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Kritik

An den Toren zur neuen Hölle

Mordechai Striglers literarischer Erfahrungsbericht aus dem Inneren des Arbeitslagers Skarżysko-Kamienna
Hamburg

Nach dem 2016 erschienenen „Majdanek. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager“ hat der zu Klampen Verlag nun den Nachfolgeband Mordechai Striglers, „In den Fabriken des Todes. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Arbeitslager Skarżysko-Kamienna“, vorgelegt. Das macht Sinn und entspricht der Chronologie der Geschehnisse, die Strigler beschreibt. Ende Juli 1943 war er in einem Häftlingstransport vom KL Majdanek – KL war die offizielle Abkürzung für Konzentrationslager, später setzte sich im Sprachgebrauch KZ durch – in das Werk C des Arbeitslagers Skarżysko-Kamienna überstellt worden. In Skarżysko-Kamienna wurden im großen Stil Munition und Minen für die deutsche Wehrmacht hergestellt. Nachdem man zunächst vor allem auf polnische Zwangsarbeiter gesetzt hatte, hatte der Nachschubbedarf an der Front im Laufe der Jahre 1941 bis 1943 derart zugenommen, dass auch jüdische Lagerinnsassen für die Produktion herangezogen wurden. Das dahinterstehende Ziel war unverändert ihre Vernichtung, doch, so das zynische Kalkül, sollten sie zuvor noch dazu beitragen, die deutsche Wehrfähigkeit zu steigern. Den täglichen Umgang mit hochgiftiger Pikrinsäure, dem die geschwächten Frauen und Männer ohne jegliche Schutzkleidung ausgesetzt waren, überlebten sie in der Regel nur wenige Monate, wenn sie nicht bereits zuvor der Willkür und dem Sadismus ihrer Bewacher zum Opfer fielen.

An diesem Ort ist Striglers Bericht angesiedelt, der wie „Majdanek“ in Form einer Erzählung daherkommt; und wie in „Majdanek“ wird den Lesern auch hier kein noch so grausames Detail erspart. Strigler bleibt seiner Devise treu, demnach die Schrecken der Naziherrschaft nur durch eine möglichst realistische und detailgetreue Beschreibung der Ereignisse angemessen erfasst werden können.

Dass er dabei nicht nur die Untaten der Nationalsozialisten beim Namen nennt, sondern auch die Kollaborateure unter den Lagerinsassen anprangert und ihnen gleichsam eine Täterrolle zuschreibt, hat ihm nach dem Zweiten Weltkrieg Kritik und auch Anfeindungen von Seiten der Opfer eingebracht. Das mag auch daran gelegen haben, dass der erzählerische Stil Striglers dazu einlädt, die im Text geschilderten Ereignisse in Frage zu stellen beziehungsweise sie der Phantasie des Romanautors zuzuschreiben. Dass dies nicht der Fall ist, darauf verweist Strigler in seinem Vorwort. Der Text ist ein Tatsachenbericht und die allermeisten der geschilderten Vorkommnisse hat der Autor selbst miterlebt; wo dies nicht der Fall war und er sich stattdessen auf den Bericht eines Augenzeugen bezieht, wird dies entsprechend kenntlich gemacht.

Die Hugo und Alfred Schneider AG, kurz HASAG, mit Hauptsitz in Leipzig war der größte Munitionslieferant im Osten, mehr als 10.000 Menschen arbeiteten dort. Ab 1941 durften auch Juden als Zwangsarbeiter genutzt werden; ihr Arbeitslohn ging an die SS. Wenn ein jüdischer Arbeiter geschwächt war oder nicht die von ihm erwartete Norm erfüllte, wurde er der SS gemeldet, erschossen und durch einen anderen ersetzt. Die Lager- und Fabrikleitung warb in den umliegenden Konzentrationslagern und Ghettos regelrecht um Nachschub, um den gewaltigen Bedarf an Arbeitskräften zu stillen. Die SS-Schergen wiederum trieb die Sorge um, dass ihnen dadurch ihr eigener Auftrag, die Beseitigung der Juden, verwässert werden könnte. Wie sich rasch herausstellte, erwiesen sich derlei Bedenken jedoch als unbegründet. Der Terror in Skarżysko-Kamienna unterschied sich in seiner grausamen Realität nicht von den Praktiken anderenorts; dasselbe galt für die Überlebenschancen der Opfer. Alle paar Tage, schreibt Strigler, gab es in der Fabrik eine „Auswahl“ der Schwächeren, die dann zum sogenannten „Schießstand“, dem Ort, wo die HASAG ihre Produkte testete, gebracht und beseitigt wurden.

Striglers Buch liefert neben der Beschreibung der unzähligen menschlichen Schicksale nicht zuletzt auch eine Innenansicht der Art und Weise, wie deutsche Unternehmen, in diesem Fall die HASAG, sich während der Zeit des Nationalsozialismus als opportune Handlanger eines verbrecherischen Regimes gerierten; und sich darüber hinaus aufs Schäbigste am menschlichen Elende bereicherten. Die Zahl der Verantwortlichen, die dafür nach dem Krieg zur Verantwortung gezogen wurden, ist beschämend gering. Und bis heute tut sich die Wirtschaft mit dem Thema schwer, daran ändert auch die eine oder die andere Firmenchronik nichts, die in den vergangenen Jahren über jene Zeit in Auftrag gegeben worden ist.  

Der französische Schriftsteller Éric Vuillard dies in seinem vor kurzem auf Deutsch erschienenen Buch „Die Tagesordnung“ (Matthes & Seitz) angerissen. Etliche der Wirtschaftslenker, die unter den Nationalsozialisten stolz das Goldene Parteiabzeichen am Revers trugen, werden es wenige Jahre später durch ein Bundesverdienstkreuz ersetzen, schreibt Vuillard. Nach der Lektüre von Mordechai Striglers „In den Fabriken des Todes“ erscheint einem dieser Umstand noch eine Spur ungeheuerlicher.

Mordechai Strigler · Frank Beer (Hg.)
In den Fabriken des Todes
Verloschene Lichter II. Ein früher Zeitzeugenbericht vom Arbeitslager Skarzysko-Kamienna
Übersetzung:
Sigrid Beisel
zu Klampen
2017 · 400 Seiten · 29,80 Euro

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