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DUM - Das ultimative Magazin
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Kritik

unter freunden

Hamburg

Sind Tatsachen nicht quälend und langweilig?
Ist es nicht besser drei Wünsche zu haben
unter der Bedingung daß sie allen erfüllt werden?
[…]
Ich wünsche ein Buch in das ihr alle vorn hineingehen
und hinten herauskommen könnt.
Ich möchte nicht vergessen daß es schöner ist
dich zu lieben als dich nicht zu lieben

Als Nicolas Born mit 41 Jahren an Lungenkrebs starb, stand Peter Handke die letzten Tage fast ununterbrochen an seinem Krankenbett. Es war auch Handke, der drei Jahre zuvor Borns ersten Schicksalsschlag hautnah miterlebt hatte: den Brand in seinem Haus an der Elbe, bei dem fast alle Manuskripte vernichtet wurden und jahrelange Arbeit und Geborgenheit in Flammen aufgingen.

Doch auch viele andere nannte er Freund, u.a. Günter Kunert (von dem das Zitat aus dem Titel stammt), Günter Grass, Johannes Bobrowski, Uwe Kolbe, Hubert Fichte, viele andere DDR und Westautoren, deren Namen heute fast vergessen sind – und Friedrich Christian Delius, in dessen Werk weiterhin ein Funke bornscher Unbequemheit glimmt. Außerdem Ernst Meister, zu dessen später Anerkennung er viel beigetragen hat. Sein früher Tod schockte die deutsche Literaturlandschaft.

Den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki traf die Nachricht unterwartet: „Ich kannte ihn, ich schätze seine Romane und Gedichte, ich war erschüttert. Ich glaube, ich zitterte. Lange dachte ich über Born nach, einen der begabtesten, liebenswertesten Autoren seiner Generation.“

Wer war dieser Dichter, mit so vielen befreundet, von so vielen beiläufig bis feurig geschätzt, von seinem Verleger Ledig-Rowohlt auf der Grabfeier als „auf dem besten Weg ein deutscher Camus zu werden“ bezeichnet?

Das schmale Buch, erschienen im Wallstein Verlag – wo auch in den letzten Jahren von seiner Tochter Katharina die sehr empfehlenswerten Gedicht- und Briefeditionen herausgegeben wurden – versucht darauf Antworten zu geben, mit einer Einführung, mit Erinnerungen und Werkbeispielen. Es gleicht dabei ein wenig dem Gedenkbuch „Der Landvermesser“, welches 1999 zu Borns zwanzigstem Todestag bei zu Klampen erschien. Beide Bücher in Summe können ein kleines Schlaglicht auf Borns Bedeutung und Wirken werfen, wobei ich sagen muss, dass mir bei beiden Publikationen einiges zu kurz kommt, wenn auch in beiden alles einmal angesprochen, -gedeutet wird.

Aber es wird, einst beim Landvermesser und jetzt in diesem Buch, etwas zu viel Gewicht auf die kleinen Erinnerungen von Weggefährten, auf die Freundschaftsbande und Erwähnungen, auf jeden noch so kleinen Schnipsel Nachhall und Vermächtnispflege gelegt, dagegen zu wenig auf die lebendige Annäherung an Borns Werk, dessen Tiefe und Botschaft.

Ein Text z.B. fehlt in beiden Büchern: jene kurze und wunderbare Zusammenfassung von Borns schriftstellerischer Leistung in Friedrich Christian Delius Buch „Warum ich schon immer Recht hatte – und andere Irrtümer“ (ein streitbares und stellenweise, gesellschaftlich und politisch gesehen, sehr wichtiges, entlarvendes Werk), wo er Borns Kompetenzen gekonnt auf den Punkt bringt.

