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Kritik

Am Reißbrett entworfen?

Hamburg

Menschen, von denen andere sich abwenden, die isoliert werden und dadurch in eine derart aussichtslose Lage geraten, dass eine Entscheidung unumgänglich wird, haben es Myriam Keil scheinbar angetan. Schon in ihrem 2011 erschienenen Jugendroman „Nach dem Amok“ hat sie sich schreibend einem Tabuthema genähert. War es bei „Nach dem Amok“ die Schwester des Amokläufers, die im Mittelpunkt der Geschichte stand, sind es bei „Das Kind im Brunnen“, die Wunden, die eine Kindheit mit einer gewalttätigen Mutter und einem schwachen Vater, hinterlässt.

Die Heldin, Iris, ist eine traurige Gestalt, sie meidet ihre Mitmenschen so gut es geht, und mag auch sich selbst nicht sonderlich gut leiden. Wenn jemand droht, ihr zu nahe zu kommen, beißt sie um sich, und verletzt zuverlässig jeden, der es gut mit ihr meint.

Andererseits scheint ihr vollkommen gleichgültig zu sein, was mit ihr geschieht, Hauptsache das Leben vergeht:

Tommys Eck am Freitagabend ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Es sollte mich erschrecken, doch das tut es nicht. Zwei Tage und drei Nächte sind vergangen, ohne dass ich etwas dafür tun musste.“

Die Situation spitzt sich zu, als Iris an ihrem Arbeitsplatz ins Abseits bugsiert und von den Kollegen systematisch gemieden wird. Schließlich schnürt sich die Einsamkeit wie ein Seil immer fester um sie, und nimmt ihr nach und nach die Luft zum Atmen. Bis nur noch der Ring bleibt, der sie wenigstens mit zwei Lebenden verbindet:

„Wenn es ganz schlimm wird, berühre ich unter dem Tisch den Ring an meinem Finger. Er verbindet mich mit zwei Leben und ihrem Schicksal.“    

Bereits am Anfang des Romans findet Iris einen Verlobungsring mit Gravur und ist besessen von der Idee den Träger des Rings ausfindig zu machen, und somit der Geschichte des offenbar weggeworfenen Rings auf die Spur zu kommen.

Während sich schließlich die gesamte Belegschaft gegen Iris verschworen hat, hält nur eine Kollegin zu ihr. Hannah schließt sich Iris letztendlich bei der Suche nach der Geschichte hinter dem Ring an, eine Zeitlang ist sie diejenige, die die Suche maßgeblich vorantreibt. Als die beiden Frauen den Besitzer des Rings tatsächlich finden, setzt zögerlich eine Wendung in Iris Haltung ein. Schließlich wird auch die Situation auf der Arbeitsstelle unerträglich, und eine Versetzung an einen anderen Ort verspricht einen neuen Anfang.

Der mysteriöse Ring fungiert als Schlüssel, weil die Begegnung mit dem Besitzer nicht nur den jungen Mann dazu gebracht hat, sich seiner Vergangenheit zu stellen, sondern gleichzeitig Iris selbst ermutigt, ihre schmerzliche Vergangenheit aufzuarbeiten, sprich ihre Eltern mit dem zu konfrontieren, was sie ihr angetan haben.

Man kann „Das Kind im Brunnen“, als eine Art Entwicklungsroman lesen. Iris emanzipiert sich von ihrer Geschichte und Sozialisation, indem sie den Mut findet, sich der Vergangenheit zu stellen. Leider liest sich das alles ähnlich konstruiert wie dieser Satz:

„Wir sind beide nicht glücklich und das vielleicht nur deshalb, weil sie damals in unserem Leben war, weil sie uns die Vergangenheit zur Hölle gemacht und uns die Zukunft genommen hat.“

Seit 2007 erscheint fast jährlich ein neues Buch von Myriam Keil, dabei ist sie sowohl mit ihrer Prosa, als auch mit ihrer Lyrik erfolgreich. 2013, im gleichen Jahr, in dem Keil das Finale beim Literarischen März erreichte, erschien ein Gedichtband von ihr bei Horlemann in der Lyrikpapiri Reihe. Den Hamburger Förderpreis für Literatur hat sie bereits zweimal erhalten, das letzte Mal 2015.

Umso verwirrter bin ich beim Lesen von „Ein Kind im Brunnen“, einem Roman, der mich an keiner Stelle einsaugt. Das liegt weniger am Inhalt, als an der Umsetzung.

Beim Lesen habe ich das Gefühl, dass nichts fließt in diesem Buch, der Fortlauf ergibt sich nicht natürlich, eher drängt sich der Eindruck auf,  als sei jeder Schritt am Reißbrett entworfen worden. Die Handlungen und ihre Folgen vermitteln einen konstruierten, teilweise sogar unglaubwürdigen Eindruck. Oder ist es wirklich nachvollziehbar, dass eine gewalttätige, teilweise sogar sadistische Mutter, die keineswegs mit fortschreitendem Alter ruhig und milde geworden ist, sondern den neuen Partner ebenso schlägt, wie sie den Vater von Iris geschlagen hat, sich ihrer Tochter fügt und passiv erduldet, was diese ihr nun als Wiedergutmachung oder Rache antut?

Zum Titel, der viele Assoziationen weckt, da ist eine Vielzahl von Märchen, in denen der Brunnen eine Rolle spielt, sowohl Gold- als auch Pechmarie gelangen durch den Brunnen zu Frau Holle, der böse Wolf wird im Brunnen versenkt, aber auch der Hans im Glück verliert sein letztes Hab und Gut, den Mühlstein, im Brunnen, um hernach endlich unbeschwert nach Hause eilen zu können, nicht zuletzt ist da das Sprichwort vom Kind, das in den Brunnen gefallen ist, zu diesem Titel wird der Bogen erst recht spät geschlagen. Erst im letzten Drittel des Buches, als Iris sich ihrer Vergangenheit stellt, und ihre Eltern nach mehr als zehn Jahren wiedersieht, schließt sich der Reigen, und der Titel erhält einen sehr plastischen Sinn. Bis zu diesem Punkt frage ich mich als Leserin häufig, welche Geschichte Keil eigentlich erzählen will? Die vom Ring, also von einem Zusammentreffen von Romantik und kalter distanzierter illusionsloser Weltsicht? Oder eine Geschichte vom Mobbing? Oder doch die Geschichte einer Frau, mit einer schlimmen Kindheit? Natürlich laufen die Stränge in der Person von Iris zusammen, aber Keil erzählt nicht so, dass Iris alle Fäden integriert, eher so, dass die Fäden nur willkürlich durch die Person der Protagonistin zusammengehalten, nebeneinander her laufen, bis sie im großen Showdown zusammenfinden. Sie entwickelt die einzelnen Bereiche von denen erzählt wird nicht aus ihrer Heldin heraus. Es bleiben scheinbar separate Ideen, die die Autorin in eine Geschichte zwingt.

„Das Kind im Brunnen“ ist ein Roman, der den großen Fragen nach Liebe, Vertrauen und Verlust nachzugehen versucht, ohne eine überzeugende Form dafür zu finden.

Myriam Keil
Das Kind im Brunnen
SEPTIME
2017 · 192 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-902711-68-7

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