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Kritik

Fad wird’s nicht

Hamburg

Nachdem die Redaktion der Mosaik in ihrem Vorwort erklärt hat, dass sie sich selbst auf keinen Fall für fad halten (und die Leser*innen genauso wenig; allerhöchstens die Bücher von Peter Handke), obgleich das Thema der Ausgabe „Du bist fad“ ist, geht es weiter mit einem Gedicht von Jan Seibert übers (Frei)Schwimmen. Da kommt Sommerstimmung auf und diese Anhäufung von Freibadfeelings + Kindheitserinnerungen ist eh der beste Einstand für das Heft, denn so ist man schon am Anfang bei der Nostalgie angekommen und die ist so ziemlich das unfadeste Fade, das ich mir vorstellen kann.

Weiter geht es in diesem ersten Kapitel (mit dem Titel: Haben doch schon alles) mit Lesefreuden, die irgendwo zwischen Kafka und Fahrstuhlmusik angesiedelt sind. Andreas Reichelsdorfers kurzer Dispositions-Text ist ein gutes Beispiel dafür, auf welche Art man, den Erwartungen zum Trotz, etwas schreiben kann, das ohne Höhepunkte funktioniert.

Ist Bummeln fad? Und warum erwarten andere Menschen – vor allem Partner*innen – oft, dass man, sobald ihnen fad ist, sich so verhält, dass ihnen nicht mehr fad ist?? Das ist doch eine echte fade Einstellung, nett eingefangen von Susi Pernkopf.

You know, meint der Barkeeper. There is no devil, that’s just god when he’s drunk.

Das Leben ist halt irgendwie auch so etwas wie eine Bewältigung, you know, wer spricht von Überfluss, Lieben ist alles, don’t cry, work work work. In Sagal Maj Comafais großartigem Text erleben wir ein Paar, das sich so durchschlägt, nicht zum Besten, aber mit dem Bestmöglichen, das zur Verfügung steht. Eine leicht skurrile, aber doch irgendwie ernste Stimmung geleitet den Text. Und das teils überzogene, teils schlichte Narrativ regt die Sympathie an.

Leben – ein Glücksspiel? Wie wäre das, wenn überall, wo man hinkäme, ein Cocktail und ein Pokertisch auf einen warten würden? Also: süße Verführungen und eine Möglichkeit zu gewinnen oder zu verlieren. Ist es nicht schöner, wenn man irgendwo hinkommt, wo jemand auf einen wartet, der einen erkennt und der lächelt, wenn man eintritt? Vielleicht sind diese Fragen auch eine etwas zu direkte Schlussfolgerung der Motive von Daniela Chanas Gedicht.

Die Sonne sinkt hinter den Gipfel.
Die letzte Gondel der Seilbahn
ist nicht leer, sie bringt das Licht
zurück ins Tal.

Das zweite Kapitel – Titel: „Gräser dazwischen“ – beginnt mit eindrücklichen Meditationen, die mit ihren Bildern ins Auge und ins Ohr stechen. Christian Lorenz Müllers Gedichte sind besinnlich, leicht widerspenstig, geschwungen und doch kantig. Eine besondere und doch mitunter etwas eintönige Erfahrung.

Nebeneinander existieren die Welten: die veganen Welten und die adidas-tragenden Welten, die Welten der Schwangeren und der Nichtschwangeren; die Welten der einzelnen Menschen, die Teil verschiedener Umwelten sind. Im Text von Ulrike Anna Bleier werden die Welten betrachtet. Die Existenzen, in ihrer Nähe und Ferne zueinander.

Den Kosmos einfangen im zockelnden Pflastergestein der Straße, das zum Pflaster auf „den Wunden“ wird (welche auch immer); man hört das Stampfen eines Insekts. Fabian Lenthes Gedicht ist solide, aber eigentlich ziemlich glatt; kein Unbehagen oder Glücksgefühl, keine Gefühlsanhebung von dort. 

