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Kritik

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Hamburg

Das Herz als Snackautomat – ein ungewöhnliches Bild, das sich durch Olivia Wenzels Debütroman „1000 serpentinen angst“ zieht und den ersten Teil des Buches rhythmisch strukturiert. Die namenlose Ich-Erzählerin steht „an irgendeinem Bahnsteig, in irgendeiner Stadt“ und hat 15 Minuten Wartezeit, bis ihr Zug einfährt. Im Augenwinkel eben jener Automat, den sie gleich im ersten Satz mit ihrem Herz vergleicht. Sinnbild für schnellen Konsum? Dass jede_r sich nach Lust und Laune daran bedienen kann? Dass aus ihm, einmal ausgeschüttet, nur Klebriges, Ungesundes herausfällt?

Es dauert eine Weile, bis man das Erzählprinzip, die Motive und ihre Variationen dieser Roman-Collage durchschaut. Nicht mit allem wird oder muss man einverstanden sein; raffiniert gemacht ist das Cut-up verschiedener Erzähltechniken allemal. Und man merkt, dass die 1985 geborene Autorin aus dem Theaterbereich kommt:___STEADY_PAYWALL___ Als zweites Strukturelement fungieren zwischengeschnittene Gesprächsfragmente, bei denen die Sprechpositionen unklar bleiben. Oft beginnen sie mit der Frage

„WO BIST DU JETZT?“,

doch selbst wenn das Gegenüber darauf eingeht, bleiben die angegebenen Aufenthaltsorte vage. Oft sind es Transiträume, die möglicherweise zum Zeitpunkt der Aufzeichnung bereits wieder verlassen wurden – ein Hotelzimmer in New York, der Berliner Flughafen, ein Strand in Vietnam. Nicht immer korrespondieren die Antworten mit den Fragen; manchmal ersetzen drei Auslassungspunkte die Replik. Befinden wir uns in einer Therapiesitzung? Lesen wir ein Chatprotokoll zwischen Freund_innen? Wohnen wir einem Verhör oder einem Selbstgespräch bei? Bisweilen wechselt der Ton innerhalb weniger Zeilen von empathisch zu übergriffig, von ironisch zu trotzig. Mal scheinen die Fragen einem Katalog zur Einreiseberechtigung in die USA zu entstammen („hast du jemals in einer terroristischen organisation mitgewirkt?“), mal ist ihre Wirkung absurd-entlarvend, wie die legendären Fragen des Schweizer Künstlerduos Fischli & Weiss

(„HÄLTST DU ES FÜR EINEN ZUFALL, DASS MAN SICH ALIENS OFT EXAKT SO VORSTELLT, WIE MENSCHLICHE EMBRYONEN IN EINER BESTIMMTEN ENTWICKLUNGSPHASE AUSSEHEN?“).

Die Geschichte der Protagonistin, begreifen wir allmählich, wird durch Einkreisungen und Auslassungen erzählt; wir nähern uns ihr im selben Maße, wie sie sich selbst näher kommt, in Schleifen und auf Umwegen. In einer späteren Variation des Snackautomaten-Refrains wird aus dem Warten „an irgendeinem Bahnsteig, in irgendeiner Stadt“ ein Warten „in meiner so genannten Heimatstadt“, irgendwo im ehemaligen Osten Deutschlands. Der Bahnsteig, erfahren wir zudem, birgt traumatische Erinnerungen, wird zum Symbol für den Verlust des Zwillingsbruders der Erzählerin. Doch während sich manches – auch geographisch – konkretisiert, erschafft Wenzel neue utopische Räume, wie etwa die Wunschvorstellung zu einer „unbescholtenen Zeit“ zurückzukehren, von der die Erzählerin zugleich weiß, dass sie nie existiert hat: „Was gäbe ich dafür, meiner Großmutter und meiner Mutter zu einem unmöglichen Zeitpunkt zu begegnen, an dem wir alle 15 Jahre alt wären.“

In der Realität muss sie sich vor allem mit Abwesenheiten auseinandersetzen. Das einzige Familienmitglied, zu dem sie noch regelmäßig Kontakt hat, ist ihre Großmutter, zu DDR-Zeiten eine stramme SED-Anhängerin, die jetzt mit rechten Gesinnungen liebäugelt und ihrer Enkelin am Telefon fast ausschließlich von ihren Arztbesuchen berichtet. Die Mutter der Erzählerin, erfahren wir peu à peu, war eine rebellische Punkerin mit blauen Haaren, die noch als Teenager einen angolanischen Mann kennenlernt und mit ihm Zwillinge bekommt. Der Vater der Erzählerin geht bald darauf in seiner Heimat zurück, die Mutter landet (die Umstände ihrer Verhaftung werden umkreist, aber nie ganz geklärt) im Stasiknast.

