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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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Kritik

Hafez, der größte aller Dichter

Nasser Kananis Hafez-Biographie
Hamburg

Es gibt ein Buch, das man in mehr persischen Haushalten findet als den Koran, und das ist der Diwan von Muhammad Shams ad-Din Hafeze Shirazi, kurz Hafez. Und zwar völlig unabhängig vom Bildungsstand. Hafez ist immer dabei, jeder kennt wenigstens ein paar seiner Verse. Und wie den Koran ist es Brauch, vor wichtigen Entscheidungen im Leben den Diwan zu befragen: Man schlägt das Buch an einer zufälligen Stelle auf, tippt blind auf einen Vers und schaut, was Hafez zu sagen hat. Geistliche machen es mit dem Koran nicht anders, wenn man sie besucht, um etwas über sein Schicksal zu erfahren.

Bei Hafez geht dieser Brauch ironischerweise auf dessen Beerdigung zurück, denn damals, im Jahr 1390, wollten Frömmler ihm eine islamische Bestattung verweigern, weil er immer wieder gegen sie gewettert hat. ___STEADY_PAYWALL___Also ließen sie den Diwan sprechen, der da sagte:

Nicht entferne deine Tritte
Von der Leiche des Hafis:

Ist er gleich getaucht in Sünden,
Kömmt er doch ins Paradies.

(Deutsch von Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)

Damit mussten sie sich zähneknirschend abfinden. Hafez hatte ihnen noch aus dem Grab einen Schlag versetzt, ganz wie zu Lebzeiten. Doch wer war dieser Hafez, dieser größte aller persischen, ja vielleicht der größte Dichter der Literaturgeschichte? Dieser Dichter, den so gut wie jeder gelesen hat, der des Persischen mächtig ist? Dieser Dichter, auf den sich Gebildete in Europa in Rückgriff auf Goethe so gern berufen, in der Regel ohne ihn oder Goethes West-östlichen Diwan je gelesen zu haben?

Dieser Frage geht Nasser Kanani in seinem Buch „Hafis. Der größte Lyriker persischer Zunge“ nach. Er wählt dabei einen interessanten Ansatz: Er zeigt Hafez im Spiegel westlicher Rezeption. Auf persische Quellen verzichtet er, abgesehen von Hafez' eigenen Texten, fast gänzlich. Zugleich dringt er anhand des Diwan tief in Hafez' Denken und Wirken ein und geht der Frage nach, wie der Dichter zu solcher Größe kommen konnte, wie es sein kann, dass er uns noch mehr als 600 Jahre nach seinem Tod sehr viel zu sagen hat.

Hafez hat damals die Dichtung revolutioniert, inhaltlich ebenso wie formal. Man kann nicht zählen, wie viele Dichter sich, bis hin zu Goethe, mit ihm gemessen, seine Kunstfertigkeit aber nie erreicht haben. Schon in jungen Jahren eilte ihm sein Ruf voraus, wurde er von Herrschern aus der gesamten islamischen Welt eingeladen, alle buhlten um ihn. Doch er schlug diese Einladungen alle aus. Aus den wenigen Gesicherten Quellen über sein Leben wissen wir, dass er sein geliebtes Schiraz nur einmal verlassen hat für eine kurze Reise nach Yazd und Isfahan, und dass er auf diese Reise, das geht aus seinen Gedichten hervor, auch gerne hätte verzichten können.

Hafez hat die Liebe besungen und den Wein, die irdischen Freuden waren ihm näher als alles andere. Zugleich war er durchaus religiös, schrieb Gedichte über Gott, aber zugleich auch Gedichte gegen die Doppelmoral der Kleriker, die ihm zuwider waren, wie Kanani erläutert:

„In der Metaphorik von Hafis ist der Archetyp des persischen Rends ein Mensch, der keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen Menschen, Fürsten und Königen macht, der bar jeglichen religiösen Eifers ist und keinen Gegensatz zwischen Feuertempel, Moschee, Synagoge und Kirche sieht.“

Und über die Frömmler und Machtgierigen dichtete Hafez:

Dumme sind aus Uebermuth
Aufgestiegen zum Saturn,

Schade, daß der Frommen Ach
Nie bis zum Saturnus kommt.

(Deutsch von Joseph von Hammer)

Minutiös geht Kanani durch Hafez' Werk und stellt bei den meisten Zitaten mehrere deutsche Übersetzungen nebeneinander, um zu zeigen, wie schwierig es doch ist, ihn ins Deutsche zu übertragen, um darzustellen, welcher Übersetzer welche Nuancen betonte, wie die Form variiert (die meist trotz aller Mühen von ebenfalls beigefügten persischen Original weit abweicht).

Für Hafez-Kenner ist dieses Buch eine wunderbare Übersicht der zentralen Aspekte von Leben und Werk des großen persischen Dichters – für alle anderen ein guter Einstieg, der auch durch zahlreiche Einordnungen und Erläuterungen Zugang gibt zu Texten, die vielleicht manch einem auf den ersten Blick fremd erscheinen mögen. Bis man erkennt, dass viele von Hafez' Gedichten uns heute nicht weniger mitzuteilen haben als den Zeitgenossen des Dichters vor fast 700 Jahren.

 

 

Nasser Kanani
Hafis. Der größte Lyriker persischer Zunge
Koenighausen und Neumann
2020 · 292 Seiten · 39,80 Euro
ISBN:
978-3-8260-6950-5

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