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Kritik

Subtile Firniskratzerin

Hamburg

Es wird immer offenbarer, dass die kürzeren Prosaformen Erzählung, Novelle und Kurzgeschichte momentan wieder mehr an literarischem Gewicht gewinnen. Unangefochten residiert über allem natürlich nach wie vor der Roman (oder das, was das geneigte Publikum dafür halten soll). Dass aber auch ein punktuell tiefes Eintauchen in die Magie fokussierterer, manchmal nur wenige Seiten langer Texte möglich ist, beweisen erneut in letzter Zeit immer mehr vor allem weibliche Autorinnen wie etwa Lydia Steinbacher, Helga Glantschnig oder Christine Wunnicke, um nur einige zu nennen. Und wie schön: Verlage und Publikum scheinen diese Entwicklung mitzutragen.

Opowiadania bizarne - bizarre Geschichten, so lautet der polnische Haupt- bzw. der deutsche Untertitel der jüngsten Sammlung von Erzählungen aus der Hand der Nobelpreisträgerin von 2018, Olga Tokarczuk. Sie, die vor Jahren einmal in einer Begegnung mit Iris Radisch ihre Metaphysik definiert hat als einen Glauben, der ein Blick sei auf die zerfließenden Dinge, legt mit diesem Band eine Quintessenz dieser Überzeugung in Denken und Schreiben ab.

Zehn Geschichten, die ihre Lesenden auf eine spielerische Art und Weise zwingen, nicht nur über sich selbst nachzudenken, sondern sich vielmehr in sich selbst hineinzufühlen - auf dem empathischen Weg der Einfühlung in ihre jeweiligen Figuren. Das dies ganz leicht gelingt, liegt sicherlich auch an der klaren und behutsamen Übersetzung von Lothar Quinkenstein.          

Eigenerfahrung als Fremderfahrung mag als Schlüssel aller sinnvollen Literaturrezeption angesehen werden können, doch aus der Hand von Tokarczuk gewinnt diese scheinbare Binsenweisheit eine ganz unverbrauchte Evidenz. Ihre handlungstragenden Charaktere sind ganz überwiegend Menschen, die eigentlich fest in ihrem jeweiligen Jetzt und Hier verankert scheinen, durch den Einbruch eines Elementes des Unwägbaren jedoch, ganz nach individueller Zeichnung durch die Autorin, kurzfristig oder auch nachhaltig aus der Bahn geworfen werden. Ihre Erfahrungen vermitteln sich den Lesenden plastisch und nachvollziehbar: ob ein Professor auf Kongressreise zufällig zum Zeugen eines Unfalls wird, der ihm als tätlicher Angriff ausgelegt wird und mit einem plötzlich vollkommen unsicher werdenden sozialen Umfeld in Konflikt bringt; ob ein  Arzt und Naturforscher des 17. Jahrhunderts die Herkunft zweier merkwürdiger Kinder, die halb Mensch, halb Pflanze zu sein scheinen erforscht und am Ende die Utopie eines Lebens fernab von Krieg und Elend real existierender Gesellschaften in seiner sozio-emotionalen Verfasstheit dennoch nicht für sich annehmen kann; oder ob einem Witwer aus Trauer über sein Alleinsein alltägliche Dinge mit einem Mal gänzlich verändert und verwirrend vorkommen - stets finden sich ganz unmittelbare Zugänge zu den geschilderten Menschen und ihren inneren Antrieben.

Die Geschichten Tokarczuks leisten insofern etwas Besonderes, als dass sie auf ihre Weise eine hoffnungslos scheinende Welt erschaffen, in der es dennoch immer auch ein Moment des Tröstlichen gibt. So etwa in der Erzählung "Der Berg aller Heiligen", in welcher eine unheilbar kranke Wissenschaftlerin in klösterlicher Abgeschiedenheit eine psychosoziale Studie über Adoptivkinder anfertigen soll, in welcher deren voraussichtliche Lebenswege aufgezeigt werden; die Wissenschaftlerin sagt über ihre Methoden:

"Wir wissen doch, dass der Mensch als wahres Füllhorn an Potenzial geboren wird, und die Jahre des Heranwachsens stellen keineswegs eine Zeit des bereichernden Lernens dar, vielmehr sind sie eine Prozess der fortlaufenden Eliminierung von Möglichkeiten. [...] Mein Test unterscheidet sich von den anderen nicht dadurch, dass sich mit ihm untersuchen lässt, was wir im Zuge unserer Entwicklung gewinnen, sondern was wir verlieren."

Ein besonders aufgewecktes junges Mädchen ist es am Ende, die der agnostischen Wissenschaftlerin, die auf ihre persönliche Weise ebenfalls immer mehr verloren hat, als eine Art Wiedergeburt einer Heiligen erscheint und einen unmittelbaren Trost spendet, der jenseits aller Religiosität liegt:

"Dann legte sie die Hände auf mein Herz. Auf die Stelle, wo ich sie am nötigsten brauchte."

Die Motivik des Religiösen spielt auch in der letzten Erzählung "Der Kalender der menschlichen Feste" eine Rolle, doch hier erscheint die seit 312 Jahren künstlich am Leben gehaltene Gestalt des Monodikos, der die Leiden der Welt auf sich nimmt wie ein Christus, eher als Allegorie auf das zusammenbrechende System des Spätkapitalismus. Ökologische Katastrophen und das Festhalten an überlebten Strukturen haben einen gesellschaftlichen Rollback herbeigeführt, die Ahnungen heraufbeschwören, wie der dieser Tage so viel gepriesene Green Deal der Europäischen Union einmal enden könnte, wenn es dumm läuft. Zwei starke Frauen bringen die Dinge schließlich auf ihre Weise unabwendbar ins Rollen - mit offenem Ausgang.

Der ruhige, unaufgeregte Erzählstil von Olga Tokarczuk trägt viel dazu bei, den erstaunlichen Wendungen und Entwicklungen ihrer Geschichten immer wieder mit einer anregenden geistigen Spannung folgen zu können. Sie verzichtet auf grelle Effekte, auf sprachliche Gimmicks und leimige Anbiederungen an den Zeitgeist, sie sublimieren einen oder mehrere Grundgedanken zu einem Plot, der jeweils in Eigenarbeit zu Ende gedacht werden muss. Die Momente des Phantastischen in ihnen geraten ihr niemals klischeehaft: die Abgründe sind wohlbereitet für ihre Lesegemeinde.

Einmal mehr beweist sich Tokarczuk als subtile Firniskratzerin am Zivilisierten, die mit dem scheinbar Verlässlichen, welches wir als Individuen als gegeben annehmen und welches unseren Gesellschaften als Orientierungshorizont für ihr internes und externes Funktionieren dient, ein rigoroses Verwirrspiel betreibt. Oder wie Thomas de Maizière es vielleicht ausgedrückt hätte: Teile der Bevölkerung könnten sich dadurch erheblich verunsichert fühlen. Sie sollten es auch, denn auch in dem, was wir als Realität wahrnehmen, sind Dinge durcheinandergekommen, deren Neuordnung erst ganz am Anfang steht und zu deren positiver Ausrichtung Lektüreerfahrungen wie die einer Olga Tokarczuk den jeweils ganz persönlichen Reflexionshintergrund beisteuern können.

 

Olga Tokarczuk
Die grünen Kinder / Bizarre Geschichten
Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein
| Kampa Verlag
2020 · 240 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978 3 311 10029 4

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