Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
container press Johannes Witek
x
container press Johannes Witek
Kritik

Heilende Schnittstellen

Longlist Deutscher Buchpreis 2019
Hamburg

In ihrem Debütroman (der zurecht auch auf der Longlist des deutschen Buchpreises steht) nimmt Miku Sophie Kühmel die Leser*innen mit in ein Ferienhaus in Brandenburg (das gleich neben einem See steht). Es gehört Reik und Max, die an diesem Wochenende im allerkleinsten Kreis ihren 20. Jahrestag begehen wollen. Eingeladen sind nur noch Tonio, ein enger und langjähriger Freund, und seine Tochter Pega, die das gleiche Alter hat wie Max und Reiks Beziehung.

Schnell wird klar, dass die vier ein eingespieltes Team sind – langsamer, dass dieses Wochenende das Ende einer Ära darstellen könnte: Alte und neue Spannungen flackern auf, ausgetretene Pfade zeigen eine Neigung zur Sackgasse, während aufkommende Ungewissheiten von unterdrückten Gewissheiten strapaziert werden. Für die vier versammelten Personen sind die jeweils anderen nicht nur vertrautes Land, über die Zeit sind sie auch zu großen Spiegeln und Projektionsflächen geworden und vieles aus der Tiefe der langgehegten Bilder tritt nun an die Oberfläche …

Kompositorisch ist das Buch klug angelegt: es beginnt mit einem kurzen, einstimmenden Intro, in dem die Ankunft von Max und Reik am Vorabend des geplanten Wochenendes beschrieben wird, dann folgt ein kurzes, szenisch-arrangiertes Intermezzo, bevor ein längeres Kapitel einsetzt, das im Prinzip einen inneren Monolog von Max darstellt. Jeweils unterbrochen von einer kurzen szenisch-arrangierten Sequenz, bekommt nach und nach jede der Figuren ein Kapitel und einen Monolog, in dem ihre Sicht auf das Wochenende und die Beziehung zu den jeweils anderen ausgebreitet, übergreifend aber auch ihre Geschichten erzählt werden.

Dieses Arrangement ist natürlich keine große Innovation, aber seine Vorteile treten schon beim ersten Abschnitt von/über Max klar zutage. In den Monologen stellt sich schnell ein wunderbarer Fluss ein; Abschweifungen wirken darin ebenso organisch wie Sprünge in den Zeitebenen. Gleichzeitig sind die jeweiligen Kapitel geprägt vom Charakter und Fokus der jeweiligen Figur und die Leser*innen lernen nicht nur ihre Selbsteinschätzung kennen, sondern auch die Erkenntnisse und Irrtümer, die sie in Bezug aufeinander angesammelt haben, die sich manchmal ergänzen und manchmal widersprechen (oder auch beides tun).

Ein weiterer Vorteil ist, dass die Psychologie der Figuren aus dem Geflecht der verschiedenen Blickwinkel entsteht und nicht durch eine festgelegte (meist inhärent tendenziöse) Beschreibung einer unabhängigen Erzählerin; am Ende haben die Leser*innen vier voneinander sehr unabhängige Narrative – und gerade dadurch wird es spannend, sich mit den Überschneidungen in/den Entfernungen zwischen den Einschätzungen zu beschäftigen. Und auch das einige nicht ganz unwichtige Aspekte nur kurz aufflackern, fühlt sich innerhalb dieser Erzählstruktur natürlich an, denn die Figuren treibt an diesem Wochenende einiges um, aber nicht alles und nicht alles zu gleichen Teilen. Und manches ist für sie so selbstverständlich, dass es im Fluss der Gedanken nur eine Randnotiz bleibt.

Erfrischend auch die Sprache, die von Anfang an einen poetischen Touch hat, der nie in Kitsch umschlägt (wenngleich die Intro-Sequenz zunächst überinstrumentiert wirkt – im weiteren Verlauf erweist sich dieser Auftaktüberschuss aber nicht als Stilschwäche und wird dadurch zu einer eigenwilligen Qualität), und mit viel Präzision und gut gesetzten Nuancen einen schönen Sog entwickelt. Die Dialoge wirken dann und wann etwas zu agil, zu sehr auf den Punkt (verwandt mit denen in Screwball-Komödien), wobei gerade das manchmal die Dynamik zwischen den Figuren gekonnt unterstreicht.

Ein kleiner Kritikpunkt könnte sein, dass ein paar eskalative Momente des Buches, bei aller klugen Heranführung und Umkreisung, zwar als Potenzial in den Figuren und Situationen angelegt sind, aber doch etwas unvermittelt an die Oberfläche treten. Ich sage „könnte sein“, denn letztlich wirkt auch diese Unmittelbarkeit sehr glaubwürdig und fügt sich vor allem in die Grundstimmung des Buches ein.

Diese Grundstimmung ist eine sehr ambivalent-fragile. Alle vier Figuren haben klare biographische Eckfeiler, zentrale Passionen, nachvollziehbare Dynamiken, doch dazwischen lässt die Autorin viel Raum für flirrende – vielleicht entzündliche, vielleicht auch schon verglühende – Gefühlsfunken, die durch verschiedenste Reibungen an den Themen und Persönlichkeiten der jeweils anderen entstehen und sich oft keiner klaren Kategorie, keinem klaren Gefühlkosmos zuordnen lassen.  

Ihr Verhalten ist somit oft Gefangener eines lange aufgebauten, miteinander gewobenen Sehnsuchtsgeflechts, das lustvoll schnürt oder unbarmherzig fesselt und festhält, so sehr man auch stillhält bzw. daran reißt. Doch dieses Sehnsuchtsgeflecht schimmert nur durch, wird fein angedeutet im Strudel der Monologe, tritt nur selten klar hervor. Inmitten des Geflechts: Ein vaterloses Paar, ein Vater, der nie etwas anderes gewesen ist und eine von drei Männern aufgezogene Frau und ihre komplexen Verbindungen, Verhältnisse und Vertrauensmodi.

Kintsugi, der Titel des Buches, verweist auf eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik – eine poetische Metapher für die Möglichkeit, auch das noch retten zu können, was nach langer Zeit zerbricht? Um dies und um viel mehr geht es in Kühmels Debüt, das leichtfüßig ist und dabei immer wieder überrascht mit seinen weitreichenden erzählerischen Qualitäten. Am Ende ist es auch ein wunderbares Buch über die Vielgestalt und Ambivalenz menschlicher Gefühle – ohne dass es einem diese Qualität jemals unter die Nase reiben oder groß ankündigen würde. Es ist ein sehr menschliches Buch und das ist, in meinen Augen, eine sehr wichtige Qualität.

Miku Sophie Kühmel
Kintsugi
S.Fischer
2019 · 304 Seiten · 21,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397459-1

Fixpoetry 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge