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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
Kritik

Kein Dröseln ohne Bröseln

Hamburg

Longlist Österreichischer Buchpreis 2017

„Dabei ist doch alles so einfach: Eine Frau liebt‘ einen Mann, er liebte nicht zurück, so ist das eben.“

Mit diesem Satz ließe sich Olga Flors sechster Roman „Klartraum“ bündig zusammenfassen. Doch sollte man ihn darum gleich wieder zuklappen? Allein die Tatsache, dass die namenlose Protagonistin ihn so nonchalant ausspricht, lässt zweifeln an der vermeintlichen Durchschaubarkeit der Verhältnisse.

Im gekonnten Wechsel zwischen Vogelperspektive und Nahansicht, „ich“ und „sie“, „die Protagonistin“ und „P“, präsentiert uns Flor eine Reihe tragikomischer Szenen der eben beendeten Affäre zwischen P und A. Die immerhin ein Vierteljahrhundert umspannte, und darum zugleich die ein oder andere Zeitgeistdiagnose als Randnotiz enthält. „Verlust 1 bis 13“, „Lust 1 bis 13“, „Glück 1 bis 15“ betitelt die österreichische Autorin ihre Kurzkapitel – das „Glück überwiegt“, wie sie dann auch in einem der letzten Kapiteltitel feststellt. Knapp zwar – doch sind diese Glücksmomente überhaupt der Grund, warum das Verhältnis Jahrzehnte überdauerte?

Kennengelernt haben sie sich im surrealen Mikrokosmos eines Ski-Resorts, bezeichnenderweise bei einem Poker-Spiel. Schließlich gilt für A: „Bluffen ist Teil des Geschäftsprinzips“. Der Jugoslawienkrieg nimmt seinen Anfang; im Radio spielt The Cure. Die abenteuerlustige Zeit der „Zwischenkriegskinder“, per Interrail aus den allzu geordneten Verhältnissen auszubrechen, neigt sich ihrem Ende zu. 25 Jahre später rücken Finanz-, Klima- und Flüchtlingskrise den Wunsch nach Stabilität erneut ins Zentrum. Und eine gewisse Kontinuität weist die Beziehung zwischen P und A durchaus auf. Die durchnummerierte „Lust“ findet an diversen Orten statt, überwiegend in Hotelzimmern, „das ist der Rahmen, den sie sich setzen, um aus den Zeitfenstern zu sehen, den Time Slots, in die sie die Sache nun mal stecken müssen.“ Denn A ist verheiratet, hat zwei Kinder, denen jedes Leid erspart werden soll. Und auch P lebt an der Seit eines nur flüchtig erwähnten Mannes, mit dem sie vor allem ein „lauwarmes Desinteresse aneinander“ teilt. Die Dauer-Affäre hingegen ist voller Leidenschaft, vielleicht gerade, weil sie dem spätestens seit Eva Illouz bekannten (oder vielmehr: soziologisch beschreibbar gewordenen) Muster folgt: P obliegt es zu warten, sich zurückzuhalten; A seinerseits macht sich rar. Auf den ersten Blick scheint dieses Ungleichgewicht Illouz‘ Betrachtungen über den Markt der Liebe, auf dem Männer ihr Sexualkapital einfach besser zu managen wissen, beinahe exemplarisch zu illustrieren. Aber ist P wirklich die Schwache, Passive in dieser Konstellation? Zumindest ist sie sich der Verstricktheit ihrer Gefühle in die Logik des freien Marktes auf verstörend luzide Weise bewusst.

Nicht von ungefähr trägt sich der „Verlust“ (dargereicht als wohlsortierte Flashbacks) in einem Berliner Restaurant zu, wo parallel zur sanften Trennung, die A an P vollzieht, Geschäftliches besprochen wird. „Am Nebentisch sagt ein wackerer High-Potential gerade zum anderen: Als Add-on gibt es eine Option auf Benefit.“ Was wie der Anfang eines Wall-Street-Witzes klingt, entpuppt sich nach und nach als roter Faden, der sich nicht nur durch die Verhandlungen am Nebentisch, sondern auch durch das gesamte Auf und Ab ihrer Beziehung zieht. A, der von Leben und Arbeit gezeichnete „Bestperformer“, steckt in der Midlife-Crisis. Warum er die Beziehung zu P ausgerechnet jetzt beenden will? „Er sehe seine emotionale Performance als nicht mehr vertrauenswürdig an.“ P reagiert – zunächst, oder zumindest phasenweise – pragmatisch: „Das Beenden dieser Liebe aufgrund mangelnden Erfolgs muss schon aus Selbstschutzgründen eingefordert werden.“

Die (mehr oder weniger) einvernehmliche Beendigung des Liebesvertrags gibt den Ton eines warenförmigen Austauschs vor, dessen Vokabular sich auch aus Ps Erinnerungsfragmenten herausfiltern lässt. Da ist von „Handlungsstrategien“, „Kommunikationsresistenz“, „Ressourcen“ und „Assets“ die Rede. A ist es, der „das Reaktionstempo bestimmt“, während P sich immer wieder dabei ertappt, „wie sie panisch durchrechnet, an welchem Posten des Gefühlshaushalts sich weitere Abstriche machen ließen, einnahmenseitig, um die Bilanz zu retten“.

