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Poedu - Virtuelle Poesiewerkstatt für Kinder und Jugendliche
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Kritik

Wunderlich hinter dem Erdentor

Hamburg

Grafik auf dem Schuber: Ilja Tabenkin, Porträt von Olga Sedakowa. 1981

18 Gedichte im gewohnt elegant schlichten, schwarzen Design des Verlages mit der kreisrunden Öffnung im Deckblatt auf das rote kleine h des Markenzeichens. Der Rezensent hat einige Erfahrungen mit China und chinesischer Kultur aber viel zu wenige mit unserem großen Nachbarn Russland und russischer Kultur. Da er die schöne Sprache der Autorin nicht kennt, kann er keine Aussagen über Qualitäten der Übersetzung machen. Ihm bleibt nur übrig, die Aufgabe Kundigeren zu überlassen und sich auf die deutschsprachigee Hälfte des Bändchens zu beschränken.

Das Motto, Spruch 4 des Dào dé jīng (Taoteking) wirkt nach dem Gang über zwei Brücken, von Yang Xingshun sehr frei ins Russische und von Hendrik Jackson ins Deutsche gebracht, sehr verändert, und man versteht die Ratlosigkeit des deutschen Übersetzers, die in seiner Anmerkung ganz zum Schluss anklingt. Es ist in Spruch 4 die Rede davon, wie die unbestimmbare Größe Dào auf alle Onta, also alles Existierende, das in seiner Gesamtheit aus Dào hervorgeht, wirkt:

Es (Dào) bricht ihre (der Seinsdinge) Spitzen ab,
es löst ihre Verwicklungen.
Es bringt ihr Leuchten in Übereinstimmung,
es mischt ihren Staub; (…)
(Rainald Simon: Daodejing, Reclam 2009, S. 21)
 

Dào als Agens bestimmt also die extremen Formen des Seins (Spitzen) und ebenso das, was von allem Seienden übrigbleiben mag (Staub), es ist in allen (beschränkten) Zuständen des prozesshaften Seins gegenwärtig.

Daraus wurde nun:

Dämpft man seinen Scharfsinn, befreit man es vom Chaotischen, mäßigt man seinen Glanz, vergleicht man es mit einem Staubkorn, dann wird es klar existent erscheinen.
 

Nicht nur der Übersetzer fragt sich, worauf sich das Personalpronomen „es“ beziehen mag. Die Ferne (oder Nähe) dieser Fassung zum Original ist in dem Zusammenhang der Gedichte auch nicht weiter wichtig, der Satz, so wie er nun einmal geworden ist, beschreibt wohl die Art der lyrischen Wahrnehmung Olga Sedakowas.

Sie ist, was Chinesisches angeht, die des alten, rasend schnell vergehenden Chinas. Es gibt wohl noch Dschunken, die langsam treiben, aber die Häfen Chinas füllen heute riesige Containerschiffe, die auch auf dem Yangtse weit ins Binnenland fahren können. „Heimat!juchzte das Herz beim Anblick einer Weide (…)“ heißt es im ersten Gedicht und der hier begrüßende Baum stand bei den Dichtern der Táng-Zeit (618-907) gegenteilig für Abschied und Abschiedsschmerz, indem man dem Fortziehenden einen Zweig des Baumes mitgab. In Gedicht Nr. 15 (S. 31) erwähnt die Dichterin die Legende, dass Li Bai (alias Li Bo) ins Flusswasser stürzte, als er sich übermäßig berauscht zu weit dem Mond entgegen über den Rand des Bootes neigte und ertrank. In einer Erwähnung des I Ging (Yijing), des „Buches der Wandlungen“ ist wieder das uralte China angesprochen, das spätstalinistische oder gegenwärtig hochkapitalistische mit seinen übergroßen Widersprüchen wird ausgespart.

Die laut Sekundärtexten gläubige Christin Olga Sedakowa verbindet mit der chinesischen Weide ihre nicht ohne Weiteres zugängliche, rätselhafte Privatmythologie:

(…) diese Weiden in China
die ihr Oval mit Aplomb fortschwemmen
denn jenseits des Grabs wartet
allein unsere Großzügigkeit auf uns.
 

Besser vielleicht, wir wären vor dem Grab schon großzügig und verteilten Zuckererbsen an alle. In meiner Erinnerung an den Katechismus wartet jenseits des Grabes das ewige Leben, so unbestimmt, langwierig und langweilig, da gefällt mir die überraschende Deutung Olga Sedakowas doch besser.

Bisweilen scheinen mir Kernbegriffe die sehr abgeschlossene (private) Glaubenswelt der Autorin zu evozieren:

Ach, nicht aus irdischem Unglück ist es so wunderlich hinter dem Erdentor.
Nein, weil man das eigene Laster meidet, es meidet
Weil es Zeit ist, Vergebung
zu erbitten für alles.
Weil man nicht durchkommt im Leben
ohne dies Leuchten des Brots.
Zeit zu gehen, an den Ort
wo alles Mitleiden wird.
 

Die Begriffe irdisches Unglück, Laster, Vergebung, Leuchten des Brots und Mitleiden erzeugen einen religiösen Kontext, der von individueller religiöser Erfahrung spricht. Das irdische Unglück ist trivial, denn es gibt etwas wie die peccatum hereditarium, die Erbsünde, gefasst in dem altmodischen Begriff des Lasters. Der schon immer Schuldige kann nur um Vergebung bitten, und zwar für alles, also ist das Menschsein grundsätzlich schuldhaft. Aber da ist das mystische Brot, die Hostie der heiligen Eucharistie, die mystische Gegenwart Gottes, die allein Leben ermöglicht. Und das Ziel der Existenz ist dann die absolute Empathie, das Mitleiden.

Derartige Aussagen wirken in unserer vorgeblich vollkommen diesseitigen, von kühler Rationalität durchtränkten Welt vielleicht provokant, aber sie entstammen einem Kulturzusammenhang, der die Unverletzlichkeit und Einmaligkeit jeden Individuums verneinte und immer noch nicht voll und ganz anerkennt, indem er seine Zivilgesellschaft bedrängt. Andererseits ist unsere westliche, so aufgeklärte Gesellschaft bereit, Menschen, die nichts anderes suchen als ein besseres Leben, im Mittelmeer zu Hunderten ertrinken zu lassen oder an ihren Außengrenzen mit Feuer und Schwert abzuwehren. Da ist die Rede von dem umfassenden Mitleiden sicher nicht fehl am Platz. Aber man sollte nun nicht denken, nur Erdenschwere beschäftige Olga Sedakowa:

Nicht nur von Unglück und Mitleiden –
            wird mein Herz gezäumt
auch davon, dass dies Wasser heiter
            lächelte, wie geträumt.
Loben wir dies unschätzbare, dunkle Schweben
            der Zweige im lebendigen Glas
und aller schlaflosen Seelen
            über Samen und Gras.
Und dies: dass Belohnung wartet
            dass das Böse nicht siegt
dass, wie es den Gärtner des Gartens -
            ein Lob der Erde gibt.
 

Wie alle gute Lyrik muss man die Texte wiederholt lesen und wirken lassen, dann spürt man „zärtliche Tiefe, tiefe Zärtlichkeit“, am besten, man findet jemandem, der die Originale laut vorlesen kann, was mir zu meinem großen Bedauern abgeht.

Olga Sedakova
Chinesische Reise
Aus dem Russischen von Hendrik Jackson
hochroth Berlin
2020 · 38 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-40-0

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