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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

4 Uhr kommt der Hund

Hamburg

Nancy Hüngers „4 Uhr kommt der Hund. Ein unglückliches Sprechen“, mündet in einen bedrückend beeindruckenden Fluss der Worte, die davon erzählen, wie sich ein Ich auflöst. Für diesen beängstigenden Prozess hat Hünger eine Sprache voller kunstvoller   Mehrdeutigkeiten gefunden, in der auch die Zeitebenen immer wieder ineinander greifen, um das nicht mehr und noch nicht, aus dem die Gegenwart besteht, freizulegen. Die schier unlösbare Verwicklung der Zusammenhänge verwebt Hünger in Sätze, die sie verknotet. Verschlüsselt und gleichzeitig schutzlos offen liegen diese Sätze da, voller Anfänge, die sich ins Ende verkehren, ein Ende, das sich als Kreis entpuppt.

    „ich sagt die andere liebe ich sterbe an
    liebe so ein elendes missverständnis
    sage ich wir sterben am klischee sage ich
    schaut nur ich klischiere bei lebendigem
    bewusstsein holt einen tupfer messer
    schere licht schwestern hier muss
    das klischee rausgeschnitten oder
    elektroschockt werden diese liebe muss
    weg bevor sie vergroscht oder an einen
    romanpfuscher verkauft wird bewahre
    das muss rausgeschnitten werden alles
    schöne an der geschichte

Auf aufsehenerregende Weise schneidet Nancy Hünger Klischees aus der Sprache, um sichtbar zu machen, was darunter liegt; echte, ___STEADY_PAYWALL___ abgrundtiefe Gefühle, die eigentlich gar keine Sprache haben, außer eine so außerordentliche Dichterin wie Hünger kommt, sucht und findet sie.

Und schreibt auf diese Weise für Generationen von namenlosen und namhaften Frauen eine Geschichte darüber, was geschieht, wenn verlieben zum Verlieren wird, und Liebe eigentlich Verlust heißt. Wenn von der Liebe nichts übrig bleibt als ein trauriger Abspann:

    „[…] aber gleich beginnt die geschichte hat pfiff sage ich da ist
    alles drin für die ganze familie grausamkeit und verrat und
    blut und liebe und gewalt einfach alles dabei sogar ein hund
    ein schwarzer mit gebleckten zähnen der mir knöchel um
    knöchel stoisch zerkaut bis ich nur noch abspann bin aber
    mit pfiff“

Eine allgemeingültige Geschichte, tausendmal erlitten findet hier eine Form:

    „[…] und nicht nur meine
    geschichte ist die geschichte von vielen die sich wiederholt
    vollzieht erst an kindern den ganz kleinen menschen wird
    grausamkeit vollzogen wie ein urteil genauer vollstreckt an
    den kindern wird grausamkeit vollstreckt so lange und
    ausführlich bis sie heimisch werden sich einnisten in diesem
    heimeligen gefühl und sie später ihr leben umbringen […]“

    „die nähe wird immer der ort sein an dem wir uns verfehlen
    sagt meine mutter zu dem fünfjährigen mädchen das ich bin“

Das Ende der Liebe führt zurück an diesen Anfang, der gleichzeitig das Zentrum ist. Das Zentrum menschlichen Strebens wie Scheiterns.

Aber „4 Uhr kommt der Hund“, lässt sich nicht auf Liebe und Leid beschränken, es ist darüber hinaus ein unglückliches Sprechen, das Widerstand leistet, eine Geschichte der Ermächtigung in der Entmündigung. All ihrer Rechte beraubt und lebensmüde, setzt die Patientin beharrlich „gefühligkeit“ gegen die geforderte Gefügigkeit.  

Einsamkeit, Liebe, Fremdbestimmung, diese Themen verfolgte Hünger bereits in ihrem Band „ein wenig musik zum abschied wäre trotzdem nett“. Damals noch säuberlich nach Kapiteln getrennt, während jetzt alles zusammenfließt, sich verbindet zur „offensichtlichen undurchsichtigkeit“, die gelungen illustriert wird durch Tommy Reinhards zerbrechlich traurige Zeichnungen, die jedem der Augen hat, Einblicke in die Untiefen menschlichen Daseins erlauben.

Nancy Hünger, 1981 in Weimar geboren, wo sie zunächst Freie Kunst an der Bauhaus Universität studierte, von jeher eine Meisterin des Paradoxen, hat in ihrem jüngsten Buch eine Sprache gefunden, die sich im Thema auflöst, oder die vielmehr das Thema verwandelt in Sprache, die immer wieder überraschend neu ist. Es ist die Kraft der Formulierung, die Hünger der Angst und der damit einhergehenden Auflösung beharrlich entgegensetzt. Worte, die sie aus einer Tiefe schöpft, die weh tut, aber nicht einmal ansatzweise pathetisch ist. Es ist fast ein Wunder, wie es Hünger gelingt, diesem Thema Sätze entgegen zu setzen, die über den Abgrund schweben und tanzen.

So handelt „4 Uhr kommt der Hund“ zwar von einem Ich-Verlust, von abgrundtiefer Traurigkeit und Verzweiflung, aber darauf lassen sich die Texte nicht reduzieren. Letztendlich besiegt Hünger den Schwarzen Hund mit sprachlichem und metaphysischem Glanz. Sie spült die Klischees weg und sichtbar wird die Kraft und Schönheit des Trotzdem, der Sprache, die imstande ist, einen Zustand abzubilden, an dem sich Anfang und Ende treffen, und etwas zu leuchten beginnt in der Dunkelheit, auch wenn dieses Etwas Tränen sind, oder ein Schrei. Hünger knüpft daraus ein Netz, in dem sich die Verstricktheit in Kummer, in zarte Worfäden auflöst, die sich jenseits der Klischees zu reißfesten Seilen entwickeln. 

 

Nancy Hünger
4 Uhr kommt der Hund / Ein unglückliches Sprechen
edition Azur
2020 · 88 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-43-6

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