viel Geduld, Appetit, Vorwissen und Freude an der Abschweifung. Zwar im Grunde mit nichts vergleichbar, ist doch ein Sternescher angeschnibbelter Griffel die Flugbahn der begonnen Erzählung, die sich alsbald so verselbständigt, dass vor lauter Abschweifung das eigentliche Ziel, das kommentierende Folgen der Memoiren Casanovas, zur Nebensache gerät.

Es gibt keinen größeren Gegensatz auf der Welt als diesen: In der Prosa stranden oder im Traum den Verstand verlieren, die Nüchternheit kristallisieren oder den größten Luxus bis zum Jugendstil wuchern lassen.

Das Wunderbare an Szentkuthys Stil sind seine verstiegene Syntax, die wie spontan hervorbrechenden Wortklang-Kompositionen, die das Buch gesamt gesehen ein bisschen dem Autorenfoto auf dem Cover gleichen lassen: ins Höchste engagiert mit Gestikulieren, bloß keine Assoziation verhungern zu lassen. Ein wenig ein zappelnder Fisch, der, einmal geangelt, viel zu glitschig ist zum Festhalten. Eine erstaunliche bewegliche Sprache, im Essay wie im Erzählen von fast prahlerischer Flamboyanz, doch im Innersten positiv gestimmt – Hauptsache es geht weiter mit geschriebenem Reden. Die beiden Teile Vita und Lectio sind durchsetzt von spacigen Metaphern, blitzartigen Exkursen, den weit hergeholten, noch glühenden Fragmenten, die sich in den Fluss schieben und ihn zum Zischen bringen. 1938 veröffentlicht, spart sein Autor nicht mit Spötteleien:

D.H. Lawrence ist ein betrunkener Quäkerclown, Sigmund Freud ein hypochondrischer Religionsstifter im Untergrund: lächerlicher Abfall einer vergangenen Kultur, in der Casanovas abstrakte Ratio im Mittelpunkt stand. Casanova weiß alles: Entweder gibt es auch in deinem Leben einmal eine „Orangerie in Tivoli“ oder ein „Muranoquartett“ (ich sehe Toscaninis Affenkopf und seinen Dirigentendolch förmlich über ihnen), und dann weißt du, was das einzig mögliche Liebesglück ist, oder das Schicksal verwehrt dir diesen Zufall und dann wirst du zum Lawrence’schen Pulcinella oder freudschen Scaramuccia.

Was ist Szentkuthys Ziel, was interessiert ihn ausgerechnet an Casanova? „Der Versuch einer Mythologie auf C. angewendet“, ihn als „die Philosophie verneinenden Naturphilosophen zu stilisieren“. Als einen „bravourösen Vernichter von Dualismen und Gegensätzen [...] einem Ausbrecher aus dem 18. Jahrhundert, der nur noch zu sich selbst wird“. Möglicherweise ist der venezianische Literat, Abenteurer und Bettheld auch ein literarisiertes alter ego Szentkuthys, die sich beide einig sind im Umherschweifen, sich frei- bewegen-könnens durch Schlafgemache (C.) wie durch mythologische Auslegung (S.).

Miklós Szentkuthy, der selbsternannte „Verteidiger unrechtmäßiger Assoziation“ schreibt über das Dogma, jene eiserne Werksklaue:

8. Das Eindrucksvollste bei Casanova ist die absolute Sicherheit, mit der er die wesentlichen Charakteristika der Liebe (nicht der idealen, sondern der möglichen, „vergleichsweise besten“ Liebe) befasst. Angefangen bei der Schauspielerei als Urmaterial und der Verwandtschaft von „Locke“ und „Hexerei“, beschreibt er, von was für einem Schmetterlingscharme (einem beinah, aber eben nur beinah undenkbaren Zauber) es sei, als der kleine Casanova Bettina beim morgendlichen Bad versehentlich befleckt, dann geht er über zur monumentalen und unwiderlegbaren Folgerichtigkeit der Heranwachsenden, die sich mit Teufel und Hysterie vollpumpen und sich nur nach dem Einen sehnen, dem „ewigen Ball“. Und nun spricht er, mit der gleichen sentenzhaften Genauigkeit, von der „Dogmatik der Lebensalter“. In Venedig trifft er auf einen siebzigjährigen Herrn, den blassen Malipiero. „Er trifft auf ihn“: Bereits hier sei erwähnt, dass dieses „auf jemanden treffen“ keine faule epische Phrase ist, sondern wie alles in diesem Buch, ein Dogma.
[...] das verantwortungslose Jonglieren mit den Milieus als Wesen der Liebe. Malipiero ist siebzig Jahre alt, Casanova fünfzehn. Beide sind in die Frau verliebt, die in dem Hause gegenüber wohnt. Hier haben wir das Dogma: Die Liebe gehört den Greisen und den Kindern – die Liebe des Mannesalters ist nulla. Das Wesentliche in der Liebe, die grenzenlose Sinnlichkeit und die Grenzenlosigkeit des Träumens findet man nur bei den Schneeglöckchen des Vorfrühlings und bei den letzten gelben Blättern des Spätherbstes. In der Unreife und im ripeness is all.

Es bleibt sehr zu hoffen, dass von diesem großartigen Maniaken, weitere Werke übertragen werden. Wenigstens das legendäre Prae schreit doch förmlich nach Inkludierung in den Modernekanon, als eine gewisse Sorte Literatur immer zugleich auch Experiment in Form & Länge und individualistische Sprachschmiede bedeuten konnte. Apropos Casanova ist lohnende Herausforderung, Einladung, Kosmogonie.

 

Miklós Szentkuthy
Apropos Casanova
Übersetzung:
Timea Tankó
György Dalos
Die Andere Bibliothek
2020 · 312 Seiten · 44,00 Euro
ISBN:
9783847704270

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