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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
Kritik

Schreib doch mal was mit Erotik

Hamburg

Ja, es geht um Sex. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn es geht vor allem um Text. Und dass das so nah beieinander liegt, ist kein Zufall, das ist nicht meine Idee, das passiert hier so.

Odile Kennels neuer Gedichtband ist schmal und konsistent. Er löst ein, was er vorgibt zu sein. Hors Texte, im Band übersetzt mit off text, verhandelt diese großen Fragen der Verquickung von (Gedicht-)Sprache und Erzeugung von etwas, in diesem Fall die Ab-, nicht die Anwesenheit von Körpern. Und natürlich das Ringen um genau diese Schwierigkeit, über die nicht hinweg zu kommen ist. Das ständig angesprochene Du ist nicht da, niemals. Und in dieser sprachlich erzeugten Abwesenheit, die gleichzeitig eine Heraufbeschwörung ist, entsteht die Fantasie, eine erotische Fantasie, eine weibliche Fantasie, eine, die sich immer ihrem textimmanenten Ursprung bewusst ist – fast manisch. Diese Manie, welche sich in der Wiederholung zeigt, der Wiederholung der Motive, der Worte, die Häufigkeit, mit der hier Körper(teile) und Gedicht benannt werden, ist atemberaubend. Und sie ist spielerisch. Allein diese Kombination von Vergeblichkeit und Leichtigkeit machen Spaß. Zum Beispiel in „kein bisschen trauriges Gedicht“, das, in Mantra-Manier (auch hier wieder die Manie) die Traurigkeiten, mit denen der Tag geschieht, auflistet – und sie eigentlich erst durch diese Markierung generiert (die Traurigkeit, den Verlust).


Mit dieser Traurigkeit im Bauch denke ich du bist hors texte also gibt es dich nicht
Mit dieser Traurigkeit im Bauch gehe ich um den Block
Mit dieser Traurigkeit im Bauch trinke ich ein Feierabendbier
Mit dieser Traurigkeit im Bauch koche ich Abendessen
Mit dieser Traurigkeit im Bauch esse ich zu Abend
Mit dieser Traurigkeit im Bauch lese ich dass über etwas sprechen bedeutet es zu verlieren
Mit dieser Traurigkeit im Bauch schreibe ich dieses Gedicht

Es gibt das Spiel, vor allem im ersten Teil des Bandes das Sprach-Spiel, das sich nicht einig werden kann und gleich mindestens drei Sprachen wählt: das Französische, Englische und Deutsche. Großartig sind diese unauflösbaren und damit unübersetzbaren Verzahnungen. Und sie sind ein Beispiel für die Leichtigkeit, mit der Odile Kennel sich ihr Material handhabbar macht.


lid between linnen find fließen sinn
silben von sinnen please hear
me hier innen spilt me into
pieces give friede mit befingern mit
lick me risque biss risk riss tickt
richtig mein trickster flippt easy please
please me bitte cling to my clit klingt
wie splittern wie bitte limite me mit
lippe in mitte mit strippen visite

Was hier an-klingt zeigt auch ein Prinzip, das sich in einigen Gedichten wiederholt und das man vielleicht eine klanggeleitete Textgenese nennen könnte. Wie hier eins zum andern springt, funktioniert durch eine Verschiebung einzelner Laute, auch in eine andere Sprache, die dann gar nicht mehr so weit weg ist.

Es geht um Körper, und es geht vor allem um einen weiblichen Körper, um ein weibliches Sexerleben. Eigentlich überall, aber besonders deutlich wird das mit „l’art de la table“ und „schreib doch mal was mit Erotik“. Das Bild der aufbrechenden, triefenden Frucht, der Melone, dem Granatapfel, den Feigen und damit auch den Schwellkörpern nimmt auch Martina Liebig in ihre schwarz-weißen Illustrationen hinein, die im Band verstreut sind.

„und kannst du auch was mit pornographie?“  – diese titelgebenden Fragen (nach einem Erotik-Gedicht, wie oben oder dieser) sind wohl auch die einzigen Zeugen des Du, auch wenn es sonst omnipräsent ist – oder es handelt sich um eine Selbstbefragung des Ichs. Wo es sonst auftaucht, handelt es sich um eine Befragung und Vergeblichkeit, das zeichnet all diese Gedichte aus: Sprechen, um der Beschwörung eines Dus Willen, das durch das Sprechen noch abwesender wird – und anwesender, das ist das Paradox.

Wann hat sich das du, das tatsächlich dich meint, ins Gedicht geschlichen?

und:

Es ist vergeblich, Pronomen aus meinen Gedichten
an dich verbannen zu wollen.

Und im Übrigen: Ja, kann sie, das mit der Pornographie, oder sagen wir, zumindest die Erotik. Und weil es ja nun mal kein wirkliches Du gibt, muss alles im Kopf, oder besser, in der Sprache geschehen:

Mit der Sprache taste ich mich
an die Kante heran, wo Körper
beginnt. Ein Wort zu viel, ich
falle. Falle in die Spalte
zwischen zwei Körpern, zwei
Wörtern, die Körper sind.
Die tasten, nach dem Erfasslichen.

Dass Text-Körper oder Schreiben seine Haptik mit dem Digitalen nicht verliert, sondern im Gegenteil, an Körperlichkeit gewinnt, auch das vermitteln die Gedichte durch eine klangliche Engführung. Doch ist auch hier wieder (auch hier die Wiederkehr, die Manie) der unüberwindbare Abstand (Ding und Wort, Körper und Körper, Sprache und Du) omnipräsent:


Es ist schwer, die Worte, die ich dir schreibe, von der Lust
zu trennen, auch wenn sie Dinge bezeichnen,
die eine Kontur aufweisen: Tintenfischbein, Wein,
Computer, Sitznachbar. Aber ist hier überhaupt
Von Dingen die Rede, reden wir nicht vom Abstand
zwischen den Dingen, für den Sprache
nicht taugt? Dieses Fließen der Wörter
zwischen uns hält mich wach, und dass mein
Gegenüber übers Smartphone wischt, fällt nicht
ins Gewicht. Das Klackern der Tasten
gaukelt mir vor, es könnte immer so weitergehen,
du und ich und der Text, der auf dem Bildschirm
Ertastbarkeit erkennen lässt, ein Relief, das realer ist
als du, als ich, als meine Lust

Ist sie Ersatz und damit vergeblich: die digitale Sprache, die Kommunikation durch den Bildschirm? Jedenfalls ist auch sie eine Übersetzungs-Tätigkeit, nicht nur eine sprachliche, denn übersetzen wird hier auch leiblich gedacht, nur dass sich eben Körper und Körper niemals berühren. Und dass Pornographie schließlich nichts ist als Fantasie und Solo-Sex, auch das überrascht dann nicht mehr. Vielleicht im Spiel, vielleicht ist da die Überwindung, wenn sie doch sonst nicht gefunden werden kann. Ist das enttäuschend? Nein, ganz und gar nicht. Denn das, das können sie, Odile Kennels Gedichte.

Odile Kennel
Hors Texte
Illustration: Martina Liebig
Verlagshaus Berlin
2019 · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-32-5

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