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Kritik

„Unerhörter Mittelpunkt“ von Dada

Nicola Behrmann schreibt Emmy Hennings in die Geschichte der Avantgarden ein
Hamburg

Wer war Emmy Hennings? Für die meisten Forscher und Kritiker war sie lange Zeit einfach die Frau von Hugo Ball, jenem legendären (Mit-)Begründer von Dada, der in schwer beschreibbaren Outfits schwer zu deutende Lautgedichte im Zürcher Cabaret Voltaire vortrug, während ringsum Weltkrieg tobte. In fast jedem Schulbuch ist diese Episode der Literaturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts mittlerweile präsent. Es gibt eine Zeitschrift namens Hugo-Ball-Almanach und zahlreiche Bücher widmen sich der Frage, was Dada war und was daraus wurde. Emmy Hennings Rolle für diese kurzlebige Bewegung wird dabei gerne vernachlässigt. Oft steht ihr wechselhaftes Leben im Vordergrund: Sie war Sängerin und Tänzerin, sie hatte wohl mit allen möglichen Dichtern mal was am Laufen, sie prostituierte sich auch, landete wegen Diebstahls im Knast. Einige Drogenabhängigkeiten kamen hinzu. Und ikonische Fotos. Schließlich widmete sie sich mit Ball nach dem Cabaret Voltaire ihrem Glauben, dem Katholizismus, und starb, Balls Nachlass verwaltend. Fast 70 Jahre hat es gedauert, bis ihr eine Studienausgabe zuteilwurde: Seit 2016 bemüht sich der Wallstein-Verlag darum, das Werk, das zuvor fast nur antiquarisch zu haben war, wieder einem größeren Publikum zugänglich zu machen.  

Herausgeberin dieser Studienausgabe ist Nicola Behrmann, Professorin an der Rutgers University in den USA, die nun mit Emmy Hennings – Die Geburt der Avantgarde eine große, insgesamt sehr lesenswerte Studie vorlegt. Ihr Ziel ist es, die Dichterin in die Literaturgeschichte einzuschreiben — und zwar richtig. Bislang beschränkten sich die Publikationen zu „Balls Frau“ größtenteils auf Materialbände und Biografien. Behrmann hingegen verfolgt ein ambitionierteres Projekt: „Es geht um den Versuch, eine weibliche Genealogie der Avantgarde nachzuzeichnen, und zu zeigen, auf welche Weise Hennings an diversen Kunstbewegungen (…) mitgewirkt hat und sie sogar konstituiert hat, ohne jemals zu ihnen zugelassen worden zu sein.“ Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Autorin kommt dieser Frage in drei großen Kapiteln auf die Spur. Hennings Wirken wird kultur- und geistesgeschichtlich verortet. Das Berlin um die Jahrhundertwende wird mittels Walter Benjamins „Berliner Chronik“ greifbar. Man taucht ein ins Café des Westens am Kurfürstendamm und verfolgt die Intrigen von Else Lasker-Schüler gegen Hennings. Und man „taucht“ wirklich „ein“, denn Behrmanns versammelt zahlreiche Briefe, Tagebucheinträge und andere Dokumente, verknüpft sie geschickt. Im zweiten Abschnitt wird die Geburt von Dada als „Junggesellenmaschine“ untersucht, die Gründung als Geburt gedacht. Und im letzten Teil deckt Behrmann in Hennings Werk Schreib- und Sprachphänomene, die nahe am Text darlegen, was ihre Kanonisierung verhinderte: Sie nennt das Kapitel „Sehnsüchte, Sprechzwänge, Hörigkeit“

Für Hennings selbst war ihr eigenes Schreiben schlicht „büchermachenspielen“. Was sie über die Bewegung Dada dachte, lässt sich bestens an einem Zitat verdeutlichen:

„(Ich hatte) wenig Lust als dienendes Glied an eine nicht mal halbe Kunstrichtung anzuschließen. Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon.“

Mit dieser Einstellung kann man wohl kaum dem „Geschichtsbegehren“ gerecht werden, aus denen sich Avantgardebewegungen speisen. Dada war von Anfang an für das Archiv, so Behrmanns These. Avantgarde-Bewegungen wollen ein Ereignis sein, sind es aber immer nur im Nachhinein, wenn historiografische über Auslegung, Verdienste und dergleichen gestritten wird. Ganz nebenbei bekommt man bei der Lektüre von Die Geburt der Avantgarde eine Menge von diesen Konflikten mit: Wer wollte wen bei was (nicht) dabeihaben.

Behrmann nähert sich Hennings Schaffen aber eben nicht durch großflächige literaturhistorische Vermessungen, die zeigen, wer nun genau Schuld daran hatte, dass ihr irgendein Ruhm nicht zuteilwurde. In einer stellenweise eklektischen, aber insgesamt schlüssigen Zuhilfenahme von Denkerinnen und Denkern, die der Dekonstruktion nicht abgeneigt sind, argumentiert Behrmann, warum das wahre Ereignis, das wohl jeder Auftritt von Hennings war, keinen Platz in der Dada-Genealogie finden konnte. Der Schrei unter der Maske bei einem Auftritt im Cabaret Voltaire etwa ist das „Andere der Avantgarde“: Er wirkt als Präsenz, in den Annalen der Moderne kann er keinen Platz einnehmen, höchstens als Notiz in der Beschreibung eines Abends. Hennings, so Behrmann, verkörpert Dada, indem sie nichts repräsentiert. Sie ist nicht die liebende Mutter irgendeiner Bewegung. Ihre Werke wie Das Brandmal oder Das ewige Lied haben nichts mit einem künstlerischen Programm und nicht einmal einem Anti-Programm zu tun. Sie kann von nichts vereinnahmt werden, weil sie sich ohne Unterlass hingibt. So aber fordert Hennings keine Schreibweisen, die es ihr gleichtun, die sich mit ihr in eine Genealogie bringen lassen, sondern „Echo, Resonanz, Widerhall“.

Behrmanns Geburt der Avantgarde geht über eine gelehrige Hennings-Hagiografie weit hinaus. Ihr Buch stellt grundlegende Fragen über die Möglichkeiten der Literaturhistoriografie, das Verhältnis von Avantgarde und Geschichte und das wirkliche Eigene weiblichen Schreibens.

 

Nicola Behrmann
Geburt der Avantgarde - Emmy Hennings
Wallstein Verlag
2018 · 424 Seiten · 29,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-3123-5

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