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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Camouflagecollagen

Hamburg

Die 1983 im mittelhessischen Gießen geborene Nilufar G. Karkhiran Khozani, die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Psychologie an verschiedenen Universitäten in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland studiert hat, arbeitet in Berlin als Psychotherapeutin und schreibt derzeit an ihrem ersten Roman. Daneben sampelt und übersetzt sie Lyrik, und Sampling ist das Stichwort für den vorliegenden Band aus dem erst 2019 gegründeten Hannoveraner re:sonar-verlag, der sich die Projektarbeit mit vorwiegend noch jüngeren Schreibenden auf die Fahnen geschrieben hat und dabei Textqualität mit den "Grenzgänge[n] zwischen Internetkultur und gedrucktem Wort" zusammenbringen will. Da passen die Texte aus "___STEADY_PAYWALL___Romance Would Be a Very Fine Bonus Indeed" perfekt ins Programm.

"Ich mag es, mich durch die Profile zu klicken", stellt Nilufar G. Karkhiran Khozani in einem Youtube-Video über ihre Arbeit klar: "Ich sammle da die Bruchstücke und die Worthülsen und die oft wenig beachteten Forderungen nach Aufmerksamkeit".

 

 

 

 

Ihre Tinder-Sonette sind in der Tat literarische Collagen aus den eingestellten Fundsachen der Nutzerschaft dieses nun seit etwa acht Jahren existenten Kennenlern-, Flirt- und Sexanbahnungsmediums der Netzgemeinde. Die wenige Worte langen Schnipsel in Englisch und Deutsch bilden den Fundus, eine Art emotionaler Readymades, aus dem die Poetin ihre Gedichte fügt. Sie sind für sie immer wieder hin- und herschiebbar, erinnern hierin an Raymond Queneaus "Cent Mille Milliards de Poèmes" (1961), aber auch an das Konzept der Kühlschrankpoesie, die es inzwischen auch schon seit ein paar Jahrzehnten gibt. Nur dass letztere die Eigenschaft hat, jeden einzelnen Nutzer selbst nach Lust und Laune basteln zu lassen. Karkhiran Khozani setzt ihrer Leserschaft hingegen ihre eigenen semantischen Kompilationen vor, formt gewissermaßen im goetheianisch-prometheischen Sinne Menschen nach ihrem Bilde. Die hierbei entstehenden papierenen Charaktere, zu leiden, weinen, genießen und zu freuen sich, sind alles andere als homogene Schöpfungen:

"Milchmädchen // Milchmädchen / Happy girls are the prettiest / Kritisch / Lebt gerne so als würde gerade ein Film gedreht // Mag auch Passivitäten / Manchmal musst du nur atmen / Gehöre zu der guten Seite der Macht / Rechtschreibung meets Wortfindungsstörung // Du bist eine Prinzessin / Oder suchst eine? / Platonisch / Die drei F's // Wer A sagt muss gar nix / Und ich sag Rock'n'Roll"

Das sagt aber nicht unbedingt etwas über die Geschlossenheit des Ausgangsmaterials aus. Die Darstellung der persönlichen Eigen- und Leidenschaften der das Medium Tinder Nutzenden sind ja nicht selten reine Camouflage, bereits selbst ein Hineinschlüpfen in Fremd-Angeeignetes, ein ständig changierendes Spiel mit den Identitäten, die im Tippen entstehen und im Weggewischtwerden vergehen.

Faszinierend an diesem poetischen Programm ist zweifellos die große Freiheit und die große künstlerische Chance der De- und Rekonstruktion von Banalitäten, sprachlichen Verirrungen, unfreiwilliger Komik, sich in der Anonymität suhlender platter Selbstdarstellung, aber auch ernsthafter Auseinandersetzung mit Wunsch und Wirklichkeit. Es mutet ständig an, als ob aus dem Quell des Materials wieder nichts anderes als ein weiterer Quell von Material entsteht, der nur scheinbar einer auktorialen Zielrichtung unterliegt. Und doch ist die Autorin die richtungsgebende Instanz, und sei es auch nur auf einer Ebene der Willkür:

"Short Random Stories // Short Random Stories / Thinkers and lovers / In all shapes and forms / Theater of the oppressed // Nur die Schönen / Die mit der Seele aus Gold / Grundsätzlich müde und hungrig / Deal with it // Zeitlich nicht orientiert / Space is not just a place for stars / Whatever flows comfortably and naturally / Überrascht mich // Dirty talks is poetry / Always inappropriate"

Diesem Random-Effekt formal streng gegenübergesetzt ist die wenn auch nur äußerlich übergestülpte Sonettstruktur. Doch obwohl die jeweils vierzehn Zeilen und der Umbruch in zwei Quartette und zwei Terzette (beziehungsweise wie bei den aufgeführten Beispielen die elisabethanische Variante mit drei Quartetten und einem zweizeiligen Couplet) das einzige sind, was die Lesenden spontan an die bis in unsere Tage vielgenutzte Form erinnert, so erhalten die miteinander melangierten Tinderbotschaften doch einen Rahmen, der bewusst gewollt wirkt. Die Form ist genauso Zitat wie der Inhalt, und wenn die Autorin in ihrem Video auf die Gemeinsamkeit von Sonett und Tinder als Medium zum Ausdruck von Einsamkeit hinweist, ist das kein Widerspruch, im Gegenteil. Diese Konstruktionen atmen ein künstlerisches Eigenleben, sie bauen Rythmen und Tonalitäten der Realität nach: Karkhiran Khozanis Homunculi sind auf ihre Weise künstlich erzeugte Identitätshybriden und damit vielleicht sogar die authentischeren Charaktere als die aus dem Netz gefischten Vorbilder, die mitunter ihr eigenes Versteckspiel nicht durchschauen. Fazit: Spiel, Satz und Sieg für Sprache und ihre (un-)bewussten Überformungen.

Nilufar G. Karkhiran Khozani
ROMANCE WOULB BE A VERY FINE BONUS INDEED / TINDER-SONETTE
re:sonar Verlag
2020 · 80 Seiten · 8,00 Euro

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