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Kritik

Requiem: Der amerikanische Traum tot, Chomsky Analyse komatös

Hamburg

„Schauen wir uns die amerikanische Gesellschaft einmal an. Stellen Sie sich vor, Sie würden sie vom Mars aus betrachten. Was sehen Sie?”

Noam Chomsky will das Ganze sehen, von außen, wobei man ihm vielleicht sagen sollte, daß, wer vom Mars aus die Erde betrachtet, das sieht.

Daß dieser Beobachter sich dann vielleicht nicht hinreichend für die Erde interessiert, um dann auch noch auf die USA fokussiert etwas betrachten zu wollen. Auf die Idee, daß man vom Mars aus die Gesellschaft der USA betrachten wollen könnte, kann nur einem US-Amerikaner einfallen.

Dann aber wird das Buch spannender, aber nicht viel: ein paar Offensichtlichkeiten, bei denen manchmal eigentlich spannender wäre, wieso sie nicht dauernd Thema sind – lösbar ist ja nicht alles, was Chomsky anspricht. Und sowieso darf man sich nie fragen, wieso Chomsky auf die Idee kommt, er schreibe über Die (!) 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht.

Probleme, die er zur Sprache bringt:

* Demokratie (eingeschränkt): Die Eliten, gegen die allerdings auch Trump zu sein behauptet, würden den demos vom kratein abhalten, also die den Staat konstituierenden Bürger von ihrem Staat, wo sie ihn mitbestimmen sollen. Mag sein, daß es so ist, aber ob „die Gefahr der Demokratie abzuwenden” die Quintessenz der USA ist..? Ist nicht schon die Idee des demos elitär, daß nämlich Menschen souverän seien und sich ihrer und gar aller Anliegen annehmen? Will man alle zum Mitentscheiden zwingen, ausgenommen die Entscheidung, nicht mitentscheiden zu wollen? „Ordered to make a free choice”,

 

 

man ahnt, ohne Slavoj Žižek immer Recht geben zu wollen, warum Chomsky und er einander so überhaupt nicht schätzen ... und hier doch nicht zugunsten Chomskys. Nicht einmal den einzelnen Bürger betreffend ist sein Darlegen demokratischer Defizite ein Wink, was man tun könne – systemtheoretisch erst recht nicht.

* Ideologie: Die Einschränkung der Demokratie sei ideologisch. Na gut, was ist nicht ideologisch? Wenn gilt: „Identität ist die Urform von Ideologie”, wie Adorno schreibt, dann ist alles ideologisch, sobald es, und sei’s als alles, nominalisiert ist. Für Chomsky zumal als Sprachwissenschafter ist der Befund dürftig.

* Wirtschaft: Sie sei so ausgelegt, daß sie derzeit „die Unsicherheit erhöht” – ein Befund schon Becks. Sicherheit aber ist als Gut natürlich zu verknappen, zuletzt, wenn sonst keiner arbeitet, angesichts dessen, daß das Prekariat noch immer den Großbildschirm hat, den es will, und den Billigurlaub: Wo es darum eben auch besser unsicherer ist ... als wäre, zynisch formuliert, Terror u.a. auch Werbung für teurere Urlaubsressorts. Insofern beschreibt Chomsky bloß die Symptomatik einer kapitalistisch-feudalistischen (Risiko-)Gesellschaft.

„Es besteht [...] kein Grund, warum die Produktion in den Vereinigten Staaten nicht dem Wohl der Menschen dienen könnte”, aber offenbar bestehen (... für irgendwen ...) Gründe, warum sie es nicht sollte. Mit Chomskys Theorie wäre es schwierig zu erklären, warum nicht die ganze Welt voller vernünftiger und wohlhabender Kommunisten ist.

* „Andere die Last tragen (zu) lassen” ist eine Technik dieser Politik: Der Staat trägt, was too big to fail sei, damit dieses = die Rendite weniger wächst, die ihrerseits eher wenig zum Staat beitragen, ... ach, wäre doch der demos da, wenn man ihn mal braucht..!

* Solidarität wäre „ziemlich gefährlich” ... das Wort ziemlich verwendet Chomsky gerne, da drängt etwas an, Gefahr, Gefahr, aber nur ziemlich, nicht etwa unziemlich...

* „Regulierungsbehörden” könnten die Schieflagen transparent machen, werden aber ihrerseits reguliert. Wieder ist das erwartbar; und wieder bleibt unklar, welche zu vermerkende Differenz – und das relativiert gegenwärtige Obszönitäten nicht – denn nun akzeptabel wäre, welche aber nicht. Das Thema alleine hätte gereicht, statt im Schnelldurchlauf zu irgendwas mal eben irgendwas zu sagen. Piketty sei dazu erwähnt.

* Wahlmanipulation war zuletzt ein Thema. Ja, man kann im Kapitalismus alles kaufen, wenn es keinen Konsens gibt, dem Kapitalismus nicht als Heilslehre das letzte Wort zu lassen, was übrigens dann sogar denkmöglich wäre, gestünde man sich ein, nicht zu wissen, was der Kapitalismus sei: die Wette auf Handlungen, die einen Mehrwert generieren? Könnte der Kapitalismus, wenn er es wäre, manchmal klüger und moralischer als manch einer seiner Kritiker sein..?

Chomsky meint es aber sowieso (man befürchtet’s) einfacher: Werbung etc., dann bloß zehn Minuten des Nachdenkens, das reiche nicht aus, so habe man eben ein System der Systemparteien (das Wort verwendet Chomsky nicht, aber das – natürlich inakzeptable – Wort drängte sich in seinem Diskurs fast auf), während man vielleicht „eine dritte, eine unabhängige Partei” wollen solle. Unabhängig ... wovon?

Die nächsten Punkte sind einer:

* Pöbel, der kontrolliert werde, soll wieder demos werden. Bonne chance!

* Zustimmung würde (nur) hergestellt ... wie schrecklich: Aber wie institutionalisierte man dauernden, tiefgreifenden Dissens?

Fazit: Die „Bevölkerung” werde „an den Rand” gedrängt, und zwar mit Absicht.

Nirgends deutet sich indes eine Theorie an, wie man all der Probleme, die sich teils aus der Naivität der Fragestellungen so und nicht anders ergeben, Herr werden könnte, nicht einmal Interventiönchen in den Diskurs gibt es. Ja, Chomsky hat schon oft Recht, aber wenn man sich einen Installateur holt, weil es von der Decke tropft, erwartet man sich vielleicht einen Vorschlag und dann Maßnahmen, daß das aufhört – und nicht, daß er sagt: „Ja, das Wasser und die Rohre, das ist immer problematisch.”

Dünner Band mit wenig Substanz, aber schönem Layout – immerhin das sei gelobt.

Noam Chomsky
Requiem für den amerikanischen Traum / Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht
Übersetzt von Gabriele Gockel, Thomas Wollermann
Verlag Antje Kunstmann
2017 · 192 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95614-201-7

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