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Kritik

Von Sprache zu Sprache

Hamburg

Kreuzung heißt auf Persisch Tschahar-Rah. Wörtlich übersetzt: Vierweg. Es heißt, je nachdem, in welcher Sprache man spricht, denkt und handelt man auch anders. Sprache formt die Persönlichkeit zu einem nicht unwesentlichen Teil. Das heißt auch: Kinder, die zweisprachig aufwachsen, haben einen Vorteil. Die Zweisprachigkeit bringt aber auch eine ganz andere Frage nach der eigenen Identität mit sich, inklusive all der Klischees vom Leben in zwei Kulturen, die an einen herangetragen werden.

Damit schlägt sich auch Mona herum, die Protagonistin in Nava Ebrahimis Debütroman „Sechzehn Wörter“. Mona ist 34, als ihre Großmutter, ihre Maman-Bozorg, stirbt. Zusammen mit ihrer Mutter fliegt Mona nach Maschhad in Iran. Dort wurde sie geboren, bevor sie mit ihren Eltern nach Deutschland kam. In Köln hat Mona studiert, arbeitet als Ghostwriterin, durchlebt unbeständige wechselnde Liebschaften. Sich so richtig zu binden, das will ihr einfach nicht gelingen. Sie lebt eine fragile Unverbindlichkeit, auch ihr aktueller Freund Jan ist ein Gharibe-Dust, ein Mann, über den sie eigentlich gar nicht so viel wissen möchte, denn sobald es zu persönlich wird, wird es schwierig. Ähnlich ist es mit Ramin aus Teheran. Von ihm weiß sie immerhin, dass er verheiratet ist, wenn sie sich in Hotelzimmern mit ihm trifft – auch diesmal wieder. Kaum ist sie in Teheran gelandet, ruft er sie an. Jahre war sie nicht mehr im Land ihrer Eltern. Und eigentlich hatte sie auch gar nicht vorgehabt, so bald zurückzukehren.

Nun lässt sie sich von den Ereignissen ziehen, und ohne es darauf anzulegen, macht sie sich daran, das Rätsel ihrer eigenen Herkunft zu entwirren. Denn es gibt da etwas, das Großmutter ihr immer verschwiegen hat...

Mit viel Humor und großem Einfühlungsvermögen verleiht Nava Ebrahimi ihrer Protagonistin eine unglaublich lebensnahe und glaubwürdige Stimme. Man hat beim Lesen oft das Gefühl: Da spricht ein Mensch, den man schon lange kennt, und der nun zum ersten Mal die eigene Geschichte aufdröselt, manchmal traurig, manchmal augenzwinkernd. Für ein Debüt ist es überwältigend, wie stilistisch und erzählerisch ausgereift dieser Roman ist, der sich an den titelgebenden sechzehn Wörtern entlangarbeitet und die deutsch-persisch Verflechtungen erkundet.

Welche Situationen sind es eigentlich, in der ich die eine oder die andere Sprache verwende, und warum? Das fragt sich Mona. Mit ihrer Mutter spricht sie eigentlich deutsch. Doch als diese vom Tod ihrer Mutter erfährt, äußert sie ihre Trauer auf Persisch. Nur einmal hatte Mona in Deutschland einen iranischen Freund, und immer bestand sie darauf, deutsch zu sprechen. Die Sprache blieb ihrer Großmutter hingegen verschlossen. Ihre Großmutter, die die Familie damals, in den Achtzigern, nach Deutschland geschickt hatte und bis zum Schluss eher seltsame Vorstellungen davon behielt, was diese Azadi (Freiheit) im Westen eigentlich bedeutet. Wie weit sind unsere Vorstellungen von der Realität entfernt, wie oft kreieren wir uns selbst einen Exotismus, um Realitäten zu verklären?

Und was passiert, wenn wir all diese Begriffe in die andere Sprache transportieren? Verändert sich ihre Bedeutung? Verändern wir selbst uns, wenn wir Landesgrenzen übertreten? Manche dieser Fragen hat sich wohl jeder schon gestellt, der einmal mehrere Jahre im Ausland war und beobachtet hat, was das mit einem macht – auch wenn der Unterschied zwischen einem freiwilligen und einem unfreiwilligen Exil gewaltig ist. Die Kernfrage – was ist Identität? – klärt Nava Ebrahimi nicht. Stattdessen näher sie sich ihr immer wieder an. Und am Schluss wirft sie alle Gewissheiten über Bord und zieht nicht nur ihrer Protagonistin, sondern auch dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Identität, soviel steht fest, ist so fragil wie Monas Liebschaften.

Nava Ebrahimi
Sechzehn Wörter
btb
2017 · 320 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-442-75679-7

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