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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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Kritik

Was ist eine falsche Freundschaft?

Kein Verhältnis, keine Liason, eine Affäre schon gar nicht.
Hamburg

Longlist Deutscher Buchpreis 2017

Was eine Freundschaft ist, glauben wir zu wissen. Aber was ist eine falsche Freundschaft? Freundschaften halten im seltenen Glücksfall ein Leben lang. Es gibt Zeiten, in denen man gemeinsam die Zeit wunderbar totschlägt. Es gibt Zeiten, in den man wütend ist auf den Freund, die Freundin. Und es gibt Zeiten, da ist die Freundschaft vorbei.

Falsche Freunde kennen wir aus der Begegnung mit Fremdsprachen. Man schaue sich nur Wikipedia an, wie viele Arten es von interlinguistischen falschen Freunden gibt.

Doch was eine falsche Freundschaft ist, soll ich nun durch Mirko Bonnés neuen Roman „Lichter als der Tag“ erfahren. Das mittlere von drei Kapiteln ist übertitelt: „Facetten einer falschen Freundschaft“. Die Facetten können wir gleich klären. Der Held, besser der Antiheld des Romans mit dem klingenden Namen Raimund Merz, lebt im falschen Leben, das er sich mit Hilfe einiger Lügen und Selbstverleugnungen bereitet hat. Und eine Flucht, eine Nische ist sein – absehbar absichtlich sehr symbolisch angelegtes – Interesse für Wespen und deren hunderttausend Arten und Unterarten. Wespen haben bekanntlich wie alle Insekten Facettenaugen, lauter kleine einzelne Augen, die die Umgebung scannen, vielleicht mit dreidimensionalen Pixeln vergleichbar. Die Frau in der Viererbeziehung der falschen Freundschaft, Inger, die Merz liebt, aber nicht heiratet, malt in einer späteren Phase ebenfalls in Facetten. So, und nun zu den Facetten der Freundschaft, die eine falsche war. Die vier kennen sich als Jugendliche. Inger, die Dänin, Floriane, die ihr Deutsch beibrachte, Moritz mit den Protzeltern und Raimund, der Zögerer. „Sie waren alle vier verzweifelt, jeder auf eigene Weise“, heißt es bei Bonné. Floriane, die Früherweckte, hat was mit Moritz. Aber „ausgestreckt mit geschlossenen Augen, lag Flori im Gras und Moritz streichelte und küsste sie, aber blickte dabei Inger an, die ihm zulächelte“. Der Anfang vom Ende (der Freundschaft). Flori gibt Moritz zehn Minuten, sich zu entscheiden, dann zehn Sekunden – und Moritz geht zu Inger. Obwohl Raimund sich zu Inger hingezogen fühlt und sie sich zu ihm: „Sie dachte oft, eigentlich müsste sie mit Raimund zusammen sein und irgendwo am Meer leben, bloß er und sie. Er war so empfindsam“. Denkt Inger. Bleibt aber bei Moritz und die beiden Übriggebliebenen tun sich zusammen. Der Bezug zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ wird schon im Klappentext vorgegeben. Mir fällt noch Shakespeares „Sommernachtstraum“ ein, da ist das überkreuze Liebesquartett lustiger. Aber Bonné mag es nicht lustig. Diese Viererkonstellation, die von Anfang an gesetzt ist, deren Genese man sich aber in vielen „Facetten“ zusammenstoppeln muss, unterliegt weiteren Prüfungen. So bekommt Inger ein Kind von Raimund, das sie Moritz unterschiebt, der keine Kinder bekommen kann und dieses Kuckuckskind aber annimmt. Diese Zeit, die Inger und Raimund miteinander verbringen und gemeinsam ihre Kindheitstraumata aufarbeiten und voller Absicht das gemeinsame Kind zeugen, lautet bei Bonné so: „Kein Verhältnis, keine Liason, und eine Affäre schon gar nicht“. Sie fahren, als wären wir noch bei Tolstoi, im Sommer und im Winter Kutsche. Richtig gelesen, eine Kutsche mit Pferden davor. Danach heiratet Raimund Flori und macht ihr auch ein Kind, damit das nicht so