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Kritik

Vielleicht fliegen bis fliegen geht

Hamburg

Aus einer Schreibaufgabe, unterzogen zum Münchner Format Kooperationen, hat sich ein längerer Text ergeben, der nun bei hochroth München vorliegt: Unter dem Titel Taubentext, Vogeltext haben Anja Golob und Nikolai Vogel kooperiert. Die Nachwortnotizen der beiden verraten die Genese: 2015 fing es an und es blieb nicht dabei. Nach fünf Fortsetzungen ist es vorläufig beendet, ein Gedicht aus gemeinsamer Feder. Durch die Typographie kenntlich, serifig und nicht, zeigt sich der Text als Prozess. Verdeutlicht, was von wem ist und wie sich der Gesamtfluss über die Seiten verändert. Interessant dabei, die Wandlung Anja Golobs, vom Slowenischen ins Deutsche. Absichtlich unredigiert, bedient sich Golob zunächst zögernd, dann kräftig ausholend dieser Nicht-Muttersprache. Für sie laut Nachnotiz ein "überzeugender Freiraum", um "offen den Gebrauch der Muttersprache zu problematisieren. Weil Slowenisch eine kleine Sprache ist, nur gut zwei Millionen Menschen sprechen sie [...], war es äußerst interessant, sich mit der Last der vergangenen Geschichte der Region, aus der ich komme, zu beschweren, sowie mich selbst als Verräterin zu sehen und zu erleben."

Thematisch hat sich diese Textkooperation verbal von allein ergeben: Vogel und Golob (=Taube) geben sich dem nämlichen hin. Über den Mail-Austausch hat sich Fortschreiben und Reisen in Umbrüchen und Absätzen ergeben.

Dabei folgt Vogel auf eine stoische Weise seinem eigenen Flug, einer selber prozesshaften Assoziation von Begriffskomplexen. Man liest ihn mit sich selbst kooperieren. Es werden durchaus Niedlichkeiten abgegriffen, dann plötzlich Schwere und Wendungen provoziert, Käfig und Freiheit nicht ausgelassen, ein ganzes Zimmer surrt mit. Man denkt an seine ungeordneten Aufzählungen, mit Details oder in Camouflage.

Golob grätscht dagegen oft rein, verdichtet das Gelesene oder hebt oder vergräbt es in andere Ebenen. Die Poetologien sind offen unterschiedlich, um nicht zu sagen konträr und dennoch nicht unvereinbar, sondern im Gegenteil, die spannende Essenz des Ganzen. Weil sie sich freimachen, können ihre Verse fliegen. Zusammen bilden sie ein ziemlich amorphes Stück, kurzweilig und putzig. Der Band kaschiert nichts, sondern macht die Transparenz seiner Entstehung zum Thema.

Deutsch – wo ich mich sehr
anstrenge, ganz brutal basisch bin, nicht nesten kann, vsaj ne po
lastnih standardih, oder Slowenisch [...]

die Sprache der Vögel, das Verstanden-
Werden, das nach Worten suchen, einer
Gemeinsamkeit, Gegurr, Gesänge,

Wo ich aber ganz taub bin.
Eine taube Taube. Kein singen bitte. [...]

Ich kann mir ein Crow-nest nicht vorstellen.
Oder ein Grow-nest, das immer weiter
wächst, unversteuert, Schwarzarbeit,
und kräht kein Hahn danach, das Gelege
gut bewacht und eingezäunt, kommt niemand
ins Gehege, die eroberte Welt
ein Spielplatz für Allesfresser,
die sich nur damit beschäftigen,
Schopenhauers Wille so gut
wie möglich nachzuspielen. Kannst du
dir vorstellen, ein kleiner Ball zu sein,
der rollt und rollt, auch auf dem Flachland,
und je mehr du rollst, desto größer wirst
du, je mehr du rollst, desto mehr frisst
du auf, bis du selbst die Erde nachmachst,
sie verschluckst und dann bist du die
Wille-Erde. Schwarz, in sich
gekehrt, absolut unregbar.

Black Hole! Vorher wegfliegen!
Wo ein Wille ist, ist auch ein ...
– aber nein, lieber wegfliegen!

Taubentext, Vogeltext wirkt in seiner dialogisch-gedichteten Form durchaus dramatisch und ist performt sicherlich auch eine Reise wert. Das Format hat etwas Fröhlich-Zugängliches und kann viele Färbungen ab. Hier wurde ein sympathisches Duo auf einander losgelassen.

Nikolai Vogel · Anja Golob
Taubentext, Vogeltext
hochroth München
2018 · 28 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-12-7

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