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Kritik

Die Götter sind am Zurückkommen

Oleg Jurjew sieht genau hin und unterdrückt sein Lachen nicht
Hamburg

„Egal wohin du schaust, Fenster in die Hölle sind überall.“

Mit dieser ernüchternden Erkenntnis im Gepäck kommt man einigermaßen unbeschadet durch die sechs Gesänge samt Epilog von Oleg Jurjews Poem „Von Arten und Weisen“, einer höchst subtilen, auf Deutsch geschriebenen Abschiedssuite des jüngst verstorbenen Autors, der uns auf Reisen von Berlin nach Frankfurt an der Oder, nach Wien und Jerusalem, Bielefeld und Edenkoben, Nischni Nowgorod und auf die Krim, an den Genfer See und zu anderen, namenlos gebliebenen Orten mitnimmt, um uns an den überall lauernden Alltagszenen teilhaben zu lassen, als wären die Danteschen Höllenkreise einige Augenblicke lang für Besucher geöffnet.

Zumeist stehen Menschen mit ihren Eigenarten und Marotten im Mittelpunkt. Sie sind unterwegs, im Zug, im Flugzeug, in der U-Bahn, im Museum und im Konzert, globalisiert und trotzdem ihren traditionellen Vorstellungen verhaftet, irgendwo zwischen Weltbürgertum und Kleinbürgerlichkeit steckengeblieben, in ihrer Tragik zugleich hochkomisch, Bewohner eines Absurdistan, das nationale Grenzen geflissentlich ignoriert. Trotzdem spielt Jurjew mit solchen nationalen Stereotypen, allerdings natürlich nur, um sie sofort wieder ad absurdum zu führen.

„Ein Jude ist leicht zu erkennen: Sein Hemd ragt hinten aus der Hose heraus. Wenn er aber eine Jacke trägt oder das Hemd nicht in die Hose steckt, ist es unmöglich, ihn zu erkennen.“

Nichts gerät hier allein durch die bloß Beschreibung zur Farce, es sei denn, in der Sache selbst verbirgt sich eine ― was nicht selten der Fall ist. Es ist die raffinierte Kunst dieser ― ja, was sind sie eigentlich: Prosagedichte? Miniaturen? Skizzen? ― eine nüchterne, schnörkellose Beschreibung zu liefern, die alles andere als objektiv ist und nüchtern erst recht nicht. Es sind ziemlich erbärmliche Gestalten, die sich da herumtreiben, eine klemmt sich in der Zugtoilette ein, eine kotzt zwischen die eigenen Knie, Greise stehen in karierten Pyjamahosen vor Garagen herum und ein Bettler reißt sich die Haut von den Handflächen, um damit Habichte zu füttern. Ja, es ist erbärmlich und zugleich herrlich, weil Jurjew es stellvertretend für uns in den Blick genommen und gewürdigt hat.

Viel heiterer, aber nicht weniger bissig oder lakonisch ist Jurjew, wenn er sich der Tierwelt zuwendet, meist den Tauben auf den Dachfirsten, den Spatzen auf dem Gehsteig, dem Kater im Weinberg. Die Tierwelt ist beileibe kein idealer Platz für Idyllen, aber sie erlaubt immerhin kürzere Verschnaufpausen, ehe die gegenseitigen Jagden und Kriege von neuem beginnen. Kein Wunder, daß sich das Folgende zuträgt: Ein Marder will im Zoogeschäft Asyl beantragen und sieht einen Hamster im Drahtrad, der nie Mittagpause hat. Unterdessen brüllt auf der Straße ein Lastwagen seinen Wunsch hinaus, einen Igel plattzufahren. Das sollen Zeichen für den Frühling sein? ― es bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

„Es ist schön, hoch und nah zu wohnen.“

Bei diesem Satz kommt dann ein gewisses Hölderlin-Feeling auf, man ist getröstet, wenn auch nicht gerettet. Am Ende, stellt man erleichtert fest, handelt es sich doch um ein kleines versöhnliches, menschenfreundliches Buch, also um gar kein so kleines, sondern ein ziemlich großes, wunderbares, bedeutendes Buch, das thematisch nahtlos an die beiden Vorgänger „Von Orten. Ein Poem 2006-2009“ (2010) und „Von Zeiten. Ein Poem 2010-2015“ (2015) anschließt: Finsternis mit Ausblick auf schmale blaue Tümpel des Lichts, an denen man genüßlich schlürfen kann im dauernden Werden und Vergehen:

„In die Wolken sind kleine dreieckige Löcher hineingepickt worden ― durch die Vögel (von unten?) oder durch die Engel (von oben?) ―, durch welche das Blau hindurchdringt. Sie wachsen gemächlich mit wildem Wolkenfleisch zu.“

Oleg Jurjew
Von arten und weisen / ein poem
mit einem nachwort von robert stripling
gutleut verlag
2018 · 64 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-936826-89-0

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