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Kritik

Ästhetische Kategorien: gute Beiträge in einem ... Band

Hamburg

Der vorliegende Band von Monika Leisch-Kiesl, Max Gottschlich und Susanne Winder nähert sich thematisch vage dem Verhältnis von Kunstwissenschaft und Philosophie an, bzw. deren Kategorien, wobei es dann zum Schönen, zum Erhabenen, zur Performance etc. je Essays gibt, die irgendwie etwas ergeben sollen, was aber wie Tagungsbände (hier das Resultat einer Ringvorlesung) ja oft ohne roten Faden auskommt, wobei das Rhizom, das so einen Essay verdient hätte, nicht behandelt wird, wenn man vom Wörtchen „rhizomartig” absieht. „Kategorien”, so die Herausgeber, „mutieren [...] vielfach zu Schlagworten” ... hier so gesehen auch.

Immerhin ist dann bei Gottschlich bald eine Schlagrichtung doch klar, nämlich, daß Ästhetik als „Rationalitätskritik” Begriffen nicht immer sich erschließen mag – wobei die Herleitung der Begriffe zuvor, etwa, daß „das Hässliche als Organon der Gesellschaftskritik fungieren” könne, sehr didaktisch ist, anders formuliert: entdifferenziert bis zur Einführungsvorlesungstauglichkeit. Das gilt noch für manchen Abschnitt, etwa zur Monade, „Individualität von Erfahrung in ihrer Pluralität der Räume und Zeiten” im „Sinne der Leibniz’schen Monade” – das ist die Art von Mini-Exkurs, den man besser unterläßt ... nicht nur, wenn man derlei mit Eggers Buch vergleicht, das ungleich klarer und anregender ist. Zuletzt mündet das Grundsatzreferat Gottschlichs in ein Plädoyer für „ein Wachhalten des Bewusstseins der Totalität gegenüber [...] Einseitigkeiten”, Wachhalten, nicht zum Beispiel Wecken oder gar Konstruieren und dergleichen, denn wer das Totale will, muß sich ja schon erweckt fühlen.

Wilhelm Lütterfelds diskutiert dann kurz Dissens, etwa, daß etwa aus gleichem Diskurs verschiedene Urteile resultieren können, wenn es um die Ästhetik konkret des Fensters von Gerhard Richter im Kölner Dom geht, worüber er mit Bischöfen vor Ort sprach. Dennoch, fast sogar: darum sei die Diskussion über das, was zum Beispiel „intersubjektiv und allgemein” – ist das dasselbe? – gilt, nicht „sinnlos”, wie es die Aussage wäre, Geschmack könne oder solle „intersubjektiv und allgemein” sein.

Über die Entgrenzung des Ästhetischen schreiben danach Leisch-Kiesl und Winder, quasi gegen Gottschlichs Gut-Wahr-Schön-Text. Hier wird so etwas wie ein Kompositionsprinzip des Bandes nachgereicht:

„Inwiefern helfen ästhetische Kategorien künstlerische Strategien und Artefakte zu erschließen und auf dieser Basis mit philosophischen Denktraditionen und Reflexionskontexten in einen Diskurs zu treten?”

Das ist nach 50 Seiten mäßig erhellend und erstaunt vor allem, weil immerhin damit vorausgesetzt wird, daß ästhetische Kategorien künstlerische Strategien und Artefakte zu erschließen helfen und mit philosophischen Denktraditionen und Reflexionskontexten in einen Diskurs treten sollen und können, wobei ich fast vermute, daß aber gemeint war, es sollten durch die ästhetischen Kategorien besagte künstlerische Strategien und Artefakte in einem solchen Diskurs treten können. Die Frage ist unklar, die Antwort fehlt.

Im nächsten Beitrag kommt dann ein wunderbarer Satzanfang, der quasi-dadaistisch mit nationalen Vereinnahmungen umgeht, aber das dürfte gar nicht so gemeint sein, wieder diese Unschärfen ... jedenfalls: „Ai Weiwei, Bang, der deutsche Beitrag auf der 55. Biennale in Venedig [...] im Französischen Pavillon” ... gekonnt..!

„Wenn man von vornherein weiß, was Schönheit ist, verlässt man diese Installation [...] irritiert, nicht selten verärgert.”

Also verläßt man sie öfters, aha, aber der Satz will die Irritation als Qualität herausarbeiten, gut. Dann kommt die Gegenseite, „Rhythmik und Harmonie” seien doch gegeben, dazu „Gerüche – das Holz, die Menschen im Raum –, Temperaturempfindungen”, sehr sensibel und sophisticated, was wäre ein Museum ohne die Ausdünstungen seiner Besucher, richtig, richtig ... und dann ist man bei den „nicht mehr schönen Künsten”, ganz ohne Erwähnung von Jauß und Poetik und Hermeneutik III, bis alles wieder verpufft, vielleicht, weil die „äußerst lohnende Debatte zwischen Semiotik und Hermeneutik” auch nur erwähnt wird...

Nun ist manches in diesem Band wirklich klug und man will diesen Beiträgen nicht Unrecht tun, indem man über das, was sich da sehr langsam (und teils nicht) entfaltet, kritische Annotationen macht ... also noch ein paar Leseempfehlungen:

Stephan Grotz’ Hegel-Lektüre mit Marquard gefällt, vielleicht, weil er den roten Faden, wo er ihn verliert, mit Grund verliert, Andrei Pops genauer Blick auf „mit dem Zobelpinsel gemalt(e)” Details, die man sich fast schon nur einzubilden meint, wird noch spannender, wo er von der erforderlichen Findigkeit” beim Interpretieren von Details schreibt, die diese verlangen, „bevor wir sie überhaupt bemerken”, auch das „Zeigen des Nicht-Zeigens” u.a. mit Wittgenstein, von Christian Spies durchexerziert, ist erhellend – und zwar auch in Bezug auf Wittgenstein, dessen Big Typoscript hernach Theorie und Tableau wird. Und sowieso höchst lesenswert ist, wie Günther Pöltner Musik als etwas, das Zeit habe und sich so dieser als „gleichförmige(r) Jetztfolge” entzieht, beschreibt: worin „uns gegeben” „wird”, in diesem Moment. Auch die Überlegungen Isabella Guanzinis zur „Umrahmung des Realen” sind nicht unklug, wiewohl da stört, wie Simmels Essay zum Thema, der fast alles, was hier hierzu gesagt wird, formuliert, nicht berücksichtigt wurde.

Man kann also zu diesem Band natürlich greifen und sich einiges erwarten, bloß kompositorisch ist das Ganze etwas vage geblieben, man weiß am Ende, was manche der Beiträger wollten, das läßt sich vom Buch so nicht sagen.

Monika Leisch-Kiesl (Hg.) · Max Gottschlich (Hg.) · Susanne Winder (Hg.)
Ästhetische Kategorien · Perspektiven der Kunstwissenschaft und der Philosophie
[transcript]
2017 · 434 Seiten · 34,99 Euro
ISBN:
978-3-8376-3591-1

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