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Kritik

War for sale and I bought it

Hamburg

Der neue Roman der Kultautorin Nell Zink Das Hohe Lied, im Englischen etwas frecher Doxology betitelt, Übersetzung: Tobias Schnettler, ist ein weiterer Triumpf der spätberufenen Wahl-Bad Belzigerin. Jedenfalls die ersten beiden Drittel, dann verliert der generationell ambitionierte Familienroman etwas an Fahrt und Fokus, in der trumpistischen Gegenwart angekommen. Davor allerdings zündet die stets mit dem Zynismus kokettierende Zink, die aber tatsächlich kein bisschen zynisch, dafür schneidend hellsichtig schreibt, eine treffsichere Atmosphäre-Bombe über das von Punk, Post-P., dann Grunge erfasste New Yorker Leben in den 80er, 90er um aus dem Boden schießende Bands, Lofts, Rausch und deren ___STEADY_PAYWALL___allmähliche Dissolution in nostalgischen Hype, Tod oder Familie. Zink verfolgt mit Empathie das Schicksal ihrer drei Protagonistinnen bis zu ihren Nachkommenden durch ein paar Jahrzehnte Gegenwart.

Immer wieder scheint ein semi-autobiografischer Bezug durch, wenn Zink sich ihren Charakteren nähert, auch sie hat u.a. zeitweise der Musikszene angehört, oder bemerkt, „sein Talent zu erzählen war schier grenzenlos“. Nach den typischen ironischen Pinselstrichen fühlt sie mit den protagonistischen Trampeligkeiten, Lüsten mit, schenkt ihnen Sympathie, begleitet sie wie Schutzbefohlene. „Schreib für deine Freunde, nicht für deine Feinde“, wie Zink einmal im taz-Interview meinte. Umsichtig schickt sie sie durch den allmählichen Verfall einer einstmals künstlerischen, ambivalenz-kompetenten Hochburg in das von Angst und Schrecken, Krieg und Misstrauen heimgesuchte Leben einer rechtskonservatives Heil suchenden VerbraucherInnen-Menge.

Zurück in Ende der Achtziger, gilt es Independent-Musik zu machen. Um heimlich doch auf den Hit zu warten. So geschieht es bei Joe Harris, zunächst verfolgt von Zinks weiblichem Personal wie bei einem Indie-Biopic, fokussiert auf dessen schrulligen Texten, wie „rub-a-dub in the tub...“, der dann später geändert in den Titel „Chugalug“ einen völlig verblüffenden Erfolg generiert, dem weitere folgen. Bis tatsächlich am 9/11 jener Indie-Genius unbemerkt den Goldenen Schuss gesetzt bekommt, worauf sich die Romanstimmung für immer ändert, und die Sujets welthaltiger werden, speziell in die Auswirkungen der Bedrohungen des Klimas tauchen. „Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel.“ Nell Zink lässt den umfangreichen Roman mit einer geo-klimapolitischen Stellungnahme enden:

Ein Mann ist nichts anderes als ein Joystick [...] Die Hitze des Asphalts drang durch den Wagenboden.

Für Zink-Fans ist auch diese Veröffentlichung ein gefundenes Fressen (wenn auch etwas weniger dicht, dafür leicht angedickt mit Unschärfen). Schnelle, kluge Bemerkungen, Notizen, Zusammenfassungen säumen das Erzählen. Über Programmieren in den 80ern schreibt sie:

Programme liefen ohne Grafik oder Menüs. Knauserigkeit wurde „Eleganz“ genannt. Ästhetisch betrachtet ähnelte das der Eleganz, sich das Haar abzuschneiden, anstatt es zu waschen [...] die ultimative Eleganz war erreicht, wenn sämtliche Programme eines Rechners nackt und barfuß zusammenlebten und sich einen einzigen Mantel teilten.

Eine einführende Miniatur zur Kindheit Joes bringt schon alles auf den Punkt.

Sein Vater unterrichtete als Professor für Amerikanische Geschichte. Seine Mutter war ein ewig-junges und permanent überdrehtes Partygirl gewesen, das die ganze Nacht durchtrinken, jedes Lied singen, die Klavierbegleitung dazu faken und sich mit jedem über alles und jeden unterhalten konnte. Sie fiel 1976, während sie lachend einen Hang hinauflief, bei einem Picknick des Fachbereichs in Wave Hill tot um. Die Studenten gaben vor, es tue ihnen schrecklich leid, während ihr Ehemann vorgab, Wiederbelebungsmaßnahmen durchzuführen. Joe hielt ihre Hand und sagte: „Tschüss, Mommy!“ Er war erst acht.

Das Hohe Lied ist ein solider Roman, doch für Nell Zink wie man sie schätzt vielleicht nicht in der ultimativen Form. Statt der unbeschränkt stattfindenden wiedererzählten Geschichte von allen unter allem, sind es eher bestimmte Themen, die der Sprache dieser blitzgescheiten Schützin, besser stehen als andere. Die Indie-Rock Featurettes der Saga sind eindeutig große Leseliteratur.

Nell Zink
Das Hohe Lied
Übersetzung:
Tobias Schnettler
Rowohlt
2020 · 512 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-498-07671-9

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