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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Heimat, ein diffuses Gefühl

Hamburg

Längst ist der US-Trend nach Europa herübergeschwappt: Pseudo-wissenschaftliche DNA-Tests wie AncestryDNA versprechen die ultimative Identitätsklärung via genetische Ahnenforschung und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die Frage nach der eigenen Herkunft ist und bleibt zweifellos spannend. In Deutschland tun wir uns allerdings schon mit dem Thema Großelterngeneration schwer - und der Begriff Heimat ist für einige gar ein Politikum. Identitätskrisen scheinen da vorprogrammiert zu sein.

„Wie kann man begreifen, wer man ist, wenn man nicht versteht, woher man kommt?“, fragt sich auch die Illustratorin Nora Krug. Zwar lebt die gebürtige Karlsruherin schon seit rund 20 Jahren im Ausland, doch sie erinnert sich lebhaft an das mulmige Gefühl, wenn sie sich als Teenager im Ausland als Deutsche outen, oder dümmliche Hitler-Witze über sich ergehen lassen musste. Noch heute ist sie in ihrer Wahlheimat New York mit stereotypen Deutschlandbildern konfrontiert. Was nun aber, wenn man sich trotz allem nach einem Stück Heimat sehnt? Nora Krug beginnt, sich Nippes zu kaufen, für den sie sich damals keinen Deut interessiert hätte; entwickelt eine Art Heimweh. Und es bleibt ein Gefühl von Scham, an dem auch die Heirat mit einem amerikanischen Juden nichts ändert.

Heimat, Nora Krug, Penguin 2018

Was der Brockhaus ihr zum Thema Heimat zu sagen hat, ist sperrig und irgendwie blutleer. Aus der sicheren Distanz jenseits des großen Teichs fällt es Krug schon einmal leichter, sich mit der Kriegsgeschichte ihrer Heimatstadt zu beschäftigen. Letztlich führt aber kein Weg daran vorbei: Um die „verlorene Heimat wiederzugewinnen“, muss sie an die Heimatorte ihrer Eltern reisen. Ihre Recherchearbeiten führen sie nach Karlsruhe und Külsheim, wo sie Archive aufsucht und mit Familienmitgliedern spricht, darunter ihre bis dato unbekannte Tante. Wie ein Puzzle setzt sie die Ergebnisse ihrer Suche zusammen. Wenn sie versucht, den Alltag ihrer Verwandten zu rekonstruieren, wirft das allerdings oft genug nur noch mehr Fragen auf.

Heimat, Nora Krug, Penguin 2018

Gegenstand ihrer Nachforschungen sind vor allem zwei Biographien, die sie nicht loslassen. Die Identität ihres Onkels Franz-Karl, dessen früher Tod sich wie ein Schatten über das Familienleben ihres gleichnamigen Vaters legte, ist für Krug noch immer ein halbes Mysterium. Zum anderen stellt sie sich der Frage, inwieweit sich Großvater Willi, der als ehemaliger SPD-Wähler recht früh in die NSDAP eingetreten war, schuldig gemacht hat. In beiden Teilen der Familie wird kaum über die Kriegsjahre oder über die Todesfälle in der Familie geredet, geschweige denn über das, was mit den Juden geschah. Es kursieren sogar Geschichten über eine jüdische Vorfahrin und einen Juden, dem Willi in den Jahren des Nazi-Terrors unter die Arme gegriffen haben soll.

Heimat, Nora Krug, Penguin 2018

Damit sind die Karlsruher und die Külsheimer zwei deutsche Familien wie so viele andere, und damit bieten auch Krugs Erfahrungen vielen deutschen Lesern reichlich Identifikationspotenzial. Heimat ist aber auch eines dieser Bücher, deren Inhalt, Aufmachung – und ja, auch Größe und Gewicht – zum langsamen Lesen und Innehalten zwingen. Es ist kein bloßes Rechercheprotokoll, sondern ein aufwändig gestaltetes Buch, das, so kitschig es klingt, neben dem Intellekt vor allem auch die Sinne ansprechen soll.

