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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
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kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Schockfrost

Hamburg

Sarah und Kaspar waren einmal ein Paar. David, der Dave genannt werden will, ist ihr 15-jähriger Sohn. Eine solche Familiensituation klingt allzu vertraut und doch ist hier gleich von Beginn an einiges anders: Sarah und Kaspar haben denselben Beruf, Psychiater, haben früher zusammengearbeitet, bis es nicht mehr ging. Zu unterschiedlich sind die Positionen, die sie vertreten: Ab welchem Punkt führt Hilfe zu einer schrittweisen Entmündigung? Ab welchem Punkt wird ein Mensch für sich und andere gefährlich? Wann ist Kontrolle unabdingbar und wann beginnt Paranoia?

Schon die ersten Seiten dieses Thrillers führen in verstörende Szenen, die klarmachen, dass Normalität von jedem als etwas anderes empfunden wird. Sarah, die Praxis, Kind, die Wochenendbesuche der geliebten behinderten Schwester im Rollstuhl und eine zart startende neue Liebesbeziehung unter einen Hut zu bringen versucht, erreicht schnell ihr Limit. Ihr Alltag gerät aus dem Trott. Es kann nicht nur die Pubertät Daves sein, nicht nur am Kontrollwahn ihres Ex oder dem neuen Therapeuten, der die leer stehende Praxis in ihrem Haus gemietet hat, liegen. Till, der Mann, in den sie sich verliebt hat, agiert als Helfer in der Not, als auch noch ein schwieriger Patient alles verkompliziert, und Dave zu lügen beginnt. Plötzlich passieren Dinge, die nichts mehr mit Sarahs normalem Leben zu tun haben, es häufen sich winzige Schrecken, die wachsen und unerklärbare Schatten werfen.

Rasant führen Mitra Devi und Petra Ivanov auf einen unerwarteten Höhepunkt zu. Denn der Leser wird gleichzeitig mit einem Drama konfrontiert, das nur zwei Jahre zurückliegt, das nichts mit Sarah zu tun hat und das trotzdem ihre Zukunft beeinflussen wird.

Doppelautorenschaften sind oft spannend, schon allein, wenn man sich den Arbeitsprozess vorzustellen versucht. In diesem Fall erwartet uns ein spezielles Vergnügen: Die Schweizerinnen Mitra Devi und Petra Ivanov sind gut eingeführt in der Krimiszene, sie haben jede für sich eine besondere Stimme entwickelt und eine persönliche Vorliebe für soziale, knifflige Schwerpunkte. Trotzdem haben sie es geschafft, einen Roman zu schreiben, in dem es keine Brüche gibt, keine verräterischen Übergänge. Dazu kommt für Nichtschweizer das Idiom, das sprachliche Eigenheiten wunderbar pflegt und so den Leseblick auf die Vielfalt der deutschen Hochsprachen lenkt.

Das Thema, das den Thriller prägt, ist die Moral bzw. Scheinmoral, mit der die Gesellschaft mit psychischen Kranken umgeht. Das ist in der Schweiz genauso wie anderswo – und wäre schwere Kost, wenn es nicht so gut dargestellt würde wie in diesem Band. Im ersten Viertel wird das Tempo noch zurückgehalten, notwendige Informationen zur Schweizer Lage und Befindlichkeit werden sorgsam dosiert eingebaut und verschränkt mit Splittern aus der bedrohlich klingenden Vergangenheit.

Alle Figuren haben Stärken und Schwächen, keiner erscheint auch nur ansatzweise als plakativer Held. Bis auf Till, der als unabhängiger Künstler anderen Arbeitsregeln folgt, könnten alle Charaktere wir selbst sein, erleichtert vermutlich, nicht Sarahs Last schultern zu müssen, mit Verständnis für die Positionen aller, auch Kaspars, auch der geschilderten Patienten. Und Dave ist ein Sohn, der zwar in den Wirren ums Erwachsenwerden natürlich die erwartbar falschen Entscheidungen trifft, jedoch mit seiner liebevollen Loyalität seiner behinderten Tante gegenüber genauso überrascht wie die anderen Personen. Wegen dieser Stärke geht der Roman so unter die Haut.

Denn die heile Welt der Schweiz ist natürlich genauso schadhaft wie unsere. Und selten werden komplexe Zusammenhänge so gut aufgefächert und mithilfe von Krimifiktion so gut dargestellt wie hier. Wer sich also mit einem schwierigen Thema auseinandersetzen und gleichzeitig wirklich spannend unterhalten werden möchte, ist mit „Schockfrost“ gut bedient.

Mitra Devi · Petra Ivanov
Schockfrost
Unionsverlag
2017 · 320 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-293-00523-5

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