Gesagt hab ich mal, dass einer zum Knüppel wird

wenn er seiner Zeit böse bleibt

Was mich angeht, so halte ich Nicolas Born nach wie vor für einen der besten deutschsprachigen Dichter und, obgleich viele aus dem Nachlass herausgegebene Erzählungen vernachlässigbar sind, für einen guten Erzähler, was er in seinem Roman „Die Fälschung“, einem der intensivsten deutschsprachigen Bücher, eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat. Seine essayistischen Texte, die tatsächlich entfernt an Camus erinnern, allerdings noch etwas radikaler und weniger philosophisch sind, mehr praktisch, haben die (so vielen Texten angedichtete – aber ein Blick in Borns Werk genügt, um mir da zuzustimmen, hoffe ich) Zeitlosigkeit einer engagierten Literatur, die auf die Grundproblematiken unseres Systems und unserer Scheuklappen abzielt und deswegen nicht aus der Mode kommen kann.

In seinen wenigen Reden und Wortmeldungen, teilweise auch in seinen anderen Schriften, wendete sich Born oft gegen die Verfälschung, die vermeintliche Darstellung der Wirklichkeit, (bevor er später auch zu einem wichtigen Sprachrohr der Anti-Atomkraft-Bewegung wurde). TV-Nachrichten waren ihm ein Graus.

Das Mögliche muss sich im Trommelfeuer der Medien erst wieder einführen

schrieb er Ende der Siebzigerjahre und diesem Satz können wir heute im Zeitalter von Facebook, Fake-News, etc. wohl nicht ad acta legen. In einer sich damals schon anbahnenden „Welt der Maschine“ wollte Born dem Irrsinn, der sich daraus speiste (und heute die ganze Welt umkreist, ohne Zügel, ohne Zäune – die Digitalisierung ist uns ja längst davongaloppiert) entkommen, ihm entsagen. Und konnte es natürlich nicht, weil Emanzipation und Engagement sich nun mal ausschließen. Und Born wollte nicht unbeteiligt sein, so zurückgezogen und ruhig er sich meist auch gab.

Manchmal glaube ich zutiefst, dass es keine Rettung gibt, dass die Emanzipation gegenüber der Macht ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Dass hier gelingt, dort gelingt, insgesamt nicht gelingen kann.

Dem "Wahnsystem Realität", das er nicht mit der Wirklichkeit verwechselt sehen wollte, versuchte er in seiner Lyrik mit persönlichen Glücks- und Wahrheitsmomenten zu begegnen, mit kleinen Spuren Bitterkeit, unspektakulären Absagen – etwas, das ihm oft als Makel angelastet wurde und seine, fälschlicherweise auf die Strömung der Neuen Subjektivität reduzierte, Dichtung bis heute unter den Verdacht stellt, unbedeutend zu sein, eine Zeiterscheinung.

In der Tat sind seine Gedichte in ihrer unzielstrebigen Gelassen- und Zerrissenheit nicht gerade klassische Aushängeschilder für minuziöse, elaborierte, ambitionierte Verdichtungen, für „große“ Lyrik. Doch es gibt eine Komponente, die Borns Lyrik groß macht, unvergleichlich geradezu, und das ist die menschliche Dimension.

ein Tag wie ein anderer Tag
die Bäume wachsen wo sie gepflanzt wurden
die Wälder singen und wandern in die Bibliotheken
die Bibliotheken schweigen
wie die Fotos von Massakern schweigen
und ich schreie auf im Schlaf
wie du Entfernter im Wachen schreist

Dieser Zug zur menschlichen Dimension brachte Born trotz seiner Abscheu vor den Nachrichten, vor der Berichterstattung dazu, seinen großen Roman „Die Fälschung“ in einer Kriegs- und Krisenregion anzusiedeln und seinen Protagonisten zu einem Kriegsreporter zu machen – denn an dieser Stelle der Wirklichkeit sah er Bedarf für eine literarische Be- und Verarbeitung, die Menschliches hervorholen und bewahren sollte, inmitten all der ideologischen und voyeuristischen, fanatischen und registrierend-distanzierten Tendenzen.

