Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Artichoke #17
x
Artichoke #17
Kritik

Wenn selbst die Sanftmütigsten am Ende nur Tiere sind

Nicolas Mathieu erzählt in „Rose Royal“ die tragische Geschichte einer Frau, die ihre Unabhängigkeit aufgegeben hat
Hamburg

Im Grunde führte Rose ein zufriedenes, selbstbestimmtes Leben: Mit einem nicht sonderlich aufregenden, aber sicheren Job als Sekretärin der Geschäftsführung, einer günstigen Mietwohnung am Stadtrand von Nancy und einem weißen Fiat Punto, den sie ihr Eigen nannte. Die Feierabende verbrachte sie im „Royal“, einer etwas heruntergekommenen, aber doch irgendwie charmanten Kneipe in der Nachbarschaft, meist zusammen mit ihrer Jugendfreundin Marie-Jeanne, die dort für zehn Euro und einen Schnaps der Kundschaft auch gleich die Haare schnitt. Mit dem ersten Schluck begann der entspannende Teil des Tages.

Was man über Roses vorangegangene 50 Lebensjahre erfährt, beschränkt sich, wie vieles in dieser 85 Seiten schmalen Erzählung, auf Andeutungen: trostlose Kindheit, tyrannischer Vater, Hochzeit mit 20, Scheidung, zwei erwachsene Kinder, die sich nur am Muttertag und an Weihnachten telefonisch melden. Dazu kommen: zwei Vergewaltigungen („kein Skandal“), Online-Dating-Versuche___STEADY_PAYWALL___ und immer wieder Typen („Idioten und Brutalos“), die nach der Phase anfänglicher Sanftmütigkeit ihre Aggressionen nicht unter Kontrolle hatten. Letzteres führte dazu, dass Rose sich im Internet für 650 Euro einen gebrauchten neun Millimeter Revolver mitsamt Patronen besorgte, den sie fortan in ihrer Handtasche bei sich trug.

Die tragische Wende in ihrem zwar eintönigen, aber annehmbar eingerichteten Leben trat an jenem Abend ein, als Luc mit blutbespritztem Hemd im „Royal“ auftauchte, auf dem Arm einen Hund, der kurz zuvor von einem Auto angefahren worden war. Um das Tier von seinem Leiden zu erlösen, griff Rose beherzt zum Revolver in ihrer Handtasche und drückte ab. Luc war beeindruckt. Den Beginn einer romantischen Verbindung stellt man sich anders vor.  

Die Beziehung hielt zweieinhalb Jahre, sie endete damit, dass es Rose erging wie Lucs Hund, erschossen mit ihrem eigenen Revolver, jedoch nicht in irgendeiner Vorstadtspelunke, sondern in einem Fünf-Sterne-Wellness-Ressort, in das Luc sie mitgenommen hatte. Dass am Ende Luc Rose getötet hat, und nicht umgekehrt, mag ein Zufall sein, oder auch nicht – auch Rose hatte die Tat in Gedanken bereits durchgespielt, allerdings als Notwehrszenario im Falle weiterer Tätlichkeiten Lucs.  

Auf wenigen Seiten skizziert Mathieu das Zusammenleben der beiden. Den windigen Bauunternehmer und Immobilienmakler Luc, der mit Schwarzgeld um sich schmeißt, nicht viel spricht, dafür aber zuschlägt, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Daneben die einst starke und souveräne Rose, die Stück um Stück ihre Selbständigkeit opfert und sich ohne Not in eine existenzielle Abhängigkeit zu Luc begibt, die dieser sie bei jeder Gelegenheit spüren lässt. Am Ende ist da nur noch der Alkohol, der die beiden verbindet. Alle Versuche Roses, sich von Luc zu befreien, scheitern – bis es schließlich zu spät dafür ist. 

Sowohl beim sozialen Hintergrund seiner Figuren als auch dem Ort der Handlung bewegt sich Mathieu in „Rose Royal“ auf bewährtem Terrain. Man bekommt wie bereits in seinem preisgekrönten, sehr viel ausführlicheren Roman „Wie später ihre Kinder“ (Hanser Berlin 2019) eine Art französische Übergangswelt vorgeführt. Die beschriebenen Charaktere leben in einer Gesellschaft, in der der einstige Wohlstand noch nachwirkt, jedoch in dem Wissen, dass die guten Zeiten unwiederbringlich vorüber sind, und dass alles, was jetzt kommt, schlechter sein wird als das, was früher war. Mathieu weiß, wovon er spricht; er ist selbst in Lothringen aufgewachsen und lebte heute in Nancy, die regionalen Besonderheiten sind ihm ebenso vertraut wie die Menschen.  

Zugleich ist klar, dass die Geschichte an keinen spezifischen Ort gebunden ist. Was Mathieu in lakonischer Sprache und maximaler Verknappung erzählt, hätte sich fast überall zutragen können. Die Erfahrungen, die Rose gemacht hat, dürften auch andere Frauen, jüngeren wie älteren Jahrgangs, vertraut sein, so oder so ähnlich – hervorgerufen durch die unselige Kombination gewalttätiger Männlichkeit, weiblicher Abhängigkeit und dem unvermeidlichen Überdruss menschlichen Zusammenlebens.

Nicolas Mathieu
Rose Royal
übersetzt aus dem Französischen von Lena Müller, André Hansen
Hanser Berlin
2020 · 96 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26785-5

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge