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Kritik

und manche Träume schlagen Wurzeln im Alltag

Hamburg

„A Private Country / Ein privates Land“ von Moya Cannon, übersetzt von  Eva Bourke und Eric Giebel, versammelt Gedichte aus verschiedenen Publikationen von Moya Cannon und spannt damit einen (Regen-) Bogen über viele Jahre. Begonnen wird mit einem Kapitel mit Gedichten aus dem jüngsten Gedichtband von Moya Cannon: „Keats Lives“ (2015). Und dann wird zeitlich gesehen zunächst zurück geschritten, es folgen Gedichte aus „Hands“ (2011) und aus „Carrying the Songs“ (2007). Den Abschluss bildet dann aber ein Einzelgedicht, welches 2016 in einer Anthologie erschienen und damit die jüngste Veröffentlichung in dem Band ist.

Der Zeitrahmen der Gedichterstveröffentlichungen ist damit von 2007 bis 2016 ein sehr großer, aber Eva Bourke und Eric Giebel schaffen mit ihrer Auswahl ein in sich geschlossenes und stimmiges Buch. Das gelingt einerseits dadurch, dass sich in diesen fast zehn Jahren keine großen Brüche in der Art und Weise, wie Moya Cannon ihre Gedichte schreibt, beobachten lassen. Und andererseits inhaltlich, da verschiedene Gedichte die gleichen Themen und Motive wiederholt aufgreifen, was den Band sehr stark zusammenhält.

Der Gedichtband ist zweisprachig aufgebaut. Der Titel „A Private Country / Ein privates Land“ ist ein Zitat aus einem englischen Gedicht: „Death’s is a private country, / like love’s.“ und nicht aus der deutschen Übersetzung, die da lautet: „Das Land des Todes ist privat, / wie das der Liebe.“

Das erste Gedicht beginnt gewissermaßen mit einer Kameraeinstellung. Wir stehen auf einem Gipfel und blicken auf das Moor hinab. Die Distanz schafft einen besseren Weit- und Überblick, das Gedicht und wir mit ihm vollziehen einen großen Schritt zurück. Und damit wird alles plötzlich relativiert, Leben ist Leben, sei es nun das von Menschen oder Sauergräsern:

Tief unten, im Februarlicht,
Seen, Moore, Meeresbuchten,
unzählige Leben liegen dort ausgebreitet,
die Leben von Menschen und Forellen
Schwarzkehlchen und Sauergräsern,
eine Vielfalt aus gehämmertem Silber,
grau und silbern.

Die Gedichte von Moya Cannon sind vor allem eines: erzählend. Inhalt und Bilder stehen im Vordergrund, Brüche gibt es wenn dann auf der inhaltlichen und nicht auf der formalen Ebene und Sprache ist für sie mehr Träger von Information und weniger Material an sich. Vielleicht sind irische Dichter und Dichterinnen generell weniger sprachexperimentell, als man das im deutschsprachigen Raum gewohnt ist – der Gedichtband legt diesen Verdacht nahe, aber ich kann das nicht beurteilen, da ich dafür zu wenig Einblick in die zeitgenössische irische Lyrik habe.

Die zwei großen Themenkomplexe, welche Moya Cannon in ihren Gedichten verhandelt, sind zum einen Natur und zum anderen Geschichte. Und zum Dritten, aber immer ausgehend von Natur oder Geschichte, geht es um Menschen. Natur umfasst sowohl Tiere als auch Pflanzen. Es gibt ein Gedicht darüber, wie Bienen überwintern. Ein anderes erzählt von einem einbeinigen Fliegenschnäpperweibchen, das Jahr für Jahr eine große Odyssee auf sich nimmt um immer wieder im selben Strauch ihr Nest zu bauen. Und wieder ein anderes Gedicht beschreibt die wiederkehrende Mandelblüte, der sich die japanischen Dichter immer wieder und wieder widmeten, „als könnten manche Lektionen / nicht gut genug gelernt werden –“.

