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Kritik

Glühende Straßenbahngleise

Hamburg

Sonne, Trockenheit, allgegenwärtige Verstärkung in Norbert Hummelts neuen Gedichten. Der Sonnengesang, bei Luchterhand herausgekommen, ist ein durchstilisierter Ritt auf einem merkwürdigen Werkzeug, das auf der einen Seite die Verkürzung, Vereinfachung, Griffigkeit des fast kindlichen Sprachschauwerts von Reimen und Ich-Versen-hier-und-da nutzt, um auf der anderen Seite erstaunlich tiefsitzende Momente festzuhalten, die beim Lesen fast Gefahr laufen, zu schnell „runterzugehen“. Dabei sind sie mitnichten eintönig, sondern im Gegenteil komplex in viele Richtungen abgetönt. Hummelt wendet das Werkzeug auf immer neue Bereiche an, in sechs solcher Bereiche ist Sonnengesang unterteilt, und es ist verblüffend, wie unterschiedlich doch dasselbe Werkzeug jeweils wirkt, bei Naturen, Zwischenmenschlichem, den Eltern oder Reisen mit und ohne Goethe. Stets bleibt sich das Hummelt-Frame ähnlich, um völlig gegensätzliche Stimmungen einzufangen.

Mal ist es direkt der Alptraum, mal das Feiern einer oberflächlich manifesten Natur, mal ist es das Sich-Wundern über Menschen an einen Ort, mal die unverblümte Lüsternheit des Lyrischen Ichs, oder die Eigenreflexion in totaler Leere, wie bei dem herausragenden stiller tag. Es sind Belichtungen, die um einen Standpunkt, ___STEADY_PAYWALL___ein Gefühl kreisen, das wie eines kurz vorm Seufzen scheint.

Neben Sonne und Trockenheit, den Beobachtungen des allgegenwärtigen Anstiegs der Wärme auf Erden: „wieder will kein regen kommen / aber einmal sind wir noch zusammen ..“, sind es kindliche Bezüge, nicht nur in den fast abzählreimartigen Teilen der Gedichte („abendgebete“ auf „fototapete“ usf., Arten von Ramones-Lyrics), sondern auch im inhaltlichen Habitus, „rannte nur noch mit der stimme innen“, die als Spuren dieses Werkzeugs spürbar sind.

.. denn was ich
sonst für welkes laub ansah, sind die propellerflügel

der früchte, überständig aus dem alten jahr. nie
kam ein winterwind u. riß sie ab, solange ich sie
angesehen hab ..

Die äußerst schlanken Titel wie ankunft, aufbruch usf. kommunizieren, wie die Gedichte selbst, hauptsächlich über ihr Weglassen, die Abstraktion durch Flucht in die Verkürzung, das abzählende, rhythmische Spiel. Aus flieder:

u. es wäre gar kein ding, hier am pfingstberg u. immer
wieder. aber ich bin hier doch niemals gewesen, so
gibt es für mich auch kein wiedersehen, fliedersehen
oder wiederlesen, dachte ich, sagte ich, sah es u. ging.

Oder aus zwischen uns, dem Abschnitt des Zwischenmenschlichen Belichtens:

                                                [...] ich biete dir
den wein an, du sagst: jetzt noch nicht. du bist
mein aufgang u. mein helles licht. in deinen augen
liegt mein letzter grund. du sitzt u. liest in lévinas.
du rauchst u. schaust u. ich darf um dich sein.

Das angesprochene Abtönen kann bei Hummelts Sonnengesang bis ins Rotzige reichen, so zum Beispiel in am kalten trauf, einer Reverenz an John Keats:

dann wurd ich wach u. fand mich hier
     am kalten trauf.

u. deshalb bin ich hier versackt
     seh blaß aus, häng alleine rum
ist auch das riedgras lang schon welk
     u. die vögel stumm.

Es ist nicht per se auszumachen, ob grundsätzlich Ironie vorherrscht oder eine schwebende Affirmation den klassischen Gedichtsprechweisen, hunderte Jahre her, überwiegt. Eine reizvolle, sture Brechung liegt jedenfalls vor, wenn man den mutigen Band in Gänze liest. Weniger das einzelne Gedicht trifft hier die Aussage, es ist der gesamte Korpus von Sonnengesang, der mysteriös schlank Schichten von Gefühlen, ohne sie zu erklären, eine leichte, brisenartige Form gibt. Vielleicht ein glänzendes Etwas unter einer bewegten Wasseroberfläche, unmöglich im Ganzen zu begreifen, und überall, wo man antastet, kommt ein gereimtes Echo zurück. Durch Hummelts beachtliche Konsequenz und Sprachhand vermutlich ein Band zum Scheiden der Geister, entweder das Werkzeug kommt an, oder wird komplett abgelehnt.

Norbert Hummelt
Sonnengesang
Luchterhand
2020 · 96 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87630-6

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