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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Dunkles Glück in Zeiten der Revolution

Hamburg

Warum geschossen werde, fragt Mordkhe Markus, aus dem Fenster gebeugt, einen Passanten. „Ich weiß nur, dass jemand angefangen hat zu schießen – also schießt man zurück“, so die lakonische Antwort. Das sind nicht gerade die Signale, die der grüblerische Protagonist in Moyshe Kulbaks Roman Montag (edition.fotoTAPETA) zu hören gehofft hat, mitten in den Wirren der Oktoberrevolution, die der jüdischen Bevölkerung und dem Proletariat zunächst als Befreiungsschlag und Lichtblick galt, wie die Übersetzerin Sophie Lichtenstein in ihrem erhellenden Nachwort schreibt.

Aus der sicheren Distanz seines Dachstübchens sieht Markus die Massen auf der Straße, spürt die nervöse Energie der Rotarmisten, hört die Gewehrsalven, die auch die Bourgeoisie ihren „Wasserkopf“ vom Dachboden hinausstecken lässt. Sie „wiegte schwer mit den Wimpern und fletschte verbittert die Zähne, die aus amerikanischem Gold waren.“ Markus könnte kaum einen krasseren Kontrast darstellen, in seinem bescheidenen Sommermäntelchen, mit dieser Wohnung, die man sich als Behausung des „armen Poeten“ von Carl Spitzweg vorstellen könnte. In seiner namenlosen Stadt sagt man über den Freund der Mittellosen, dass er „bitter den Shabbes verhöhnte, den gewöhnlichen Montag hingegen über alle Maßen lobte, den Tag, an dem die Armenleute betteln gingen.“

Die Rolle des Wortführers und Querdenkers ist eine, die dem zurückgezogen lebenden Hebräischlehrer und selbstgenügsamen Bücherwurm nicht einmal seine engen Bekannten zutrauen. Es scheint, als sei es der Mystiker in ihm, der dem Revolutionär in ihm die Zügel anlegt, gerade genug, dass er von der Woge nicht mitgerissen wird und Teile des Programms der Kommunistischen Partei offen ablehnt. Markus weiß sehr wohl, warum er sich bei den Sowjets so unbeliebt macht, dass sie ihn ins Gefängnis werfen. Es ist keine gute Zeit für Andersdenkende. Es ist keine gute Zeit für Juden.

Moyshe Kulbak war einer der osteuropäisch-jiddischen Schriftsteller, die mit ihren expressionistischen Texten und der Darstellung jüdischen Lebens im Sowjetkommunismus thematisch und stilistisch neue Wege einschlugen. Um die Jahrhundertwende in der Nähe von Wilna geboren, zog es ihn Ende der Zwanziger nach mehreren Zwischenstationen erneut nach Minsk, nun in der Sowjetunion. Schrieb er anfangs noch auf Hebräisch, wandte sich der mehrsprachige Autodidakt bald dem Jiddischen als Literatursprache zu. Der Kampf für das Proletariat und die Rückbesinnung auf die „Mameloschn“ (Muttersprache, d.h. Jiddisch) war für den jungen Dichter und viele andere Zeitgenossen kein Widerspruch, im Gegenteil: Schließlich sollte gute Literatur gerade auch von den kleinen Leuten gelesen werden und nicht länger einer Elite von Hebräisch-Kennern vorbehalten sein.

Zur Zeit der Entstehung des Romans war Kulbak längst ein gefeierter und auch vielgereister Dichter. 1926 erschien Montag; er schrieb den Text mit genügend zeitlichem Abstand zum Revolutionsgeschehen, um den Wandel seiner Figur vom Revolutionär zum Kontrarevolutionär plausibel nachzeichnen zu können. Mordkhe Markus ist ja nur scheinbar ein wandelnder Widerspruch: als kritisch denkender Sympathisant der kommunistischen Idee, als Einzelkämpfer und durchaus charismatischer Fürsprecher der Armen. Der trotz allem tief in Mystik und Tradition verwurzelte Jude hält eine öffentliche Rede mit frappierenden Anklängen an die Bergpredigt, zitiert an anderer Stelle sogar aus dem Neuen Testament. Doch wenn der feingeistige Lehrer mit dem fast kindlichen Gemüt überhaupt so etwas wie eine Religion hat, dann ist es ein heiter-gelassener Nihilismus, inspiriert von Buddha und dem Geist der Aufklärung. Mordkhe Markus betet zu niemandem. Woran er glaubt, das ist die Trauer, dieses „Zuviel des dunklen Glücks“ in seinem Leben, das ihn sättigt „mit Gesang in der Seele und dem Nichthungernmüssen nach fremdem Trost“.

