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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Im Krieg ist alles erlaubt. Auch das Schulschwänzen

– Monika Helfer erzählt die Geschichte ihrer Familie im Ersten Weltkrieg
Hamburg

Eine der schönsten Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts stammt von Raymond Radiguet und erschien im französischen Original 1923 unter dem Titel „Le diable au corps“. Darin erzählt Radiguet in einfachen Worten von der Beziehung eines 15-jährigen Jungen mit einer drei Jahre älteren Soldatenbraut während des Ersten Weltkrieges. Die Handlung ist autobiografisch und endet tragisch: Ein Kind wird geboren, die Mutter stirbt. Nicht der leibliche Vater, sondern der heimgekehrte Witwer kümmert sich um das Kleine. 

So ähnlich und doch ganz anders verhält es sich in Monika Helfers Geschichte über ihre vorarlbergischen Großeltern, die ebenfalls in der Zeit des Ersten Weltkrieges angesiedelt ist. Auch die nüchterne Sprache und der schmale Umfang des Buches erinnern an Radiguet.

Maria ist die mit Abstand schönste Frau des Dorfes, allseits bewundert, in erster Linie aber begehrt, was auch ihrem Mann Josef nicht entgangen ist. Als er bei Kriegsausbruch 1914 zum Militär eingezogen wird, gibt er dem Bürgermeister (der zugleich ein Geschäftspartner ist) den Auftrag, ein Auge auf Maria zu haben. Dass er damit sprichwörtlich den Bock zum Gärtner macht, muss Marie schmerzlich erleben. Nachdem die Annäherungsversuche des Bürgermeisters, anfänglich noch durch Freundlichkeit und Aufmerksamkeit, allesamt ins Leere laufen, lässt er seine Zurückhaltung fallen und setzt stattdessen auf körperliche Bedrängung und Einschüchterung. Das geht soweit, dass Maria ihre Kinder auffordert, nicht mehr in die Schule zu gehen, sondern bei ihr zu Hause zu bleiben. Mit der Schrotflinte in der Hand sitzt Lorenz, ihr Ältester, fortan am Küchentisch, wenn der Bürgermeister in Sichtweite kommt.

Das alles wäre, so unangenehm es ist, noch verkraftbar, hätte Maria sich nicht tatsächlich in einen anderen Mann verliebt. Der heißt Georg und kommt aus dem fernen Hannover. Kennengelernt hat sie ihn bei einem Dorffest im Nachbarort; wenige Tage später stand er vor ihrer Tür.

Was dann geschieht, bleibt im Detail ungewiss; denn auch die Autorin hat es nie genau erfahren. Ihre Großmutter, Maria, ist nicht lange nach dem Krieg gestorben; die einzig verbliebene Quelle aus jener Zeit war Tante Kathe, die wortkarge ältere Schwester der Mutter. Geboren wurde die Mutter 1915.  

Womit man beim Kern der Handlung angelangt ist, dem Skandal – oder vermeintlichen Skandal – in der „Bagage“, wie die Mosbrugger-Familie im Dorf abschätzig genannt wird: Marias Schwangerschaft! Denn dass Josef damit etwas zu tun haben könnte, glaubt, trotz zweimaligen Fronturlaubs, kaum jemand; zumal als der Pfarrer höchstselbst anrückt um das hölzerne Kruzifix vom Haus der „Bagage“ abnehmen zu lassen. Von oberster Instanz scheint die Angelegenheit damit besiegelt, zu Ungunsten Marias. Zeitlebens wird Josef Grete – so der Name von Marias Tochter, der späteren Mutter der Autorin – keines Blickes würdigen, nie das Wort an sie richten. Darin unterscheidet sich Monika Helfers Geschichte von der Raymond Radiguets.  

„Die Bagage“ ist eine eindrückliche Geschichte, die – trotz diverser Zeitsprünge – im nüchternen Gewand einer linearen Erzählung daherkommt. Was daran liegt, dass die Ausblicke nicht die eigentliche Handlung berühren, sondern lediglich der Einordnung dienen. Mit der anrührenden Geschichte ihrer Großmutter hat Monika Helfer eines der schönsten Bücher dieses Frühjahrs vorgelegt, unaufgeregt im Ton und tief in der Substanz.

Monika Helfer
Die Bagage
Hanser Verlage
2020 · 160 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26562-2

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