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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

wenn blische fubbern und greine schwunzen

Hamburg

Im Verlag Mixtvision sind zeitgleich zwei Gedichtbände von Nils Mohl mit Illustrationen von Katharina Greve erschienen, könig der kinder richtet sich an Kinder ab 6, tänze der untertanen an Jugendliche ab 12. Die Zusammenarbeit der beiden ist eine bereits lang erprobte, wie aus dem Lebenslauf von Nils Mohl in den Büchern hervorgeht:

erste texte veröffentlichte er noch als gymnasiast
in der schülerzeitung, für die er auch das
horoskop schrieb. die zeichnungen dazu lieferte
schon damals seine mitschülerin katharina greve
(kein märchen).

Große Freude machen in könig der kinder vor allem all jene ___STEADY_PAYWALL___ Gedichte, in denen Worte oder Buchstaben verdreht werden und plötzlich „blische fubbern“ und „greine schwunzen“, ein müdes krokodil zum „dilkokro“ wird, oder wenn „zirpen grillen“:

wenn zirpen grillen

die zirpen grillen
was grillen sie wohl?
fleischtomaten-spieß
- gewürzt mit paprika edelsüß

Nils Mohl weist in seinen Gedichten eine Vorliebe für Endreime auf:

samstag auf der autobahn:
wir rasten in einen haifischzahn
der reifenwechsel sollte starten
da überfielen uns piraten

Gereimt werden kann aber auch mit Binnenreimen innerhalb von Verszeilen:

toast hawaii oder spiegelei?
schokoküsse oder haselnüsse?

Und auch Alliterationen eignen sich ganz wunderbar für Kindergedichte, die großen Spaß machen:

quatschreime

quelle
quote
quizshowwissen

quetschung
quietschen
quallenfischen

All diese sprachspielerischen Gedichte sind sehr gelungen und bereiten großes Vergnügen. Es gibt dann auch noch ganz feine, kleine Gedichtperlen:

das kleine zelt

wenn ich für mein kleines zelt
einen lieblingsplatz auswählen muss

errichte ich es unter freunden
irgendwo am redefluss

Zwischendurch gibt es dann aber auch etwas weniger überzeugende Gedichte, was vielleicht auf die Vorgabe zurück zu führen ist, dass sowohl könig der kinder als auch tänze der untertanen jeweils genau 40 Gedichte enthalten.

Die Frage, ob und in welcher Form Bücher für Kinder Schimpfworte verwenden sollten, ist eine sehr alte. Man kann das auch sehr humorvoll machen. Bei Astrid Lindgren beispielsweise sagt Michel in Immer dieser Michel seiner kleinen Schwester Klein-Ida eine lange Liste von Schimpfwörtern und Flüchen vor und bringt sie ihr bei, damit sie diese nie verwendet, was aber vom Vater, der zu dieser Szene hinzustößt natürlich missverstanden wird. Die Szene für sich genommen und die Tatsache, dass es um eine Liste von Schimpfwörtern geht, sind schon witzig genug. Dass wir als Lesende außer Hörweite sind und nicht alles hören, was Michel genau sagt, macht das Ganze nur noch lustiger:

„Lümmel du, bringst du deiner Schwester das Fluchen bei?“
„Das tu ich ja gar nicht“, sagte Michel. „Ich hab ihr nur gesagt, daß
sie niemals „zum Himmeldonnerwetter noch mal“ sagen darf, und
dann hab ich noch eine Menge anderer Wörter in sie hineinge-
stopft, vor denen sie sich hüten soll wie vor offenem Feuer.“

Und auch bei Christine Nöstlinger in Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse gibt es eine grandiose Schimpfszene, in der Konrad, das vormals perfekte und irrtümlich falsch zugestellte Kind aus der Konservenbüchse, um sein Leben schimpft als sie ihn holen kommen, damit er als nunmehr unperfektes Kind in der „falschen“ Familie, die er inzwischen lieb gewonnen hat, bleiben darf:

Sie rannten durch das erste, das zweite und das dritte Hinter-
zimmer. Sie waren schon bei der Wendeltreppe. Da rief der
Konrad von oben:
„Ich komme ja schon, ihr Trottel!“ Und dann rutschte der Kon-
rad bäuchlings und mit den Beinen voran über das Wendeltrep-
pengeländer. Da die Dame mit der Spitznase gerade am Ende
des Geländers stand, stieß er ihr leider beide Füße in den
Bauch.
Der Konrad sagte: „Pardon, Alte, es geschah leider mit voller
Absicht!“ Dann schaute er sich um und fragte:
„Und welches Warzenschwein hat da wie eine gesengte Sau
nach mir gebrüllt?“