Die visuelle Vielfalt ist geradezu erschlagend. In ihrem „Familienalbum“ bringt die Autorin handgeschriebene Texte unter; Fotografien in Hülle und Fülle, teils bearbeitet; Zeitungsausschnitte; Originaldokumente aus amtlichen Akten; Postkarten; Sammelalbum-Elemente wie gepresste Blätter und Blumen; dazu zahlreiche eigene Illustrationen und Bilder. Aber das Konzept funktioniert, erstaunlicherweise. Die handgeschriebenen Druckbuchstaben bilden einen angenehmen Kontrast zur Schwere des Inhalts, die farbigen Seiten und Illustrationen laden zum Weiterlesen ein, ohne aufdringlich zu sein.

Krugs markanter Zeichenstil dürfte u.a. Leser*innen der New York Times, des Guardian, oder der Monde Diplomatique bekannt vorkommen: allesamt Zeitungen, in denen Krug regelmäßig veröffentlicht. Comicpanels setzt sie in Heimat nur sparsam ein; meist für Rückblenden, die sich mit dem Fließtext abwechseln. Ein schöner Kniff, der Struktur in das Layout bringt, und uns wie in Echtzeit miterleben lässt, wie die Deutsch-Amerikanerin Schritt für Schritt die Leichen im Keller ihrer Verwandten zu bergen versucht. Wozu eben auch die Aufsätze ihres Onkels Franz-Karl gehören, die kaum krasser mit ihrer eigenen Schularbeit kontrastieren könnten: Hier sehen wir den Aufsatz über Juden als Giftpilze in ordentlichen Sütterlin-Lettern; dort die sauber abgetippte Analyse einer Hitler-Rede.

Nora Krugs Gefühle gegenüber ihrem fremden Onkel sind widersprüchlich, kompliziert, diffus. Die 1939 von Kinderhand gezeichneten Zeichnungen von Pilzen mit Gesichtern verstören kaum weniger als die ein Jahr zuvor sauber ins Heft gemalten Hakenkreuze. Nur wenige Jahre später sollte Franz-Karl in Italien fallen. „Da [mein Onkel] als Soldat für Hitler gekämpft hatte, verstand ich schon früh, dass ich kein Recht hatte, Trauer über seinen vorzeitigen Tod zu empfinden, “ schreibt Nora Krug. Während sie Onkel und Großvater peu à peu näherkommt, begreift sie, „dass ich mich […] unwiderruflich verstricke, dass ich verwickelt bin in einem Netz von Menschen und von Orten, von Geschichten und Geschichte.“

Heimat, Nora Krug, Penguin 2018

Man könnte einwenden, dass sie zu viel von ihrer Familiengeschichte preisgibt, zu persönlich ist. Doch letztlich hat Krug mit ihrem offenen Umgang alles richtig gemacht - mit ihrer Geschichte hat sie einen Nerv getroffen. Die Resonanz ist im Inland wie im Ausland überwältigend. 2018 hat Belonging, so der englische Titel, im englischsprachigen Raum zahlreiche Preise erhalten und Bestenlisten erobert. Auch in Deutschland ist das Interesse an Krugs Werk ungebrochen: Die Wartelisten in den Bibliotheken sind ellenlang. Zu Recht, denn Heimat ist nicht nur eine ungemein zugängliche, sondern auch eine notwendige Lektüre in Zeiten von Geschichtsüberdruss und Schlussstrich-Forderungen. Und sie regt an, darüber nachzudenken, wie man Heimat eigentlich für sich selbst definiert. Im Brockhaus nachschlagen ist allerdings nicht erlaubt.

Nora Krug
Heimat / Ein deutsches Familienalbum
Penguin
2018 · 288 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-328-60005-3

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