Den können ihm weder Fräulein Gnesye spenden, noch Dr. Bitshkovski, seine wichtigsten Bezugspersonen. Der alte Freund von Markus flüchtet sich mit seiner Tochter Lyenotschke, „die wie eine alte Frau lebte“ und „die zitternd und unklar-unklar dachte wie ein Kind“ in die Welt der Musik. Wie bei Markus dringt auch hier das an vergossenes Blut erinnernde „viereckige Rot“ in den Privatraum, auch hier wird die feierlich-melancholische häusliche Stimmung vom gewaltsamen Bürgerkriegsalltag überschattet. Bei den Bitshkovskis erscheint das verhängnisvolle Rot der bolschewistischen Armee in Gestalt von Sohn Mishe, der mit dem Gewehr in der Hand zum ersten Mal versteht, „was es heißt, MENSCH zu sein“, und seines Bruders Lyonik, der im Roman durchweg als „stinkender Soldat“ auftritt und als Kriegsversehrter die erlittene Gewalt an Frauen weitergibt.  

Man kann es drehen und wenden, wie man will, der „kleine Roman“ ist eine Herausforderung: als lyrisch-philosophisches Werk, das unsere Lesegewohnheiten gegen den Strich bürstet, zumal es stellenweise wie ein Skript für den Stummfilm daherkommt. Abrupte Wechsel zwischen lyrischen und essayistischen Passagen, Binnenerzählungen und filmreifen Szenen sind keine Seltenheit. Kulbaks Kurzroman ist aber auch in seiner politisch-ideologischen und religiösen Dimension schwer zu fassen, gerade weil er kein Manifest sein und keine einfache Lösung für ein komplexes Problem anbieten will. 

Ein gewisser Genosse R. beschwört die Massen der Arbeiterklasse, der Bourgeoisie von der Dringlichkeit des Klassenkampfs zu erzählen: „Ich stehe da mit einem Messer in der Hand, und du stehst mit einem Messer in der Hand da“. Mordkhe Markus schlägt andere Töne an, predigt den Armenleuten von glückselig machender Traurigkeit und den Geheimnissen der Welt, und erzählt ihnen etwa von den 36 Gerechten, den Lamed-Wawniks, um derentwillen Gott die Welt nicht vernichtet. Markus bleibt eine leicht rätselhafte Gestalt, empfänglich für Mystik und die Welt der Theorien, jedoch völlig unempfänglich für die Liebe des Fräulein Gnesye, die ihm intellektuell übrigens absolut ebenbürtig ist.

Auch wenn Montag alles andere als leichte Sonntagslektüre ist - falsche Ehrfurcht haben muss man vor dem Roman nicht. Moyshe Kulbak überrascht mit einer Prosa, die Sinnlichkeit und Abstraktion gekonnt verbindet. Dann sind da die zahlreichen Verniedlichungen und die anderen jiddischen Eigentümlichkeiten, die Sophie Lichtenstein in ihrer Übertragung beibehält und die anfangs so sehr irritieren, wie sie nach einer gewissen Gewöhnungszeit Freude machen. Da bellen Revolver wie Hunde, da erinnert das Picken und Steppen von Maschinengewehren an den vertrauten Klang von Nähmaschinen. Zwei Greisinnen spinnen die Stadt mit einem toten Faden ein, wieder und wieder. Kulbaks Erzählkunst liegt darin, das Gewaltsame, Unheilvolle auf fast schon verstörende Weise zärtlich und poetisch erscheinen zu lassen.

Das ist schlicht und einfach Kulbaks Art, die Welt der Juden in der jungen Sowjetunion abzubilden, eine Welt, die bald immer mehr aus den Fugen geraten sollte. Schließlich ließ die Revolution mit ihren Verheißungen von Gleichberechtigung die Juden anfangs aufatmen. Eine neue Welle von antisemitischen Pogromen und die stalinistischen Repressalien zwangen sie jedoch, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken: Die Zarenherrschaft mochte ihr Ende gefunden haben, der Judenhass noch lange nicht. Vielmehr sollte er noch lange Schatten werfen. Kulbak selbst wurde 1937 unter Stalin nach einem Schauprozess hingerichtet, seinem fiktiven Alter Ego Mordkhe Markus ließ er rund zehn Jahre zuvor Ähnliches widerfahren. Da wirkt sie fast schon unheimlich, Kulbaks visionäre Gabe.

So verträumt seine Prosa wirkt, Kulbak ist scharfsinnig und hat das große Ganze im Blick. Das verleitet dazu, weiterzulesen: Kulbaks Gedichte, oder seinen Roman Die Selmenianer, der um einiges zugänglicher ist als Montag. Gleiches gilt für die Werke der anderen Jiddisch schreibenden Autoren der UdSSR, die Kulbaks Schicksal teilten, weil sie sich keiner (Selbst-)Zensur unterwerfen wollten. Werke, die beredtes Zeugnis ablegen von den „Wochenjuden“, wie sie sich im Roman selbst bezeichnen, für die nicht mehr nur der Shabbes, sondern auch der Montag ein heiliger Tag ist. Wenn Montag rund 90 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung und pünktlich zum 100. Jahrestag der Revolution erstmals auf Deutsch erscheint, darf man das ruhig auch zum Anlass nehmen, auf die „Signale“ dieses visionären Dichters zu hören und genau hinzuschauen, wer welche Fahnen schwenkt und in wessen Namen.

 

Moyshe Kulbak
MONTAG / Ein kleiner Roman
edition fotoTAPETA
2017 · 112 Seiten · 12,80 Euro
ISBN:
978-3-940524-61-4

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