Beide Stellen habe ich selbst als Kind geliebt. Ich bin also nicht generell gegen das Schimpfen in Büchern für Kinder, ganz im Gegenteil. Was mich an den von Nils Mohl in seinen Kindergedichten verwendeten Schimpfwörtern stört, ist nicht die Tatsache, dass es sich um Schimpfworte handelt, sondern dass das mit solcher Lieblosigkeit und Einfallslosigkeit geschieht. Sowohl in könig der kinder, als auch in tänze der untertanen kommt jeweils einmal „scheiße“ („hatscheißallergie“, „scheiße“) und „what the fuck“ („what the fuck yak“, „what the tick tacking fuck!“) vor. Zumindest ein etwas größerer Wortschatz wäre wünschenswert gewesen. Was mich noch daran stört ist, dass in könig der kinder, dem Band für ab 6-Jährige, nachdem ein Gedicht über eine Allergie „hatscheißallergie“ geendet hat, das darauffolgende Gedicht sehr aggressiv gegen einen „besserwisserich“ wettert, der bei „pipikacka-wörter“ ganz empört guckt. Angriff ist die beste Verteidigung, dachte sich Nils Mohl an dieser Stelle wohl. Aber während ich der „hatscheißallergie“ noch einiges abgewinnen kann, finde ich die darauffolgende Tirade gegen den „besserwisserich“ sehr irritierend, weil Nils Mohl damit allen seinen Lesern unterstellt, ein „besserwisserich“ zu sein, falls man nicht glücklich mit der „hatscheißallergie“ sein sollte. Mit dem „besserwisserich“-Gedicht nimmt er aber unsere möglichen Reaktionen auf die „hatscheißallergie“ schon vorweg, gibt uns gar keine Gelegenheit, (anders) darauf reagieren zu können, sondern geht sicherheitshalber gleich zum Angriff über und wird damit selbst zum „besserwisserich“ über den er so schimpft.

tänze der untertanen richtet sich an Jugendliche ab 12, es geht daher in den Gedichten auch um andere Thematiken wie Liebe, Liebeskummer, Fortpflanzung („ananas traf ananas / man verschwand im hohen gras / hatte dort enormen spaß“) und den Ernst des Lebens. So begegnen uns gleich mehrere gescheiterte Existenzen, während der eine sein Leben mit Alkohol vertut, hat Anton gleich gar kein leben, weil er ausschließlich arbeitet. Von den zwei vertanen Leben, wird uns das des Trinkers sogar noch als das kleinere Übel präsentiert, weil ihm zumindest noch die Chance auf ein besseres Morgen gelassen wird, während Anton am Schluss stirbt, ohne jemals etwas anderes gemacht als gearbeitet zu haben.

Und dann gibt es in diesem Band auch viel weniger Tiere in den Gedichten, Nils Mohl scheint nun genug von Tieren zu haben, was er uns schon im ersten Gedicht motto verlautbart, das da lautet: „HINTEN KACKT DIE ENTE!“. Und wenn es doch Tiere gibt, haben sie es, abgesehen von einer diebischen Elster, nicht leicht in diesem Band, denn „die dresche kriegt natürlich der hase“ und der „dichterkauz“ steht gar auf der „abschussliste“ der „auftragskillermauz“, die dann zum Glück doch nur ausgedacht war. Es geht, wir merken es schon, in dem Band für die Jugendlichen auch wesentlich brutaler und derber zu.

Die Ausrichtung der beiden Bände auf die unterschiedlichen Altersgruppen ist vorwiegend inhaltlicher Natur. Aber eigentlich gäbe es bei Gedichtbänden dieser Art noch etwas anderes außer unterschiedliche Interessen von 6- und 12-jährigen mitzubedenken, und zwar das unterschiedliche Leseverhalten dieser beiden Altersgruppen. Während das Lesen eines Gedichtbandes mit 6-Jährigen in der Regel wohl ein Vorlesen, oder ein gemeinsames Lesen mit den Eltern, Onkeln, Tanten, Großeltern, etc. ist, lesen 12-Jährige schon alleine und für sich. Das heißt für mich hat sich im Lesen dann schon die Frage gestellt, wie viel ein 12-jähriges Kind wohl auf sich alleine gestellt mit einem Gedicht wie diesem anfangen kann:

lernen von den rock-royalties

impotenz
falten
depression
(die jugend: dahin)

viagra
botox
prozac
(alles: halb so schlimm)

Gereimt wird auch in tänze der untertanen weiterhin sehr gerne, im Gedicht „langohren-bashing“ beispielsweise: vase – nase – oase – wellnesblase – phrase: – hase. In diesem Band frönt Nils Mohl auch richtiggehend seiner großen Liebe zu Schüttelreimen: „erschüttelnd!“ und „noch erschüttelnder!“, kann man da nur sagen. Auch Alliterationen sind im Band sehr präsent, während das Gedicht „kahlkopf karl“ vorwiegend, aber nicht ausschließlich, Worte mit „ka“ verwendet und der „kahlkopf karl“ am Ende in die „kalahari“ aufbricht um dort eine „karla“, „(oder eine klara)“ kennen zu lernen, verwendet das Gedicht über den arbeitsamen Anton nur Worte, die bis zum bitteren Ende immer mit „a“ anfangen: „ach anton (ade anton) amen (adieu)“.

