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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

»schwarzer vogel steh mir bei«

Zu Nadja Küchenmeisters drittem Gedichtband
Hamburg

Zum besseren Verständnis des Titels von Nadja Küchenmeisters neuem Gedichtband lohnt es sich, zunächst einen kurzen Blick auf das Märchen »Die sieben Raben« der Brüder Grimm zu werfen. Dort heißt es:

»Da machte es [= das Mädchen] sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: ›Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.‹ Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, und ging wieder fort, so lange, bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen und es wollte das Beinchen hervorholen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren.«

Um die gefangenen, in Raben verwandelten Brüder zu retten, muß das Mädchen aber ins Innere des Glasbergs gelangen. Was tut es? »Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloß glücklich auf.« Das erste und auch das abschließende Gedicht von Nadja Küchenmeisters Band nehmen Motive aus diesem Märchen auf, es handelt sich also bei einer solch eminenten Klammer sicherlich um keine beiläufige Anspielung; interpretiert man außerdem in diesem Zusammenhang die Raben als Todesboten und Seelenführer, und berücksichtigt, daß der größte Teil der Gedichte aus dreizeiligen Strophen besteht, stellen sich unwillkürlich Assoziationen an die bekannte Terzinen-Höllenfahrt in Dantes »Commedia« ein.

Das sind freilich nur vage Verbindungen und vielleicht nicht einmal von der Autorin beabsichtigt, doch sie drängen sich auf, weil die Thematik des Aufbruchs und der Bewegung allgegenwärtig ist, denn die meisten der vorliegenden Gedichte umgibt eine letztlich nur schwer dingfest zu machende Stimmung von Distanz und Entfremdung, als seien sie das Itinerarium einer Strecke, die zurückgelegt wurde, zeitlich, räumlich und emotional. Wenn ein Aufbruch zudem eine Ankunft impliziert, dann sind diese Gedichte wahrscheinlich der Versuch einer Wiedergewinnung des Verlorenen, die am Ende jedoch scheitert oder zumindest nicht zum gewünschten Ergebnis führt: »hier / bleibst du, bis du wieder gehst, und es endet ohne tür.«

Im Glasberg also. Der Titel des Gedichts, dem diese Schlußzeile entnommen ist, lautet schlicht: »es beginnt, wo es endet«: die Distanz läßt sich nicht überwinden, der Ort des Aufbruchs trägt bereits den Ort der Ankunft in sich. Verändert sich aber das Wo nicht, kann es doch allemal das Wer. Denn wer den Dingen nachspürt, verändert sich, geht auf Distanz zu sich selbst, wird sich auch selbst einmal fremd: »du / sitzt im zug, der aus der gegenrichtung / an mir vorbeifährt«: das kann der Andere sein, aber auch ein entfremdetes Ich, das sich in der Zweiten Person anredet. Oder verschmelzen das Du des/der Anderen und das eigene Du auf diese Weise zu einem zweiten Ich? Selbst wenn vermeintlich »nichts geschah«, ereignet sich noch sehr viel, auch (er-)innerlich. Denn es geschieht: Wahrnehmung.

Die Einsamkeit der Gegenwart ist immer wieder mit einer Vergangenheit konfrontiert, in der es einen Wir-Zustand gibt, wobei nicht ganz deutlich ist, wer denn die geliebten – und verlorenen – Menschen eigentlich sind. Doch scheint sich vieles um die Begegnung mit dem Vater zu drehen, die Rückkehr in die elterliche Wohnung, die Realität der vorgefundenen Dinge dort, die daran geknüpften Erinnerungen, die Kürze des Lebens, die Gebrechlichkeit des Körpers. Die Feststellung: »lass dir sagen: leben ist genau // so lang, wie es ist«, klingt lakonisch, desillusioniert realistisch, und deshalb umso melancholischer. Zugleich existieren aber auch die bereits erwähnten Momente des Aufbruchs, der Morgenstimmung, der morgendliche Gang oder die Fahrt durch die Stadt in der S-Bahn, die Leichtigkeit, Traumligkeit und Trödelei bewirken.

