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Kritik

Gedicht-Generationen

Postpoetry: Gedichte für den Unterricht
Hamburg

Als im Sommer 2012 mein Telefon klingelte, rechnete ich nicht mit einem Anruf von Monika Littau, die mir mitteilte, dass ich im Herbst für mein Gedicht „zaman“ (das später in „Istanbul Bootleg“ erschien) den postpoetry.NRW-Preis erhalten sollte. Ein schöner Augenblick war das. Weil es, soweit ich mich erinnere, das erste und fast das einzige Mal war, dass ich mich auf einen Literaturpreis beworben hatte – und weil es dieser Preis war.

Bei postpoetry.NRW bekommt die Jury nur die Texte. Wer sie geschrieben hat, erfahren die JurorInnen erst, wenn die Entscheidung gefallen ist. Das sorgt für Unvoreingenommenheit und darf gerne ___STEADY_PAYWALL___für sämtliche anderen Literaturpreise übernommen werden. Denn es hindert erstens den Teufel daran, immer auf den größten Haufen zu scheißen – und zweitens birgt es das Potential, auch mal AutorInnen ins Licht zu rücken, die sonst gerne übersehen werden. Was bei postpoetry auch mehrfach gelungen ist.

Dass die Preisträgergedichte Jahr für Jahr auf Postkarten gedruckt und in großer Auflage in Umlauf gebracht werden, ist eine ebenso wunderbare Idee wie die Tatsache, dass AutorInnen und ihre Texte in die Schulen gehen, dass Schülerinnen und Schüler Gelegenheit erhalten, mit ihnen über Literatur zu sprechen. Im Laufe der Jahre habe ich einige dieser Schullesungen in NRW moderiert und war immer wieder davon angetan, wie groß doch das Interesse einiger SchülerInnen am Austausch ist und wie interessant und überraschend auch manche ihrer Fragen. Ich halte diesen Austausch für wichtig. Denn zu oft ist die Literaturvermittlung an den Schulen von der Realität entkoppelt, hangelt sich anhand klassischer Texte an fragwürdigen Analyseschemata entlang, zu oft versagt sie in ihrer Kernaufgabe komplett: Den SchülerInnen Lust aufs Lesen, aufs Entdecken zu machen. Zu oft erreicht sie das genaue Gegenteil. Deshalb ist eine Einrichtung wie postpoetry so wichtig.

Und auch wegen eines zentralen Elements, das es sonst so nirgends gibt: Bewerben können sich nicht nur 'etablierte' DichterInnen, sondern auch der Nachwuchs im Alter von 16 bis 24 Jahren. Für junge Talente, die sich vielleicht noch nicht richtig einschätzen können, die noch nicht wirklich wissen, ob ihre Texte Potential haben und ob das Schreiben bloß ein Hobby ist oder etwas, das sie weiterverfolgen sollten, ist postpoetry unbezahlbar – ebenso wie der Motivationsschub, den so eine Auszeichnung bedeutet und obendrein die Gelegenheit, sich mit älteren Dichter-Semestern in Workshops und darüber hinaus austauschen zu können. Dass die Texte der Jüngeren sehr nah an der Lebenswelt, am Empfinden, Denken, Sprechen ihrer Altersgenossen dran ist, gibt der Vermittlung in den Schulen einen zusätzlichen Schub. Ich möchte sagen: Besser kann man es kaum machen!

Eine neue Anthologie unter dem Titel „bis die Smartie-Ampel auf Grün springt. postpoetry.NRW – Poesiebotschaften aus fünf Wettbewerbsjahren 2015-2019“, herausgegeben von Monika Littau in der Düsseldorfer Edition Virgines, folgt exakt dieser Idee. Es sind „Gedichte für den Unterricht“, und das kleine handliche Buch wurde in beachtlicher Auflage den Schulen im Land zur Verfügung gestellt. Man darf hoffen, dass es dort intensiv Verwendung findet.

Auf 150 Seiten finden sich Gedichte der PreisträgerInnen der letzten Jahre nebst den „Zugänge“ genannten Jurytexten, die von simpler inhaltlicher Nacherzählung bis zum komplexeren Interpretationsansatz oder kontextualer Einordnung reichen und Ansätze zum Umgang mit den Poemen bieten. Sie sollen aber keineswegs fest gefügte Wegweiser sein, so stellt Littau im Vorwort klar, sondern „zur Debatte über unterschiedliche Sichtweisen einladen“.

Das ist gerade im Deutschunterricht so wichtig: Zu verstehen, dass es die eine Interpretation nicht gibt, nicht geben kann, sondern allenfalls Annäherungen. Dass es gar nicht weiter wichtig ist, was AutorInnen sich beim Verfassen von Gedichten gedacht haben, sondern dass es viel wichtiger ist, was ein Gedicht mit seinen LeserInnen macht, was es in ihnen auslöst. Und das darf auch durchaus gar nichts sein, darf Missfallen und Desinteresse sein. Man darf Gedichte schlecht finden. In einer solchen Sammlung wird jede/r SchülerIn das ein oder andere Gedicht finden, indem man sich spiegeln kann, das eine Saite anschlägt, ein Link zum eigenen Leben oder zu eigenen Fragen ist.

Apropos Link: Für die Arbeit im Unterricht liegt der Band auch als kostenlose PDF vor – und neben jedem Gedicht findet sich ein QR-Code, hinter dem sich biografische Informationen der VerfasserInnen verbergen. Es ist ein Buch zum Weiter-Lesen.

Und es ist ein Buch, das etwas demonstriert, das mich persönlich sehr fasziniert hat, als ich mich 2012 erstmals – und seither immer wieder – besonders mit den Texten der NachwuchsdichterInnen befasst habe: Wie gut, wie technisch versiert, wie inhaltlich originell viele dieser Texte sind. Oft ist kaum ein Unterschied zu den Texten der 'etablierten' erkennbar, oft sind, wage ich zu sagen, die Beiträge der Jüngeren sogar besser, weil frischer, unverstellter, offener, verspielter, thematisch breiter. Auch dafür ist postpoetry ein Seismograph: Für eine junge, gerade aufs Parkett drängende DichterInnengeneration, von der wir noch sehr viel hören und lesen werden – zumindest hoffe ich das.

Monika Littau (Hg.)
Bis die Smartie-Ampel auf Grün springt. /postpoetry.NRW.
Edition Virgines
2020 · 150 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-3-948229-17-7

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