Nun das dritte Kapitel: „Doch. Janein“. Aufwachraum. Ein Gefühl von Benommenheit, von Entzogensein, fast von Entsorgtwordensein, aber gerade noch so: wieder auf eigenen Beinen. Ja und dann ist man in dieser Erzählung von Elisa Weinkötz, in der es um diese Frau geht, die sich selbst anscheinend nicht fassen kann, die keine Vergangenheit hat, in jedem Fall keine wirkliche Gegenwart und ihre Zeit damit verbringt sich zu fragen, was sie tun könnte, derweil sie zu Hause ihren Fisch füttert. Ist sie aus dem Koma aufgewacht? Hat sie eine lebensgefährliche Operation überlebt? Der Text hält sich an sein Programm, schildert nur, gibt keine zusätzlichen Informationen, sinniert und sondiert bloß und das nervt leider auch ein wenig.

Meine Sehnsucht schweigt
sich alt.

Das ist ein ziemlich starker Anfang für ein Gedicht. Und Sigune Schnabels „Zeitwall“ ist auch ansonsten ein sehr gelungener Text, läuft leichtfüßig im Auge ab und ist doch bezwingend, metaphysisch. Das zweite Gedicht „Paketpost“ ist mir etwas zu verstiegen – Geschmackssache, wahrscheinlich.

Jede Jahreszeit greift Herrn Freits Wohlleben an – und gut ists, wenn man wieder so negativ megatief gedanklich geschritten, sich herumzureißen am Schlaf_wittchen und die Richtung zu ändern.

Bei Katja Schraml fällt einem zunächst die widerspenstige, oder viel eher: eigenständige Sprache auf. Eine Sprache, die sich in einem zerkleinerten, angesägten Duktus fortbewegt; manchmal verstreuen sich die Worte, dann werden sie plötzlich zusammengezogen, manchmal zergliedert. Kleine innovative Elemente und Momente. Die Geschichte des Herrn Freit, die ihren Ursprung in einem abgedruckten Graffiti-Bild hat, nimmt sich im Zuge dieser starken Sprache fast provisorisch aus.

Fernseher flackern
in Hochauswänden
wie Kerzen im Moor

Die letzten gelungenen Bilder versöhnen mich wieder etwas mit Leon Skottniks Gedicht „Mühlen im Nebel“, das auf mich am Anfang sehr, sehr abgegriffen wirkte. Trotzdem: müsste es nicht „vor“ Hochhauswänden heißen? Oder „innerhalb von“? Oder „an“?

Philipp Zechners Gedicht verweist mit seinem Titel „September“ und dem unheilschwangeren Anfang wohl auf den Kriegsausbruch 1939? Oder 9/11? Ein gelungener Schnappschuss auf jeden Fall, eine schöne Miniatur. Der Beginn ist ein bisschen zu dramatisch, wie gesagt, aber am Ende besinnt sich das Gedicht auf leisere, treffliche Aspekte.

Planet sein aus Notwehr. […] Hier Partituren aufforsten, dort Akkorde auswildern.

Ein bisschen enttäuscht bin ich ja schon, dass im Retroperspektive-Teil zur XXIII Kulturkeule ein Text mit den anderen genannt, dann aber nicht abgedruckt wird. Nun gut. Dafür haut Daniel Bayersdorfer in seinem Gedicht „Pluto-Suite 2: Largo“ gehörig in die Tasten. Eine virtuose Etüde!

kaffeesatz: in deiner iris ist ein zug angekommen, der ist in dämmerung aufgebrochen

Schnell vorbei ist das Gedicht von Nora Zapf: kaum ist man eingestiegen, schon flimmert es aus dem messbaren Spektrum. Aber das schöne Bild des Zuges wird mich noch eine Weile begleiten.

Am morgen will ich mich in einem croissant verkriechen, vor der hitze, die die farbe aus meinen
augen laufen lässt, stattdessen hängt es halbgegessen bei den lampignons

Was soll man da sagen? In Fiona Sironics Text herrscht gleichsam Wasserüberschuss und Wasserknappheit. Im Garten steht ein Pool, das Meer ist nicht weit, manchmal regnet es auch, aber nur das Wasser in den Kanistern kann man trinken. Und irgendwie ist alles Lethargie. Die Leute sind verkapselt, die Sätze fühlen sich nach Ausnahmezustand an und nach Schmerzgrenze, nach Entfernungen, nach konstantem Rauschen auf allen Frequenzen. Was soll man da sagen?