„Panisch“, nun gut – doch ist sie ihrer Leidenschaft keineswegs so blind erlegen, wie es zunächst den Anschein hatte. Im Gegenteil ist sie sich durchaus bewusst, dass die Makellosigkeit dieser Liebe auf ihrem Wesen als ferne Möglichkeitsform beruht, dass es vor allem die zwangsläufige Abstinenz ist, die bei jeder Wiederbegegnung für Euphorie sorgt. Wenn A ihr wirklich nähe käme, ihr alles zu Füßen legte, würde sie das überhaupt verkraften? Vermutlich nicht, denn „die Psychogesundheit fordert das haarscharfe Abgrenzen“. Zu viel verändern soll sich bitteschön nicht an ihrer beider Lebensentwürfe. Wo gehobelt wird, fallen nun mal Späne. Also besser nicht allzu sehr hobeln.

Allerdings ändert das Wissen um den illusionären Charakter einer alles erfüllenden Liebe rein gar nichts an Ps Verschmelzungssehnsucht. Wozu dann ihre glasklare Analysefähigkeit? Hilft die ihr irgendwie bei ihrem Großprojekt „Entlieben“? Der Versuch, ihre Gefühle einer ökonomischen Logik unterzuordnen, ist zum Scheitern verurteilt – nicht zuletzt, weil sich das vernünftige Ich eben diese Transzendenz, das Ausbrechen aus der Rationalität, zugleich wünscht. Mal mit Empathie, mal mit leisem Zynismus schreibt Flor um dieses Paradoxon herum, lässt Hirn und Herz bisweilen in einem Satz gegeneinander antreten. Und behält dabei stets, um wieder auf Eva Illouz zu kommen, die Geschlechterhierarchien im Angebot-und-Nachfrage-Reigen im Blick. Oder wie es P selbstironisch auf den Punkt bringt: „Mit dem Abgewiesenen fühlt das Publikum mit, die Abgewiesene erntet Spott.“

Schade, dass Flor diesem privaten Drama, das in sich bereits so viel Sozial- und Kapitalismuskritik birgt, letztendlich nicht vertraut. Kein Buch dieser Tage ohne Flüchtlingsthematik, mag sie sich gedacht haben. Ganz so, als ergriffe sie, genau wie ihre Protagonistin, hin und wieder der Ekel vor der eigenen Scheuklappenmentalität, der Banalität ihrer Luxusprobleme. Also werden flugs ein paar welthaltige Schlagworte eingeflochten: Transitlager, Grenzverschiebungen, Überwachung, Waffenexport, Arbeitskräfteimport. Die Überschneidungen der Flucht- und Abschottungsthematik mit dem Tango, den P und A seit 25 Jahren miteinander tanzen, sind allzu offensichtlich und wirken vielleicht gerade darum forciert. Warum der Roman dann auch noch ein Extra-Kapitel über den Eskapismusanspruch in der Buchbranche braucht, ist vollends unverständlich. Auch die eingeschobenen Kapitel „Möglichkeit 1 bis 5“ über eine Paketzustellerin, die sich in ihrer Freizeit auf Mittelaltermärkten und Cosplay-Events herumtreibt, wirken aufgepfropft. Soll hier dem „einfachen Volk“ aufs Maul geschaut, oder eine Hymne auf die analoge Vernetzung angestimmt werden?

Verglichen mit Flors fulminantem Blogroman „Ich in Gelb“ kommt „Klartraum“ letztendlich recht konventionell daher. Ihr Kommentar zur Geschlechterungerechtigkeit auf dem Liebesmarkt ist klug und lesenswert – doch bewegt er sich gänzlich im Rahmen dessen, wie nach Warum Liebe weht tut eine heterosexuelle Romanze beinahe zwangsläufig erzählt werden muss.

Olga Flor
Klartraum
Jung und Jung
2017 · 282 Seiten · 23,00 Euro
ISBN:
978-3-99027-096-7

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