Die Konfrontation mit der Endlichkeit löst Erinnerungen aus und natürlich auch die Frage: »was fängt man in der mitte // seines lebens mit dem leben an«. Das gemahnt nun wiederum an Dante, der sich am Anfang der »Commedia« »nel mezzo del cammin di nostra vita« befand. Doch die Höllenfahrt der Sterblichkeit findet in diesem Gedichtband zumindest nicht in erschreckender Eindeutigkeit statt, vielmehr wird alles in eine märchenhafte Stimmung getaucht: allein die Suche nach dem Glasberg und der aufzuschließenden Tür genügt schon. Und gelingt es, die Tür aufzuschließen, sind dort eine leere Wohnung voller Erinnerungen und die Möbel, die fast eine Art stummes Eigenleben führen, wie auf den Bildern von Vilhelm Hammershøi. Diese Distanz und Uneindeutigkeit stellt vielleicht eine Pufferzone dar, und die Erinnerungen schieben sich gütig beschleiernd vor die klare Unausweichlichkeit.

Nadja Küchenmeisters Ton ist – in diesem Band – ein schwebendes, flirrendes Ungefähr, das gerade eben so viel Klarheit verschafft wie nötig ist, damit man nicht die Sicht verliert, aber vieles letztlich im Verschwiegenen und Angedeuteten beläßt. Immer wieder tauchen dabei wunderbare Bilder auf, die eine platte Realistik leicht surreal erweitern und öffnen, zum Beispiel:

die nacht ist ein müdes insekt

oder:

ich bin die beste schwimmerin, siebzehn
bahnen durch dein auge, siebzehn bahnen
zurück […]

oder:

zwischen kleiderschrank und wäscheständer
bügelt jemand federn und planeten

oder:

[…] wir atmen luft, die einsteigt in die lunge
als wäre diese lunge ein angekipptes fenster

Es ist, als würde die Sprache selbst auch immer eine kleine Distanz bewahren, »schuhe traten in meinen schatten / ich kam nicht ansatzweise an«, heißt es an einer Stelle, ein kurzes Hinterdreinhinken, eine kleine Verzögerung, eine minimale Befremdung während der Bewegung (»ich rauke durch die stadt«). Das alles glückt – und beglückt – bis auf ganz wenige Ausnahmen, in denen doch ein bißchen zu artifiziell, zu gewollt ein Stil verfolgt wird, der vermeintlich en vogue ist, z.B. in »rauperich«. Was aber schließt denn nun den Glasberg auf – denn wir befinden uns ja, laut Titel, in ihm, nicht davor? Einen Finger muß man sich wohl nicht abschneiden, sobald die Sprache des Gedichts als Schlüssel dienen kann. – Aber ist Rettung für den Raben dort, den schwarzen Vogel der Seele? – Nein, zurückverwandelt in gesund Lebendes wird nichts, die Wirklichkeit ist allzu brutal, aber die Sprache der Dichtung nimmt zumindest einen liebevollen Verbandswechsel vor. Gerne läuft man deshalb ein Stück mit Küchenmeisters Gedichten mit, überläßt sich ihrem sanften Gleiten, weil sie einen hellwach ins überraschende Unspektakuläre des unerklärlichen Alltags einspinnen.

das licht ist schon in den oberen
regionen der kastanie, kaum sichtbar
der mond, sichtbar dann, ich erinnere

mich an den fernsehturm, der mir vorschwebte
nachts – woher ich kam? –, hinter den dächern
verschwand, zwischen häuserlücken rutschte

ständig änderte ich die richtung, oder
war er es, der die richtung änderte für mich
ecken, um die er mich lotste [...]

Nadja Küchenmeister
Im Glasberg
Schöffling Verlag
2020 · 112 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-227-5

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