Nun folgt das Kapitel Babel, also: Übersetzungen. Die Palette: Angefangen bei einem Gedicht von Karlo Hmeljak, übersetzt aus dem Slowenischen von Urška P. Cerne & Ferdinand Schmatz, über weitere Texte aus dem Slowenischen und Rumänischen, bis hin zu Texten von Nicoletta Grillo, aus dem Italienischen übersetzt von Tobias Roth, sowie einem starken Gedicht des russischen Dichters Aleksandr Bašlačëv (1960-1988).

In dem Format „Lyrikkiez“ beschäftigt sich Marko Dinić mit zwei von Tobias Roth übersetzten Werken der Renaissance-Lyrik: Giovanni Gioviano Pontanos „Baiae“ (Verlagshaus Berlin) und Angelo Polizianos „Wald aus Krätze“ (hochroth). Ausschweifung und Übermaß dominieren hier, derbe und heitere Arten des Vergnügens erwarten einen, sowie alte, wieder neu zu entdeckende Formen des Gedichts.

Weltfremde Schriftsteller*innen haben sicherlich andere Dinge zu berichten als die üblichen Verdächtigen auf den Tribünen, die sich nicht weltfremd geben. Die Rede ist von Expert*innen, Politiker*innen, Medienleuten und wer da immer alles mit von der Partie ist. […] Autor*innen sollen den Mund halten und tun, was sie am besten tun: schreiben.

Das Gegenteil von auf den Mund gefallen: die Lyrikerin Joanna Lisiak im Gespräch mit Sibylle Ciarloni. Ich weiß nicht, ob ich ihr rundheraus zustimmen würde, was die Weltfremdheit von Künstler*innen angeht, aber dort wie auch im Rest des Gesprächs bewundere ich die Souveränität und das Selbstbewusstsein der Autorin.

Etwas knapp fällt im Anschluss ein Text über den geringen Prozentsatz an aktiven Regisseurinnen innerhalb der Filmbranche aus. Das wichtige Thema verdient mehr als einen (trotzdem verdienstvollen) Abriss!

Im Mai 2017 gab es in Salzburg ein erstes Vernetzungstreffen von sechzehn unabhängigen (überwiegend deutschsprachigen) Literaturzeitschriften, das dazu diente sich über Potenziale, Inhalte und Ideen auszutauschen (ein bisschen was über das Treffen findet man hier). Sechs dieser Zeitschriften bekamen die Gelegenheit, sich auf den Seiten der mosaik 23 nach eigenen Vorstellungen zu präsentieren: „Richtungsding“, „Sachen mit Wörtern“, „Prisma“, „&Radieschen“, „PS – Politisch Schreiben“ und „S T I L L“. Eine gelungene Initiative!

Mit dem Format „Kreativraum“, in welchem Künstler*innen (diesmal Veronika Aschenbrenner) von Orten erzählen, an denen ihre Kunst entsteht oder verarbeitet werden kann, endet das Heft. Ich nehme einiges mit und vor allem die Vielfalt der Formate und Ansätze hat mich gefreut. Es ist außerdem schön und erfrischend, dass größtenteils kürzere Texte abgedruckt sind und auch einzelnen Gedichten Raum gegeben werden kann. Diese Kürze gibt nicht nur, wie es das Sprichwort sagt, Würze, sondern erzeugt eine gelungene Dynamik. Also: mosaik lesen! Fad ist das nicht.

 

Anmerkung der Redaktion: Alle, an der Ausgabe beteiligte Autor_innen, zu denen wir einen sinnvollen Pfad gefunden haben, sind verlinkt.

 

mosaik23 – du bist fad.
zeitschrift für Literatur und Kultur
mosaik
2017 · 64 Seiten · 3,00 Euro

Fixpoetry 2017
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