Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Alle Register, keine Regie

Hamburg

Zunächst mal: ein sehr freundlicher Gedichtband. Er bittet den Leser gleich mit seinem ersten Gedicht hinein in die gute Poesiestube: „Du bist immer willkommen hier.“ Man tritt sich also die Schuhe an der Fußmatte ab und folgt der Einladung. Noch im Entree, sozusagen in Hut und Mantel, liest man die folgenden Verse: „Du bist immer willkommen hier/ du weißt das, wir warten/ die Sonne steht tief und der/ Kirschbaum im Garten/ verblüht und die Felder sind leer.“// Einen Moment lang ist man irritiert: Ein leeres Feld? Das ist doch eher die Tabula Rasa der Melancholie, des Herbstes, des Abschieds. Und ist der einleitende Satz nicht ebenso Begrüßungs- wie Abschiedsformel? So nach dem Motto: „Und wenn du mal wieder vorbeischauen willst – du bist immer willkommen hier.“  Aber das vermeintlich konventionelle Bild des leeren Feldes öffnet gleichzeitig die Perspektive für etwas Neues – so wie das leere weiße Blatt keinen horror vacui bedeuten muss,  sondern Raum für ei  nen Neuanfang anbietet. Eine angenehm unprätentiöse Begrüßung in einem Gedichtband.

Ole Petras, in Kiel als Dozent für Neuere deutsche Literatur lebender Autor, legt mit diesem 128 Seiten starken Gedichtband ein in doppelter Hinsicht vielseitiges Debüt vor. Es enthält Gedichte, Lieder, Moritaten, Balladen, Gesänge und Couplets. Die Stärke von Ole Petras ist das Beherrschen unterschiedlichster Tonalitäten. Im Gedichttitel „Der Sommer war groß“ klingt Rilke an, das Moritaten-Kapitel erzählt Geschichten „von der friesischen Freiheit“ im Stile von Storm oder Droste-Hülshoff, auch Heine oder Brecht klingen in diversen Songs an.  Die Belesenheit des Dichters speist sich aus verschiedensten Quellen. So ist der schöne Gedichtbandtitel einem doppeldeutigen Zitat des Künstlers Sigmar Polke entliehen: „Höhere Wesen befahlen – schwarzmalen!“ Auch scheint Musik einer der wesentlichen Treiber für Petras Poesie zu sein. Die Lieder- und Couplettexte stehen auf soliden Versesfüßen, der Reim liefert sehr oft die klangliche Harmonie, so auch in dem liedhaf  ten Gedicht „Roggen“: „Meine Liebe geht im Sommer/ ohne Schuhe aus dem Haus/niemals wird sie wiederkommen/ das macht mir nichts aus…“ Natürlich hat man diese Tonlage schon mal vernommen, aber es ist wie das Hören eines Songs, der auf alte Stilmittel zurückgreift, man hört das gern wieder. Der klare Rhythmus und die Schönheit eines einfachen Bildes fangen uns als Leser ein.  Umso mehr, wenn das Gedicht noch eine gewisse Lässigkeit aufweist, wie das Poem mit dem charmanten Titel „Der Ingenieur meines Herzens hat bei der Statik gepatzt.“ Es beschreibt den perfekten Augenblick im sonnigen Garten und die Suche nach der passgenauen Sprache für einen solchen Moment. Dort heißt es in der letzten Strophe:

Ich suche schon lange ein sprachliches Bild für die Wellenbewegung des Korns wenn der Wind darüber geht singe über Jahreszeiten und Wetter weil die letzten Banalitäten am ehesten noch jenen Eindruck von Wirklichkeit vermitteln der entsteht, wenn die Kontingenz für einen Moment bewältigbar erscheint

Obwohl sich hier gegen Ende eine akademische Abstraktion ungeschickt einmischt (bewältigbar – gibt es ein hässlicheres Wort?) und den Schluss etwas verdirbt, gefallen mir solche prosaischen Gedichte, die scheinbar absichtslos  und unbeschwert von metaphorischen Kopfgeburten loslegen, einfach am besten.  Thematisch und stilistisch schreitet Ole Petras ein weites Feld ab – und damit beginnt das Problem. Ole Petras zieht alle formalen und inhaltlichen Register, aber das Ganze hat keine Regie, keine einheitliche Stringenz, sondern zerfällt in disparate Poeme unterschiedlichsten Charakters, die bei näherem Hinsehen deutliche Schwächen aufweisen.  In „Der Regen löscht das Feuer“ beleuchtet er die ewig gleichen Abläufe von Leben und Tod, Werden und Vergehen in sehr verschlissenen poetischen Versgewändern: „Der Regen löscht das Feuer/ der Sand erstickt die Glut/ der Wind verteilt die Asche/ mit der Zeit gerinnt das Blut…“ Da möchte jemand mit Klimmzügen zum volkslied  haften Ton Heinrich Heines gelangen, aber dafür fehlt es an Leichtigkeit und Mühelosigkeit, die gerade ein solcher Stil verlangt.  Eine ganz unglückliche poetische Verbindung geht das bekannte Begriffspaar Liebe & Krieg in dem Gedicht „Vögeln vor Verdun“ ein. Dort imaginiert das lyrische Ich sich in einen völkerverbindenden Liebesakt im Schützengraben mit einer französischen Brigitte:  

Das Leben beginnt hier im Graben
O, wir vögeln vor Verdun
Wir lieben uns dreihundert Tage, Baby
dann sind wir hin

Ich taste dein weiches Gewebe
mit meinem blanken Bajonett
du liegst, ich lieg daneben
in diesem feuchten Bett

Als lyrischer Friedensakt gestartet, als peinlicher Rohrkrepierer gelandet und ein Beweis dafür, dass auch im Krieg und in der Liebe eben nicht alle Mittel erlaubt sein sollten.

Problematisch plump sind auch die tagesaktuellen kabarettartigen Gedichte wie „Großer Gesang des Christdemokraten“, wo ein fiktiver Parteivertreter die aktuellen Polit-Themen mit monotonen Reimen abkaspert, die alle auf der Reimsilbe „ieren“ basieren.

Das kurz darauf folgende Couplet mit dem signifikanten Titel „Kruppstahlpolka“ endet mit einem agitprophaften Mantra, das als „heiterer Nachgesang“ die zwei Verse „Dem Kapital, dem Kapital, dem ist alles scheißegal/ der Kapitän, der Kapitän, der will nur Busen sehn“ sage und schreibe 26 Mal wiederholt. Da rattert ein gewisser Stumpfsinn als Soundtrack immer mit.  Trotz all dieser Einwände ist die Lektüre dieses Bandes lohnend, weil sie das Gelingen direkt neben das Scheitern stellt und so bei jedem Umblättern einer Seite für Überraschungen sorgt. Und das ist mehr, als man bei vielen anderen zeitgenössischen Lyrik-Veröffentlichungen bekommt.

Ole Petras
Höhere Wesen befahlen
Edition Hammer + Veilchen
2017 · 12,00 Euro

Fixpoetry 2018
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