auffällt. „Zu keiner Zeit zweifelte Inger daran, aus Liebe oder Freundschaft etwas Gutes für sie alle vier zu tun“. Den beiden Betrogenen widerfährt keine Gerechtigkeit, jedenfalls nicht vom Autor. Moritz und Floriane sind herzlich unsympathisch gezeichnet. Floriane, die kalte karrieresüchtige Kieferchirurgin, die nicht einmal von der 11-jährigen Tochter vermisst wird. Moritz, der sich nie ganz dem Business-Denken seiner Eltern entziehen konnte, stirbt im Laufe des Buches. Bleiben die zwei, Inger und Raimund, denen die ganze ungerechte Sympathie des Autors gehört: Sie, die kein Problem hat, ihrer Tochter viele Jahre den leiblichen Vater vorzuenthalten – Pippa erfährt erst kurz vor dem Tod von Moritz, dass sie nicht seine Tochter ist. Diese Inger muss eine vom Autor konstruierte Schuld am Tod der Eltern mit sich herumschleppen, von der allein Raimund sie erlösen kann. Und Raimund – ohje – er lügt sich und Flori die Taschen voll, der Leser ist regelrecht erleichtert, als er erfährt, Flori hat ihm das nie geglaubt. Sie ist aufgrund der Zwangsverbindung der Übriggebliebenen immer misstrauisch geblieben. Völlig unklar, warum sich die vom Autor anfangs lebenslustig gezeichnete Frau nicht längst einen Liebhaber gesucht hat. Undsoweiter. Der Rahmen des Dramas ist die Entführung von Floris und Raimunds jüngster Tochter durch Raimund nach Frankreich, wo sie ein dreiviertel Jahr leben, bis sie von einem Freund aufgespürt werden. Es zieht Raimund in die Nähe eines Gemäldes von Camille Corot, dessen Sujet und Licht ihn erregt. Das er dann mit Hilfe seiner 11-jährigen Tochter aus dem Rahmen schneidet und zusammenrollt (hat schon mal jemand versucht, ein Ölbild zu rollen? Ich behaupte, da bleibt nicht viel übrig). Bei der späteren Gerichtsverhandlung geht er straffrei aus. Warum Raimund mit der Tochter nach Frankreich flüchtet, wird später damit erklärt, dass er den Tod des Freundes Moritz nicht wahrhaben wollte. Doch eine Freundschaft? In dem Volkslied „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“ heißt es: „wenn der Tod mir nimmt das Leben, hör ich auf, dein Freund zu sein“.  Wenn Moritz Raimunds Freund war, was sich durch viele Seiten des Romans zieht – in einer der vielen Nebenhandlungen sind die beiden auf einem Roadmovie durch Schweden – und er mit dessen Tod nicht klarkam, was oder wer war dann falsch in dieser Freundschaft? Floriane doch sicher nicht, sie forderte Entscheidungen und musste sich dann mit der zweiten Wahl zufrieden geben. Inger, die die Fäden zog und die meisten Geheimnisse mit sich herumtrug?

Mirko Bonné arbeitet mit viel Symbolik, der Romantitel ist ein Zitat von Andreas Gryphius, ebenso der Spruch auf einem Banner zum Flashback im Hamburger Bahnhof (die schönste Szene des Romans), die Wespen und ihre Eigenarten nehmen einigen Raum ein und unglaublich viel „Licht“, Gemälde, vor allem das von Corot, dessen Sujet er am Originalort des Motivs mit Inger sogar spiegelt. Mir hätte es gereicht, wenn er sich mit dem Phänomen Freundschaft genauer auseinandergesetzt hätte, dass es geschehen kann, dass aus Freundschaft Liebe wird, dass Freundschaften brachliegen, sogar umschlagen können in Hass. Im Grunde erzählt er das mit Raimund und Moritz, mit Inger und Flori. Für mich jedoch nicht so beglückend wie für andere Rezensenten, die Bonnés „Lichter als der Tag“ bereits auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis sehen, die am 12. September bekannt gegeben wird.

Mirko Bonné
Lichter als der Tag
Schöffling & Co
2017 · 336 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-408-8

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