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Kritik

Nico Bleutge – Den Wiederholungen folgen oder eine andere Richtung einschlagen

Inger Christensens alfabet/alphabet
Hamburg

Anfang der 80er Jahre: Inger Christensen sammelt wahllos Worte, um mit der Krise umzugehen, die die atomare Bedrohung für sie bedeutet. Sie zweifelt „an der Lesbarkeit der Welt [...]“. Lange ist ihr selbst nicht klar, was aus dieser unsystematischen Sammlung werden soll. Dann aber findet sie unter den gesammelten Worten dasjenige, das fortan als Strukturierungsprinzip fungieren soll: die Fibonacci – Folge. Mit Zahlenreihen als Kompositionsprinzip für ihre Gedichte hatte Inger Christensen bereits experimentiert, bevor sie diese Formel für Wachstum, das sich so auch vielfältig in der Natur wiederfindet, ihrem einflussreichem Langgedicht „alfabet“ zugrunde legte.

„Ich vertraue darauf“, ___STEADY_PAYWALL___erzählt sie 1986 dem Schriftsteller Jan Kjaerstad, „daß, wenn ich etwas schreibe, das teils ich selber bin, teils in der Welt ist – in diesem Falle also Mathematik -, daß diese Kombination aus den Zahlen und meinen Worten so etwas wie ein natürlicher Organismus wird.“

Fast 40 Jahre später, die atomare Bedrohung scheint, zumindest vorläufig, abgewendet zu sein, beschäftigt sich der Dichter Nico Bleutge in der Reihe der „Zwiesprachen“ ausführlich mit Christensens Gedicht, und konzentriert sich dabei auf die erstaunliche Vielfalt des Immergleichen. Wiederholungen, denen es gelingt auf gewisse Weise das Leben selbst abzubilden. Indem Bleutge von ersten und endgültigen Begegnungen erzählt, entwickelt er eine Geschichte der Wiederholung, die eine dem üblichen Verständnis zuwiderlaufende Bedeutung gewinnt. Denn es ist die Wiederholung selbst, die Feststellung und Aufzählung des „es gibt“ („findes“), die einen Fächer an sprachlichen Gesten öffnet. Bleutge fragt sich:

„Wo hört die Wiederholung auf, wo fängt die Variation an? Und Variation meint bei Christensen immer: ein ungemein feines Gespür für Verschiebungen aller Art […] ein Spiel mit der Struktur.“

Kurz nachdem ich Bleutges Zwiesprache mit Christensens alfabet gelesen habe, erscheint die dritte Ausgabe der Zeitschrift Transistor, und darin finde ich eine Auseinandersetzung von Christian Filips mit eben diesem Gedicht. Filips geht einen anderen Weg, er konzentriert sich auf das, was fehlt. Nämlich die „klassenlose Sprache“. Und was es hingegen neben Strukturierung und Wiederholungen gibt: nämlich das „als ob“. „Wenn ich Gedichte schreibe“, so Christensen, „dann tue ich so, als schriebe nicht ich, sondern die Sprache selber. Als hätten die Sprache und die Welt ihre eigenen Verbindungen. Dabei tue ich nur so, als ob.“

Überraschung und Wiederholung, klassenlose Sprache und so tun als ob. Sind das Gegensätze, oder zeigen die unterschiedlichen Schwerpunkte und Herangehensweisen vielmehr, wie „universal“ dieses Gedicht ist?

So lässt das Mittel der Wiederholung die Vorstellung von Zeit, Vergänglichkeit und Erinnern entstehen, indem ein „Raum aus verschiedenen Zeiten, Sprech- und Gedächtnisformen“ aufgespannt wird, wie Bleutge es formuliert.

Er arbeitet in seiner Auseinandersetzung heraus, wie bereits im Beginn mit den Aprikosenbäumen das gesamte „Programm“ des Gedichts enthalten ist, Fruchtbarkeit, Leben und – da der Aprikosenkern giftig ist – Vernichtung und Tod, eine Feier des Lebens neben ihrer drohenden Auslöschung. Allerdings, und darauf weist Bleutge hin, geht Christensens alfabet über eine Dialektik oder Dichotomie hinaus.

Alfabet ist nicht zuletzt ein Gedicht über das Verschwinden. Aber ein Verschwinden währenddessen davon geträumt wird, Früchte zu tragen, die Frucht des Spurenlegens. Spuren, die jedes Lesen erneut zum Blühen bringen kann. Ein Gedicht, das bis ins Kleinste seiner Struktur folgt, die gleichzeitig seine Natur ist. Mathematische Strenge, die wundersamerweise, als läge es in ihrer Natur, zu Offenheit führt, eine Formel für ein „Schöpfungsgefüge“ anbietet, voller „Echos und Bündnissen“ Eine Spur der Aprikosenbäume, bei der Anwesenheit und Abwesenheit ins eins fallen.

Aber was ist mit der „klassenlose Sprache“, die fehlt?

Vielleicht ist das eine Art von Gleichberechtigung, die die Idee der „klassenlosen Sprache“ in sich trägt, indem sie tut, als ob das Gedicht sich Naturgesetzen folgend selbst schreibt. Und erst in der Auseinandersetzung entdecken die Leser*innen Wiederholungen und Fehlen, Mangel und Fülle. Und entscheiden sich, ob sie den Wiederholungen folgen, oder das finden, was fehlt.

Nico Bleutge
Den Wiederholungen folgen alfabet / alphabet / Nico Bleutge über Inger Christensen
Wunderhorn
2020 · 32 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-88423-633-8

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