Das Dilemma, die Krise des Protagonisten Gregor Laschen ist, dass er erkennt, wie unmöglich es für ihn ist, mit einem Bericht oder einem Foto, das Leben und das Sterben zu zeigen, zu übermitteln, selbst wenn er Zusammenhänge, Ereignisse und Aussagen sammelt, verifiziert und wiedergibt. Denn ein Foto, ein Satz, sagt immer: hier, ich sag euch wie es ist. Aber da ist immer mehr und mehr; da sind Hass & Angst, aber auch die Banalität, die Absurdität, die Gefechte, aber auch die aberwitzigsten Abmachungen, Ausnahmen. Der, der zu Hause sitzt und den Bericht liest, kann er den wirklich begreifen, was vor sich geht? Präsentiert man ihm nicht nur ein Bild, das niemals ausreichen wird? Der Bericht und die Fotos sind Fälschungen, denen die menschliche Dimension in den meisten Fällen fehlt.

Vielleicht waren alle Fotos von der Wirklichkeit nicht in Ordnung, falsch, alle Sätze über die Wirklichkeit falsch. Es passierte dabei etwas mit der Wirklichkeit […] Er hasste die eigenen Berichte, wenn sie fertig waren und gedruckt, dann sah er sich selbst in den Sätzen sitzen und feixen, sich hindurchschlagen und hindurchbehaupten.

Egal, wohin man in Borns Werk blickt, diese Suche nach der menschlichen Dimension ist (ähnlich wie bei Camus) immer mit dabei. Nicolas Born, der so vielen unterschiedlichen Menschen Freund war, versuchte sich nie zu weit von einer Darstellung zu entfernen, die das Individuum zeigt, versprengt in einer Realität, in der es sich nicht mehr auf den Kontakt, auf die es umgebende Wirklichkeit, sondern auf das Bild, die Berichterstattung, die Einordnung vor den Dingen stützt. Auf das Etikett.

Natürlich wurde das Etikett nicht in unserer Zeit erfunden, Vorurteile gab es immer und was heute aus dem Fernseher kommt und aus der Zeitung, war früher der Volksmund. Das Problem bleibt aber aktuell und erfuhr durch Live-Berichterstattung und Globalisierung etc. eine neue Dimension.

Wenn wir immun sind dann sterben wir
an unseren Immunitäten.

Wenn es wahr ist, dass Kriege sein müssen
ist es dann noch wichtig daran teilzunehmen?

Stell dir vor es ist kein Krieg
und alle gehen hin

Ich hoffe, ich konnte klarmachen: Born hat uns noch etwas zu sagen. Das wäre mir tatsächlich ein großes Anliegen. Denn wo immer ich über ihn spreche, kennt man oft seinen Namen, aber gelesen wird er nicht mehr, zumindest wird nicht über seine Werke gesprochen, vielleicht noch über die Person. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass er mehr Mensch als Figur war, sich nie als Intellektueller gebärdete. Ein Freund schrieb über ihn:

Er hatte eine Lehre hinter sich und eine Arbeitsstelle aufgegeben wegen Berlin. Er war in der Gewerkschaft und hatte Frau und Kind. Das heißt, er war anders als wir, die wir studiert und mit der Welt, wo mit Händen gearbeitet wird, allenfalls geflirtet hatten.

Die Utopie als ein kleiner Zettel, den man in der Brusttasche mit sich herumträgt – so würde ich viele seiner Gedichte beschreiben. Eine Unruhe ist darin, aber auch eine Ruhe, die sich die Waage halten. Alles in einem Borngedicht scheint wichtig zu sein und alles gehört einfach nur dazu.

Damit schließe ich – es gäbe noch mehr zu sagen, immer mehr, ganze Passagen könnte man zerpflücken. Ich hoffe, dass das irgendwann folgt. Bis dahin: jenes Zitat von Christoph Meckel, der Born zu Ehren sagte:

Es gibt keine Resignation, weil es Sprache gibt.

Ob man ihm da zustimmen kann? Nach der Lektüre manches Borngedichtes kann ich die Idee zumindest gut verstehen.

Ein feines Geräusch geht durch das Universum

es ist meine Liebe zu dir

Also ihr da draußen, die ihr von Engagement labert und schreibt...

Nicolas Born · Axel Kahrs (Hg.)
unter freunden
Wallstein
2017 · 108 Seiten · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-8353-3118-1

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