Die Gedichte wandern in die Welt hinaus, es tauchen darin Orte wie die Moschee in Córdoba, die Höhle Vogelherd in Baden-Württemberg, das Textilmuseum in Lyon, ein Kloster in Coimbra auf. Damit wird u.a. nach Spanien, Deutschland, Frankreich, Portugal oder auch in die USA gereist. Ausgangs- und Referenzpunkt ist aber bei alledem immer ein anderes Land: Irland. Gerade in den Naturgedichten wird das Bild Irlands immer wieder heraufbeschworen, wir sehen Moorland, Schafe, Seehunde, Fuchsien, das Meer und ziehen unsere Kapuzen wegen dem Regen noch etwas tiefer ins Gesicht. Diese Naturgedichte sind ein Innehalten, ein tiefes Durchatmen. Die Zeit bleibt plötzlich stehen, wenn wir in den Gedichten von Moya Cannon dem Geflüster der Seepocken und dem Murren der Napfschnecken lauschen, wenn wir beiseitetreten um eine Schafsherde vorbei zu lassen, die auf dem Weg zum Sommergras das Meer auf einer Sandbank durchquert, oder wenn wir Seeigeln dabei zusehen, wie sie still Kalkstein verzehren.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte in ihren Gedichten ist naheliegend, da Moya Cannon Geschichte studiert hat. Dabei geht sie oft von einem einzelnen, manchmal auch sehr kleinen, Gegenstand aus, um anhand von diesem in die Vergangenheit zu reisen. Gleich zwei Gedichte nehmen geschnitzte Elfenbeintierfiguren als Ausgangspunkt. Das ist auch insofern interessant, da die beiden Gedichte ursprünglich in unterschiedlichen Gedichtbänden veröffentlicht worden sind, die „Zwei Elfenbeinschwäne“ 2015 und „Pferd aus Vogelherd, 30 000 v. Chr.“ schon 2007. Trotzdem gehören die beiden Gedichte zusammen. Es gibt noch zwei weitere Zwillingsgedichte im Band – in diesen beiden geht es jeweils um ein Kindergrab, das erste stammt aus 20 000 v. Chr., das zweite aus 1827. Und damit wären wir bei den Menschen angelangt, denn sie stehen bei Moya Cannon im Fokus der Aufmerksamkeit. Sie erzählt Geschichten von großer Unmenschlichkeit ebenso wie von Menschlichkeit, auch wieder ausgehend von einzelnen Objekten. Ein Gedicht handelt von der Erfindung der Guillotine, ein anderes nimmt drei Schuhbürsten als Ausgangspunkt um von Otto Weidt zu erzählen, der blinde und taube Juden „und einige, die er für blind und taub ausgab“ aus dem KZ zurück holte um sie noch zwei Jahre in seiner Bürstenfabrik arbeiten zu lassen, bevor sie spät im Krieg doch noch alle abgeholt und ermordet wurden. 

Moya Cannon sucht nach dem Kern, der den Menschen ausmacht und sie kommt dabei auf zwei Dinge zurück, zum einen sind das die Hände, bzw. Handarbeit, zum anderen der Gesang. Beides ist noch da, wenn nichts sonst mehr übrig geblieben ist, also bei größter Armut ebenso wie im Vergessen des Alters: „Immer waren es die, die wenig sonst zu tragen hatten, / die die Lieder mit sich trugen“ Ein anderes Gedicht handelt von der Aufnahme eines gesungenen Wiegenliedes auf Kulkhassi, einer inzwischen völlig vergessenen Sprache, deren Worte wir heute nicht mehr verstehen können, auch wenn das Lied trotzdem von jedem Kind verstanden wird, denn:

Durch seine Rhythmen und Silben
fließt Liebe
wie Milch
durch ein rundes Sieb.

„Was von uns bleibt, ist Liebe.“ dieses Zitat von Philip Larkin ist einem der Gedichte voran gestellt und es scheint mir die Grundaussage des vorliegenden Gedichtbandes von Moya Cannon zu sein.

Pollen

Und dieser Staub überdauert
das Vergehen von Zeitaltern.
Er schläft in tiefen Erdschichten –
schwarz, rot, umbrabraun;
er schläft unter dem nassen Fell eines Novemberhügels,
wo langes Gras fuchsfarben ist;
er schläft tief unter Seen;
zwölf Meter tief überlebt er,
Staub arktischer Wiesen,
alt und kraftvoll
wie die Liebe.

Moya Cannon
A Private Country - Ein privates Land
Übersetzung aus dem Englischen von Eva Bourke und Eric Giebel
edition offenes feld
2017 · 152 Seiten · 17,50 Euro
ISBN:
9783744875233

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