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Kritik

Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier

Hamburg

Von Schurken gebissen

Von Schurken gebissen, war ich „der große Einsame
unter den Dichtern Chiles“, ich, verwundeter Krieger,
schleife eines Proleten zerrissenes Herz mit mir
und den epischen Entschluss, niemals zu unterliegen.

Die ersten vier Zeilen des Sonetts aus dem Gedichtband von Pablo de Rokha, 1995 publiziert, verweisen auf tiefliegende mentale und psychische Verwundungen und einen unbändigen Willen, gegen das Leid in seinem „schreckzerpflügtem Vaterland“ lebenslang zu kämpfen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Gedichts war der Dichter länger als ein Vierteljahrhundert tot. ___STEADY_PAYWALL___Sein Freitod am 10. September 1968 in Santiago de Chile hatte, wie sein Herausgeber und Übersetzer Reiner Kornberger im Vorwort zu dieser deutschsprachigen Auswahl der Gedichte von de Rokha anmerkt, eine klaffende „editorische Lücke“ hinterlassen, die sich nun langsam schließt. Es ist deshalb auch das Verdienst des vorliegenden spanisch-deutschen Gedichtbandes, dass er nicht nur das lyrische Werk von Pablo de Rokha umfasst, sondern auch eine repräsentative Auswahl von Gedichten aus der Feder von Winétt de Rokha enthält. Seit dem 25. Oktober 1916 waren Pablo und Winétt ein Ehepaar, das ungeachtet seiner äußerst widrigen Lebensbedingungen und seiner mentalen und kreativen Unterschiedlichkeit auch in sehr schwierigen, existentiell bedrohlichen Situationen sein so unterschiedliches lyrisches Werk vorangetrieben hat. Diese ungewöhnliche poetische Ko-Existenz widerspiegelt sich in den einfühlsamen und sachlichen Ausführungen von Reiner Kornberger zu Leben und Werk der beiden Dichter-Persönlichkeiten. Beide Aspekte offenbarten sich in einem Co-Oeuvre, das unter dem Titel „Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier“ einerseits die oft zügellose Dominanz von Pablo im Leben des Paares charakterisieren soll, andererseits aus der Sicht von Winétt den „Machokopf“ (cabeza de macho) ihres Ehemanns markiert, der ein „Stein mit Seele“ (piedra con alma) sei. Die Einlösung dieser Aussage deutet sich in zwei Gedichten an, die in der Publikation einen zentralen Platz einnehmen. Pablo beschreibt in „So bin ich nun einmal“ (Genio y figura) sein Verhältnis zu Winétt: „mein Mädchen, so einsam, und sagst du ‚ich liebe dich’“ (S. 33); Winétt hingegen erfasst in „Männerkopf“ (cabeza de macho) die Zwiespältigkeit ihres Mannes als lächelndes Götzengesicht, das „im Rosenkorb meiner Brust“ (S. 254) schläft.

Den wesentlichen Akzent in seiner umfangreichen Einführung widmet Rainer Kornberger unter der Überschrift „Der Puls der Welt ist mein Puls“ dem Werk von Pablo de Rokha, bettet aber zugleich markante Abschnitte seiner Ausführungen in die Beschreibung der Lebensbedingungen, unter denen der Dichter sein Schaffen gemeinsam mit seiner Ehefrau organisierte. Gemeinsam druckten sie ihre lyrischen Werke und kümmerten sich vor allem um den Vertrieb seiner meist umfangreichen Poeme und Gedichtzyklen. Unter äußerst ärmlichen Verhältnissen, in der leiblichen Sorge um die zahlreichen Kinder aus der Ehe mit Winétt, zog Pablo vor allem in den frühen 1920er und in den 1930er Jahren durch Chile, stets auf der Suche nach Abnehmern seiner Gedichte.  Ungeachtet dieser beklagenswerten Bedingungen… Auf deutsch wurden Ausschnitte aus de Rokhas Werken erst seit den 1950er Jahren publiziert.

Es ist das Verdienst der vorliegenden Ausgabe in chilenischem Spanisch und Deutsch, dass der aufmerksame Leser aufgrund der fundierten Einleitung die gattungsspezifischen, poetischen und ästhetischen Entwicklungslinien der Poetik von de Rokha im Ansatz erkennen kann. Hilfreich sind auch die Verweise auf die Poetik des hyperbolischen Solipsismus, ein besonders auffälliges Merkmal der Lyrik von de Rokha, das in dem oft manischen Präsenz des lyrischen Ichs zum Ausdruck kommt.

„Ich begreife nicht, wie ich bin, wo und wann ich bin, ob ich bin
Ob ich ein anderer bin, anders, universell, kumuliert, versunken
Mit meinen Adlern …“

„ich bin und bin nicht ich, der spricht, denn da spricht die brünstige Bestie,
da spricht das Leben und alle seine Formen, da spricht der brutale
Paarungsakt der tierischen, mineralischen, pflanzlichen Natur…“ (S. 163)

Diese Zeilen aus dem voluminösen Poem „Morphologie des Schreckens“, gestaltet in freier Prosa, 1942 mitten im II. Weltkrieg geschrieben, bringen eine sprachliche Hyberbolik zum Ausdruck, die nach Kornberger „Kennzeichen seines gesamten poetischen Schaffens“ (S. 20) ist. Doch ist es nicht ausschließlich eine auf das dichterische Ich bezogene Exaltiertheit. Sein fünf Jahre früher entstandener „Fluch der faschistischen Bestie“ (1937), eine wortgewaltige Anklage des spanischen Faschismus, eine  Verhöhnung „der großen Idiotin Adolf Hitler“ (S. 151), ein Fluch auf den „Gott der Henker und der Entarteten“, verdichtet sich zu einem leibhaften und traumverinnerlichten politischen Engagement, das sich auch gegen Pablo Nerudas didaktische Lyrik wendet, die, so Kornberger, „nur aufzeigt oder anklagt“. De Rokhas vulkanische Lyrik erfährt in den 1940er Jahren erste größere internationale Anerkennung, die sich in der Publikation einiger Gedichte in einer us-amerikanischen Anthologie 1943 und sich in der Einladung 1944 zu einer Lesung in der Washingtoner Bibliothek des Kongress niederschlägt. In der zweiten Hälfte der 1940er Jahre folgen dann Lesungen aus seinen Werken in einigen Ländern von Südamerika.

Zu Beginn der 1950er trifft ihn der plötzliche Tod von Winétt mit aller Härte. Seine tiefe Trauer um seine Gefährtin schlägt sich in dem Tenor seines Spätwerkes nieder. In einem Poem aus dem Jahr 1961 würdigt er ihr Werk, indem er alle seine Bücher als „ein Denkmal / für deine Schönheit und deine Gedichte“ (S. 193) bezeichnet.

Die letzten sieben Jahre auf seinem Lebensweg waren aber auch von einer Fülle von Beschimpfungen und Beleidigungen gezeichnet, mit denen er nicht nur seine chilenischen Dichterkollegen, darunter auch Pablo Neruda, diffamierte. Dessen Lobeshymnen auf Mao und Stalin bildeten die Kernpunkte einer Kampagne, die auch Dichterkollegen gegen den späteren Nobelpreisträger führten. In diesem Zusammenhang erwies sich allerdings die Lobeshymne von de Rhokha auf die diktatorische Volksrepublik China aus dem Jahr 1963, - Ergebnis einer gesponserten Chinareise - als „weniger“ gewichtig. Der ihm kurz vor seinem Freitod am 10. September 1968 verliehene Premio National, die höchste literarische Auszeichnung in Chile, wird den so widersprüchlichen Dichter und sein Werk, wie zu hoffen ist, nunmehr endgültig in das Rampenlicht der Weltliteratur holen. Einen sicherlich markanten Anteil an einer solchen Würdigung hat Reiner Kornberger als Herausgeber und kongenialer Übersetzer mit seinen pointierten, rhythmisch adäquaten Nachdichtungen in einer Publikation, die von der Kulturabteilung am chilenischen Außenministerium finanziell gefördert worden ist.

Pablo de Rokha · Rainer Kornberger (Hg.)
Mein Herz brüllt wie ein rotes Tier · Gedichte 1916–1966 von Pablo de Rokha / Mit einer Auswahl von Gedichten von Winett de Rokha
Deutsch - Spanisch
Edition Schwarzdruck
2020 · 276 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
78-3-96611-006-8

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