Es ist keine unglückliche Kindheit, zwischen Bauwagen und Fischteichen, und dennoch eine, die geprägt ist von Instabilität, und vor allem – für zwei schwarze Kinder, die in der ostdeutschen Provinz aufwachsen – einem permanenten Othering: Manchmal offen feindselig (die Fensterscheiben des Kinderzimmers werden eingeschlagen), manchmal unbedacht, etwa wenn die Großmutter ihre Enkel „meine Schokokrümel“ nennt – was zwar liebevoll gemeint ist, und dennoch stets ein „Ihr seid anders“ mit transportiert.

Jetzt, mit Anfang 30, schwankt die Erzählerin zwischen Abwehr und Notwendigkeit: „Alle wollen ständig mit mir über Rassismus sprechen. Das ist doch nicht meine Lebensaufgabe.“ Aber was bleibt einem anderes übrig, wenn man ständig damit konfrontiert wird? Auf bestürzend klare Weise schafft Wenzel zu vermitteln, dass Rassismus auch jenseits des Klischees, „von drei Nazis krankenhausreif geschlagen zu werden“, außerordentlich real und omnipräsent ist. Es fängt damit an, bei stichprobenartigen Ausweiskontrollen überdurchschnittlich oft rausgewunken zu werden. Geht weiter, wenn man sich beim Anschauen einer New Yorker RomCom unwillkürlich denkt: „Alle Menschen im Film sind weiß, das muss viel Aufwand gewesen sein.“ Und endet noch längst nicht bei der Unmöglichkeit, in Berlin eine Therapeutin of colour zu finden.

Dass die Erzählerin nicht nur pointiert auf Mikroaggressionen im Alltag hinweist, sondern auch ihre eigenen Privilegien und Vorurteile reflektiert, zählt zu den Stärken des Buches. So ist ihr beispielsweise sehr bewusst, dass sie mit ihrem deutschen Pass eine Bewegungsfreiheit genießt, die viele Menschen auf der Welt nicht haben, etwa wenn sie zum Relaxen nach Vietnam fährt, „bisschen imperalistenurlaub machen“. Es ist genau diese mehrdeutige Selbstironie, die einen der Protagonistin näher bringt, anstatt eine Distanz herzustellen.

Ohne dass je der sperrige Begriff „intersektionaler Feminismus“ fiele, füllt „1000 serpentinen angst“ ihn souverän mit Inhalt: Stilistisch abwechslungsreich – mal kraftvoll-gewitzt, mal leise und melancholisch – thematisiert Wenzel das Zusammenspiel von individuellen Biografien und gesellschaftlichen Machtasymmetrien, mit einem scharfen Blick für Alltagsrassismus, Sexismus und die Widersprüche, die im globalisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts das Selbst durchziehen. Was davon autobiografisch ist, was fiktional – diese Neugier ihrer Leser_innen hat Wenzel geschickt mit einkalkuliert und fordert sie heraus, indem sie nicht selten die verschiedenen Sprechpositionen ein bisschen Wahrheits-Ping-Pong spielen lässt. Und siehe da: Vielleicht ist das Herz der Protagonistin gar nicht aus Blech, wie es im ersten Satz heißt. „Dein weiches, obsessives Herz. Wenn du’s aufessen könntest, würdest du’s tun?“ Und das Gegenüber erwidert nonchalant: „Es kommt darauf an, wer es mir anbietet. Wie der Service ist. Womit es serviert wird.“

Olivia Wenzel
1000 Serpentinen Angst
S. Fischer
2020 · 352 Seiten · 21,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397406-5

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