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Kritik

Übersetz mir das Schweigen

Gedichte der iranischen Lyrikerin Nahid Kabiri
Hamburg

Übersetzungen iranischer Literatur bleiben auf dem deutschen Buchmarkt eine Nische, so winzig wie keine andere. In diesem Jahr sind es bislang ganze drei. Zum einen die deutsch-persische „Versschmuggel“-Anthologie (Wunderhorn Verlag), zum anderen eine Neuübersetzung von Gedichten des großen Ahmad Schamlu („Jener Rabe“, Sujet Verlag). Und nun erstmals auf Deutsch eine kleine, bei Hochroth erscheinende Sammlung mit Gedichten von Nahid Kabiri, zweisprachig, übertragen von Kurt Scharf, unter dem Titel „Garten, mit Nägeln“. Immerhin: Dreimal Lyrik.

Jedem der Verlage, die dieses Wagnis trotz der erwartbar niedrigen Verkaufszahlen eingehen, ist das Engagement hoch anzurechnen. Ein Leben ohne persische Lyrik lohnt sich nicht. Wer einen Nachweis für die gewagte und natürlich völlig subjektive Behauptung braucht, der lese diese drei Bücher oder wahlweise wenigstens eines davon.

„Das Exil / duftet nach Orangen und Heimweh“, heißt es in einem von Nahid Kabiris Gedichten, und in einem anderen schreibt sie: „Ich suche Asyl in der Nacht“. Dabei lebt Kabiri nicht im Exil, zumindest: nicht im Ausland. Sie wurde 1950 in Kermanshah geboren, lebt heute in Teheran. Sie hat achtzehn Bücher veröffentlicht, darunter Gedichte, Kurzgeschichten und drei Romane. Ihre Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Im Gegensatz zu vielen anderen iranischen DichterInnen wird sie in ihrem Heimatland nicht verfolgt. Sie kann im Ausland auf Literaturfestivals auftreten und dann problemlos nach Teheran zurückkehren. Damit widersetzt sich ihre Biografie dem gängigen Schema der hiesigen Aufmerksamkeitsökonomie, in dem nahöstliche KünstlerInnen nur dann wahrgenommen werden, wenn sie in irgendeiner Weise unterdrückt werden. Doch das trifft auch auf die diesjährige LiBeratur-Preisträgerin Fariba Vafi, ebenfalls aus Teheran, nicht zu. Vielleicht ändert sich ja langsam etwas...

Wenn das aber so ist – welches Exil ist dann gemeint in Kabiris Gedichten? Ihr lyrisches Ich spricht von einem inneren Exil, von einem Rückzug aus der Außenwelt, von der Abschottung gegen die Einflüsse in einem Staat, der das Leben seiner Bürger nach religiösen Aspekten durchreglementieren will. Ein Motiv, das sich bei vielen iranischen Künstlern findet.

„Ich sage: / Übersetz mir das Schweigen! / Über die Zäune hinweg beobachte ich dein Nichtsein / Der Schutzmann pfeift / Und erlaubt mir nicht, dich auch nur ein paar Augenblicke anzuschauen...“.

Diese Verse spielen an auf die allgegenwärtige Sittenpolizei, die darauf achtet, dass es möglichst wenig Kontakt zwischen Männern und Frauen gibt, die nicht miteinander verwandt sind. Die Menschen in Iran sind atemberaubend kreativ, wenn es darum geht, den Irrsinn der Alltagsverbote zu umgehen. In diesem Kontext kann jeder getauschte Blick ein Akt des Widerstands sein.

Auch die Melancholie, die oft düsteren Bilder und ebenso die Wut, die in den Versen spürbar ist, sind mehr oder weniger typisch vor allem für die moderne weibliche Lyrik Irans, die der Dichterin Forough Farrokhsad viel zu verdanken hat – wenn nicht gar alles. Die Erde ist Morast, die Wolken schwer und schwarz, es regnet viel, die Zweige sind „wehrlos“, die Stadt kalt und sprachlos. Die Natur steht als Sinnbild des Menschen, der den Naturgewalten ausgeliefert ist und auf einen Lichtblick hofft – auf einen Stern oder einen aufklarenden Himmel. „Ich fragte: / Was ist aus deiner grünen, roten, weißen Stimme / Geworden?“ fragt das lyrische Ich in einem Gedicht, und das Exilgedicht geht, das sollte man erwähnen, so weiter: „Das Exil / Duftet nach Orangen und Heimweh / Nach anderen Sorgen / Nein! / Es duftet nicht...“

Man kann dem hochrothtypisch edlen kleinen Bändchen nur viele Leser wünschen. Und hoffen, dass viele weitere folgen...

Nahid Kabiri
Garten, mit Nägeln / این باغ راکه با میخ به گوشه ی دیوار کوبیده اند
hochroth Wien
2017 · 8,00 Euro

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