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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Überall Genitalien …! Von unerhörten Geschehnissen in der Marsch

Hamburg

Unerhörte Dinge geschehen in der Marsch: Nikola Anne Mehlhorns „EinmachEngel. Die vegane Fleischeslust der jungen Frau von Metzger Kolb“: Es geht um Fleischkonsum und industrielle Tierhaltung, um Liebes- und Beziehungs- und Lebenskonzepte, um Tierrecht und Tierrechtler, um das Richtige im Falschen oder das Falsche im Richtigen – um das große Ganze also, heruntergebrochen auf die Geschichte der vegetarischen Schlachtersfrau Lioba aus dem „vermeintlich-fiktiven“ Ort Seesterau in der Elbmarsch, ihres Mannes und ihres Liebhabers.

Es ist ein Parforceritt durch Fleischereifachvokabular, carnivorische Esskultur, Bibelzitate, Grimms Märchen, Hygienevorschriften und Schlachtbestimmungen, Texte der Weltgesundheitsorganisation und Germanisten- und Philosophenversatzstücken zu Moral, Ethik und Beziehungskonzepten, ___STEADY_PAYWALL___ den Nicola Anne Mehlhorn da im Moritaten-Duktus vorträgt. Die Protagonisten sprechen gern ohne Verb und viel in – vermeintlich fiktiven – Zitaten und vor allem sind da Chor und Gegenchor, die das Geschehen in einer bänkelsangartigen Kunstsprache kommentieren und zu seinem unvermeidlichen Schluss treiben: „Der Heilige Geist weht, wo er will.“

Was bleibt ist die Groteske, schräg, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Wie in einer Jahrmarktsbude des vorvergangenen Jahrhunderts werden die Protagonisten und ihre Positionen auf die Bühne geholt und genüsslich durch den Fleischwolf gedreht. „Bauchdiener locken Beute in Schlachtanstalten“, die ihren „würstlichen Hofstaat“ – eine schier unendliche Aufzählung bizarrer Schlachtwaren – anbieten: „anständige Roastbeefteile“, „saftige Leichenstücke im Netz“, das Biofleischer-Emblem bekommt sein Fett ab – „Dieses Schweinchen möchte offensichtlich getötet werden, es lacht so suizidal“ –, Ehen werden zu „Kampfehen“ und nestbauende Frauen zu „Einmachengeln“, die ihre Männer am liebsten im Weckglas fixieren würden, während Schlachtermeister Kolb, der die evolutionsbiologischen Erwartungen offensichtlich nicht erfüllen kann, seine Männlichkeit am Kolbenschussgerät beweisen muss. Es finden sich schematische Erklärungsmuster – der Vegetarismus der beiden Hauptfiguren als Reaktion auf die mütterlichen Krebstode –, totalitäre Weltverbesserer und selbstgefällige Tierschutzaktivisten. Am Ende ist alles auf der Bühne gelandet: Fleischkonsum, Liebeskonzepte, Lebenskonzepte. „Überall Genitalien, den ganzen vollen Tag …“ , klagt der Chor.

Schwierig wird es bei den expliziten Nicht-Parallelisierungen industrieller Massentierhaltung und -schlachtung mit der industriellen Ermordung der europäischen Juden. Auch in der Verneinung wird der Vergleich hergestellt, wie explizit auch daraufhingewiesen wird, dass derartige Vergleiche nicht zulässig seien. Hier stößt die Literatur an ihre Grenze. Und die Groteske allemal.

Als „Novelle“ bezeichnet der Verlag den Einmachengel und auch wenn man im ersten Moment – wie geschehen – eher an eine Moritat denken möchte, so trifft der Begriff Novelle doch in seinem doppelten Sinne zu: ein unerhörter Text, bizarr, merkwürdig, und erstaunlich und ein unerhörtes – empörendes – Thema. Bleibt zu wünschen, dass dieser Text, der mit so vielen Theaterelementen spielt, dann auch den Weg auf die Bühne findet. Ein lustvolles Gemetzel dürfte uns gewiss sein.

Nikola Anne Mehlhorn
EinmachEngel - Die vegane Fleischeslust der jungen Frau von Metzger Kolb
Kadera Verlag
2019 · 132 · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-948218-01-0

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