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Kritik

„Tabak, Gras und Kokain, vermischt mit Motoröl“

Ocean Vuong schreibt seine amerikanisch-vietnamesische Familiengeschichte
Hamburg

Vuong bedeutet im Vietnamesischen Aufstreben. Für Ocean Vuong trifft es das gut. In den USA hat er mit seinem Romandebüt „Auf Erden sind wir kurz grandios“, glaubt man den Kritiker, so etwas wie das Buch des Jahres vorgelegt. Im Original im Juni erschienen, wurde der Band zügig ins Deutsche sowie in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt.

Bislang war Vuong als Lyriker in Erscheinung getreten. Die Gedichtsammlung „Night Sky with Exit Wounds“ (2016) wurde vielfach ausgezeichnet. Im Windschatten des Romanerfolges wird es bald auch eine deutsche Ausgabe der Gedichte geben, ebenfalls bei Hanser.

Dass man das Buch seitens des Verlages nicht „nur“ als Roman, sondern auch als literarisches Ereignis verstanden haben möchte, wird schon beim Aufklappen des rund 230-seitigen Bändchens deutlich. Der eigentlichen Geschichte stehen drei Seiten Testimonials mehr oder weniger prominenter Figuren des Literaturbetriebs voran; gefolgt von einem „Guardian“-Artikel, der keinen Zweifel daran lässt, dass man es hier mit großer Literatur zu tun hat – und das alles, noch bevor man überhaupt zur ersten Romanseite vorgedrungen ist!

Dabei wäre derlei Effekthascherei gar nicht nötig gewesen. „Auf Erden ist man kurz grandios“ ist ein fulminantes Debüt, dessen poetisch-weiche Sprache an die Bücher der Koreanerin Han Kang erinnert. Nicht zuletzt, da sich auch bei Vuong hinter der Sanftheit des Erzählflusses harte Themen verbergen, die den Leser sukzessive in eine Geschichte über Krieg und Gewalt, Drogensucht und Ausgrenzung hineinziehen. Die Kombination aus sprachlicher Sensibilität und inhaltlicher Härte, etwa in der Darstellung der expliziten Sexszenen, prägt den Charakter des Buches; und führt dazu, dass man sich beim Lesen immer wieder in Erinnerung rufen muss, es mit einer über weite Strecken todtraurigen Erzählung zu tun zu haben.

Vuong schildert seine Geschichte und die Geschichte seiner Familie, in Vietnam, vor allem aber in den USA, wohin er mit zwei Jahren zusammen mit seiner Mutter und Großmutter übergesiedelt ist. Der Roman ist als Brief abgefasst, adressiert an die Mutter, die weder lesen noch schreiben kann. Eine Randfigur ist der Großvater, ein ehemaliger US-Marine, der während des Vietnamkrieges eine Beziehung mit der Großmutter unterhielt. In Vuongs Sprache klingt das so: „An American soldier fucked a Vietnamese farmgirl. Thus my mother exists. Thus I exist. Thus no bombs = no family = no me.“ Als der Protagonist den Großvater kennenlernt, ist dieser bereits seit Jahren mit einer anderen Frau verheiratet und hat eine neue Familie. 

Vuong beschreibt das Aufwachsen in Hartford, Connecticut, an der US-Ostküste. An der Fleischtheke im Supermarkt soll er für seine Mutter ein Stück Ochsenschwanz bestellen. Und treibt den italienischstämmigen Ladenbetreiber zur Verzweiflung, da er nicht die richtigen Worte findet. Als auch der tragisch-komische Versuch der Mutter scheitert, die Kuh mitsamt Schwanz pantomimisch darzustellen, kommen statt hausgemachter vietnameischer Suppe Fertignudeln auf den Tisch. Was sich lustig anhört, hat Konsequenzen: An jenem Tag schwört sich der Erzähler, derlei Scham nicht noch einmal zu erleben – und stürzt sich ins Erlernen der englischen Sprache. Sie wird ihm gleichsam Maske und Versteck.

Die Episode ist auch deshalb bemerkenswert, da der Ich-Erzähler im Verlauf des Romans sein Innerstes mehr als einmal mittels Sprache nach außen kehrt, mitunter im wahrsten Sinne des Wortes, wie bei der Beschreibung der ersten sexuellen Erlebnisse mit Trevor, dem Sohn eines saufenden und prügelnden Tabakbauern. Als er der Mutter seine Homosexualität offenbart, erzählt sie im Gegenzug von dem Bruder, den er nie kennenlernte, da sie ihn im  vierten Monat abgetrieben hat – und bittet ihn außerdem, wegen der Nachbarn auf das Tragen von Mädchenkleidern zu verzichten.

Um böse Geister von jenen fernzuhalten, die man liebt, gibt man ihnen abwertende Spitznamen; je schäbiger der Name, desto größer der Bogen, den die Geister um ihn oder sie machen – das glaubt man in Vietnam, darum wird der Erzähler von seiner Familie Little Dog genannt.

Trevor ist 16 und zwei Jahre älter als Little Dog, als sich die beiden bei der Tabakernte kennenlernen. Die Beziehung zwischen dem Redneck und dem vietnamesischen Einwanderer ist ebenso ungewöhnlich wie intensiv. Der Roman, so scheint es, ist auch die Verarbeitung des Verlustes, den der früh Tod Trevors – er starb an einer Überdosis Heroin – für den Erzähler bedeutete, auch wenn sie sich über die Jahre aus den Augen verloren hatten.  

Der wichtigste Bezugspunkt für Little Dog ist aber seine Großmutter Lan. Den Namen hatte sie sich selbst gegeben, als sie – 17-jährig – aus der arrangierten Ehe mit einem dreimal so alten Mann ausgebrochen ist. Die Tochter nahm sie mit. In einem Bordell in Saigon lernte sie Paul kennen, besagten Marine, der viel zu schüchtern war, um ein Freier zu sein. Gemeinsam hausten sie in einer Einzimmerwohnung, als die Stadt von nordvietnamesischen Luftangriffen überrollt wurde. Wie so viele Menschen, die den Krieg am eigenen Leib miterlebt haben - egal welchen Krieg -, wird auch Lan ihn nie wieder aus ihrem Kopf und Körper herausbekommen. Am Ende des Buches begleitet Little Dog, mittlerweile ein amerikanischer Collegestudent, das Sterben seiner Großmutter; er habe Theorien, Metaphern und Gleichungen studiert, die Texte von Shakespeare, Milton und Barthes gelesen, aber all das habe ihn nicht gelehrt, „wie ich meine Toten berühren muss“.

Freiheit ist der Abstand zwischen dem Raubtier und seiner Beute, heißt es an zwei Stellen des Romans. Die Zeile geht zurück auf den im Exil lebenden chinesischen Lyriker Bei Dao, den Vuong am Ende seines Buches als Inspiration nennt. Ocean Vuong hat sich seine Freiheit schreibend erkämpft. Und er hat seiner Mutter ein Haus mit Garten gekauft. „Sie wollte immer einen Garten – und sie hat ihn durch Poesie bekommen.“

Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios
Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag
Hanser Verlage
2019 · 240 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26389-5

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