Irgendwie wirkt die Fröhlichkeit der Gedichte in beiden Bänden aber trotz allem ein wenig aufgesetzt, da hinter der heiteren Fassade schon immer wieder ein leicht genervter, etwas aggressiv-depressiver Grundton durchschimmert. Diese unterschwellige Grundstimmung fällt vor allem im Vergleich mit einem anderen Gedichtband für Kinder auf, den ich unlängst besprochen habe, Ganz schön frech von Markus Köhle, bei dem die Grundstimmung eine komplett andere ist, nämlich sehr vergnügt und fröhlich und ganz entspannt. Ganz schön frech ist aus der direkten Arbeit mit Kindern entstanden und das merkt man dem Gedichtband auch an. Denn die Kindergedichte von Markus Köhle sind wesentlich offener und fordern die Kinder damit regelrecht auf, selbst produktiv zu werden und mitzumachen, weiterzudichten, bei seiner verrückten Sprachakrobatik und den vielen Wortverdrehungen. Die Gedichte von Nils Mohl sind im Vergleich dazu wesentlich geschlossener, abgeschlossener und damit etwas mehr auf Distanz zu uns Lesern. Vermutlich ist das darauf zurück zu führen, dass Markus Köhle in erster Linie Dichter und Sprachinstallateur ist, Nils Mohl jedoch vorwiegend Romane und Drehbücher schreibt und deswegen auch in seinen Gedichten dazu neigt, auszuformulieren und zu Ende zu erzählen, Stichwort: „(schlusspointe)“. Gedichte sind aber keine Kurzfilme, auch wenn ein Gedicht in tänze der untertanen so heißt, sondern funktionieren anders. Während in Romanen und Drehbüchern die Sprache Transportmittel für Inhalte ist, sind Gedichte Sprache. Die besten Gedichte in den beiden Bänden von Nil Mohl sind daher auch diejenigen, in denen er von der Sprache ausgeht, sich auf die Sprache selbst konzentriert ohne groß an eine Storyline zu denken, und stattdessen ganz selbstversunken mit den Worten spielt, sie auseinander nimmt und verdreht.

Illustriert wurden beide Gedichtbände von Nils Mohl von Katharina Greve. Sie ist Cartoonistin und Comic-Zeichnerin und das merkt man ihren Zeichnungen auch an. Katharina Greve illustriert den Inhalt der Gedichte in könig der kinder sehr genau, in tänze der untertanen gelegentlich auch etwas freier, aber der größte Unterschied zwischen beiden Bänden ist die Farbgebung. könig der kinder ist kunterbunt und verwendet sehr viele Farben: neben Weiß und Schwarz auch noch Blau, Grün, Rot, Rosa, Gelb, Orange und Lila, wobei sich jede einzelne der Illustrationen jeweils nur auf zwei zusätzliche Farben beschränkt. Allein durch die Farbgebung wirken ihre Illustrationen damit sehr fröhlich. In tänze der untertanen ist die Stimmung jedoch eine andere, da hier neben Weiß und Schwarz nur eine einzige Farbe verwendet wird und zwar Orange. Das wirkt ganz anders, viel ernster und ein wenig retro, wie man es von sehr alten Plakatdrucken und Ähnlichem kennt. Das Verhältnis von Bild und Text ist ganz klar, die Illustrationen richten sich nach den Gedichten und bebildern sie ihrem Inhalt gemäß. Bei Ganz schön frech von Markus Köhle hingegen ist der Titel nicht nur für die Gedichte, sondern auch für die Illustrationen von Robert Göschl Programm, welche die Gedichte nicht nur illustrieren, sondern auch kommentieren und ihnen manchmal auch sehr frech widersprechen, wodurch der Band mit dem Text-Bild-(Streit)-Gespräch noch eine weitere Ebene hinzu gewinnt.

Zum Abschluss vielleicht noch ein Witzgedicht von Nils Mohl aus tänze der untertanen:

einfach genial

ändert man
im wort
müll nur vier
buchstaben
hat man
plötzlich hirn

Das Gedicht ist doppelbödiger, als es auf den ersten Blick den Anschein hat und zeigt, dass Nils Mohl auch sehr selbstironisch sein kann. Denn ändert man im Wort müll gar nur zwei Buchstaben, hat man mohl und tauscht man im Wort hirn ebenfalls zwei Buchstaben aus, erhält man nils, was kein Zufall sein kann, sondern vielleicht wirklich „einfach genial“ ist. 

Nils Mohl
König der Kinder
Illustration: Katharina Greve
MIXTVISION
2020 · 64 · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95854-155-9
Nils Mohl
Tänze der Untertanen
Illustration: Katharina Greve
MIXTVISION
2020 · 64 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-95854-156-6

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