Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

„Fanderband“

Im „Schreibheft“ berichtet Wilhelm Genazino, wie er zum Schriftsteller wurde
Hamburg

Er habe mit „Die Liebe zur Einfalt“ (1990) nur ein wirklich autobiografisches Buch geschrieben, sagt der 2018 verstorbene Schriftsteller Wilhelm Genazino an einer Stelle. Was freilich nicht bedeutet, dass nicht auch in anderen Werken Autobiografisches durchschimmert, etwa das erst spät nachgeholte Studium in „Der Fleck, die Jacke, die Zimmer“ (1989) oder die Schul- und Ausbildungsjahre in der „Abschaffel“-Trilogie (1977-1979).

Liest man die Reflexionen Genazinos über sein Leben und Schreiben, die, basierend auf Gesprächen, die Anja Hirsch mit ihm für ihre Dissertation 2001 geführt hat, nun im neuen „Schreibheft“ erschienen sind, bekommt man bisweilen den Eindruck, es mit einem Roman aus dem Nachlass zu tun zu haben. Denn wie er da aus seiner Kindheit, von den Eltern, den Weggefährten, der Arbeit, den eigenen – gefühlten – ___STEADY_PAYWALL___Unzulänglichkeiten berichtet, das alles vermag man sich auch gut als eine typische Genazino-Geschichte vorzustellen; lakonisch, tragisch-witzig, die Möglichkeit des Scheiterns stets gegenwärtig. Die Jahre 1970 bis 1977 habe er selbst, so Genazino, als „subjektiv riskant erlebt, weil sie so richtungslos waren“; eine Zeit, in der der noch-Journalist seine Stimme als Schriftsteller suchte, was ihm 1977 schließlich auch gelang. Vor der Veröffentlichung von „Abschaffel“, mit dem er den Ton setzte, der sein literarisches Markenzeichen werden sollte, hatte er ein ganz anderes, zeitgenössisch-avantgardistisch angehauchtes Manuskript beim Rowohlt-Verlag eingereicht. Womöglich hätte es den uns heute bekannten Wilhelm Genazino in der deutschen Literatur nie gegeben, wäre die Antwort von Rowohlt an den noch unsicher Tastenden damals positiv ausgefallen.

Genazinos erstes Wort, anderthalbjährig, so geht die Familienlegende, lautete „Fanderband“. Heißen sollte es eigentlich Kampfverband, denn man befand sich im Jahr 1944 und gemeint waren die Flugzeuge, die – vorwiegend nachts – ihre Bombenladungen in Richtung Mannheim trugen. Der Vater war als „unabkömmlich“ vom Kriegsdienst freigestellt, weil er in einer Munitionsfabrik arbeitete. Die Mutter hatte nie einen Beruf erlernt, künstlerische Ambitionen schlugen fehl, da sie „eine leider völlig talentlose Frau“ war. Sie kümmerte sich um die Kinder und wurde depressiv, weil sie gerne arbeiten wollte, in einer Bäckerei oder einem Wollladen, der Vater es ihr aber untersagte – sollten denn die Nachbarn denken, er verdiene nicht genug, um seine Familie zu versorgen?

Dabei war genau das der Fall. Und auch der Vater wusste es, vermochte aber nicht über seinen Schatten zu springen. An einer Stelle berichtet Genazino, wie die Schwester den Vater im Keller beim Zeitunglesen vorfand; dorthin hatte er sich zurückgezogen, aus Scham, wie Genazino in der Rückschau mutmaßt, weil er erkannt habe, „daß er ein Verlierer war“. Erste Schreibversuche des 11- oder 12-Jährigen – später erzählt in „Die Liebe zur Einfalt“ – waren auch ein Rückzug, eine Flucht aus der Eindimensionalität des Familienlebens mit einer meist apathisch im Bett liegenden Mutter und einem notorisch unzufriedenen Vater.

Entsprechend ungünstig waren die Voraussetzungen für Genazinos schulische Laufbahn, die nach zweimaligem Sitzenbleiben frühzeitig endete. Was folgte, war die Ausbildung bei einem Logistikunternehmen und, wichtiger, erste Arbeiten als Lokalreporter bei der Mannheimer Regionalpresse, woraus später eine Volontäranstellung wurde. Gerne hätte Genazino auch fürs Feuilleton geschrieben, doch da ließen die promovierten Akademiker nicht mit sich reden; für Schulabbrecher galt: Lokalgeschichten ja, Kultur nein!

Die Entwicklung vom journalistischen zum literarischen Schreiben erfolgte parallel. Mit der Arbeit am ersten Roman, der unter dem Titel „Laslinstraße“ 1965 auch tatsächlich gedruckt wurde, vor allem aber mit dem Eintauchen in die Frankfurter Autoren- und Künstlerszene, die sich um die literarisch-satirische Zeitschrift „Pardon“ gruppierte, für die auch Genazino einige Jahre als Redakteur tätig war. „Das war alles so am Kommen und Brodeln, Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre“, so seine Rückschau. „Günter Wallraff verkleidete sich […] Alice Schwarzer […] fing an, ihre feministischen Texte zu schreiben […]. Das hat Spaß gemacht.“   

Und dennoch, seine Welt war es nicht. Mit der Popkultur haderte er; sie behagte ihm nicht. Was ihm behagte, wusste er aber auch noch nicht. „Ich fürchtete mich davor, drogen- und alkoholabhängig zu werden.“ Das war Anfang der 1970er Jahre, zu Beginn seiner – wie er es nennt – 7-jährigen „Latenzphase“, an deren Ende der Durchbruch als Schriftsteller stand.

Als „schlicht“ will Genanzino seine Literatur ausdrücklich nicht verstanden wissen; er spricht lieber von einer „Poetik der Schüchternheit“. Voll auf die Pauke zu hauen, das sei nicht sein Stil, weder literarisch noch im Leben. Daran änderte auch der Erfolg nichts, der 2004 mit der Verleihung des Büchner-Preises augenscheinlich wurde. Das Wissen darüber, dass sich das Blatt auch immer wieder wenden kann, schreibt Anja Hirsch in ihrer Kommentierung, war Genazinos stetiger Begleiter. Sein Staunen über den Erfolg habe seine Angst vor dem Scheitern nie gemindert – so hat er es in seiner Familie erfahren, so ist es in seine Literatur eingeflossen.

Norbert Wehr (Hg.)
Schreibheft 95
Schreibheft
2020 · 15,00 Euro

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge