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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

In Träumen, auf Reisen und ganz in der Welt

Patti Smith erkundet mit „Im Jahr des Affen“ Grenzen der Literatur, des Lebens und der Geduld ihrer Leser
Hamburg

Zugegeben, man muss diese Aufzeichnungen einer Traum-Wandlerin nicht lesen, doch bereue ich nicht, sie gelesen zu haben. Bisweilen verärgert Patti Smith mit hermetischem Kopfkino, ausgestellter Belesenheit und Skizzen-Sammelsurium, doch dürften nicht nur Smith-Fans spätestens bei entspannter Zweitlektüre auf ihre Kosten kommen. Dann nämlich kann man die vielfach begabte „Godmother of Punk“ gelassen durch Trance und Amerika-Trips begleiten, sich provozieren lassen von einem Alterswerk, das mit Wirklichkeit und Fantasien spielt, vor allem aber um Reichtum und Verlust wirklich menschlicher Beziehungen weiß.

„Es war weit nach Mitternacht, als wir vor dem Dream Motel hielten.“ So beginnen Patti Smiths Erinnerungen aus jenem Jahr des Feuer-Affen, das nach dem chinesischen Horoskop vom 8. Februar 2016 bis zum 27. Januar 2017 währte. Tatsächlich aber erzählt Smith über einen Zeitraum vom 1. Januar, dem Neujahrstag 2016, bis hin zum Sterben des geliebten Freundes Sam Shepard im Juli 2017. Und auch das „Dream Motel“, so erfährt der Leser später, heißt in Wirklichkeit „Dream Inn. So jedenfalls steht es auf jenem Hotel-Schild, das als sprechendes Etwas die Erzählerin das ganze Buch über traktiert und inspiriert. ___STEADY_PAYWALL___ Die Autorin wort-spielt hier nicht gerade verhalten mit ihren Lesern, denn auch die sind – wohl oder übel – eingeladen, das Schild eher als „Dream In!“ zu lesen: Kommt herein Leute, lasst uns hellwach sein und gemeinsam das Träumen feiern.

Patti on the road and in the sky

Doch zunächst noch einmal zum äußeren Geschehen, bei dem auf 200 Seiten im Kern viel passiert, aber wenig geschieht. Die Handlungsstränge des Textes lassen sich schnell skizzieren. Die Ich-Erzählerin trifft in der Nacht des Neujahrstages 2016 im Hotel in Santa Cruz ein. Sie wollte sich dort nach Konzerten in San Francisco mit ihrem Freund Sandy Pearlman treffen, einem Weggefährten und Alleskönner des US-Musikbusiness, der u. a. auch Producer der Band Blue Öyster Cult war. Pearlman aber liegt nach einer Hirnblutung seit den Weihnachtstagen im Koma. Die Erzählerin wachte zunächst im Marin County Hospital bei ihm, ertrug aber die Krankenhausatmosphäre nicht. So reist sie allein nach Santa Cruz, per Anhalterin später nach San Diego und Venice Beach (L.A.), reist nach Tucson, in ihre New Yorker Wohnung, in ihr Ferienhäuschen in Rockaway, gibt Konzerte in Seattle und schließlich auch in Europa. Dazwischen macht sie Visiten im Marin County Hospital, schaut nach Sandy Pearlman, der im Juli 2016 stirbt. Immer öfter besucht sie auch ihren Geliebten früherer Tage, den an ALS erkrankten Sam Shepard, weltweit bekannt als Dramatiker und Schauspieler. Mit ihm arbeitet sie an dessen Texten, ist Muse, Lektorin und Vertraute. So nähert sich das Jahr des Affen seinem Ende, am 30. Dezember 2016 wird Patti Smith siebzig und am 20. Januar 2017, kurz vor dem Beginn des Jahres des Hahns, wird Kretin Donald Trump in sein Amt eingeführt.

Verwoben wird dieses Geschehen mit Rückblenden, Überblendungen, Vorahnungen. Nicht immer fällt es dem Leser leicht zu sagen, wo die Erzählerin gerade wem begegnet. Sind wir noch in der Casa Fernando Pessoa in Lissabon oder bereits wieder in Gedanken am Ayers Rock (Uluru), dem Heiligen Berg der australischen Ureinwohner, den die Erzählerin so gern mit Sam Shepard besuchen würde? „... und ganz gleich, ob man schnell vorspult oder zurückblickt, die Zeit folgt ihrem eigenen Gesetz, sie geht immer weiter und bringt Neues, das man nicht ändern und nicht schnell genug aufschreiben kann.“

Erzählerischer Mix

Es scheint, als handelte es sich hier oft um lose verbundene Fragmente aus dem 2016er-Notizbuch der Autorin, doch dürfte es viel eher komponiert sein, montiert und sicher auch recherchiert. Erst auf dieser Basis lässt Smith ihrem Erzählen eine traumhafte Freiheit, die gelegentlich an Beliebigkeit grenzt: „Manchmal versetzen uns ziemlich banale Dinge in Trance.“ Wie nebenbei verwebt die Erzählerin Reflexionen zu Filmen, Fotos und Musik, zu Mangas und Comics mit Shortest Stories über Zufallsbegegnungen aus dem Roadmovie, das ihr Leben 2016 auch war. Über den Text verstreut ergeben die Erinnerungen an ihre Freunde Sandy Pearlman und Sam Shepard berührende Personenporträts, Punk-Rock-Geschichte wird angerissen, Betrachtungen zu Gemälden und Texten fließen ein, denn so Patti Smith: „(...) mein Gehirn [ ist] in vollem Wachzustand für alle erdenklichen Signale empfänglich...“.

„Unsere Träume sind ein zweites Leben.“ (Gérard de Nerval)

Will man Patti Smiths Text tiefer verstehen, muss man jene Persönlichkeit auf sich wirken lassen, die Leben, Lesen und Schreiben nicht voneinander trennen kann und will. Überall blitzt die große Leserin auf, die sich durch Texte Dritter inspirieren lässt: „Man muss nur die Zeichen lesen.“ Oft sind dabei Smiths Kommentare zu Autoren und Texten erhellend, manchmal leider auch an der Grenze zu einem Namedropping, das weder den Text noch den Leser bereichert.

Dabei geht vielleicht auch verloren, dass es vor allem zwei Werke sind, die sowohl inhaltlich wie formal das „Jahr des Affen“ grundieren wie auch die Erzählstruktur beeinflussen: Unübersehbar bezieht sich Smith auf Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“, verwendet nicht nur Motive und Figuren daraus, sondern macht sich auch Erzählprinzipien Carrolls zu eigen und treibt sie auf die Spitze.

„Follow the white rabbit“

So geistern etwa das weiße Kaninchen, die Wasserpfeife rauchende Raupe, der Hutmacher oder die falsche Suppenschildkröte, der Dodo und allerlei Spiegel durch Smiths Text, vor allem aber findet der Leser Carrolls Nonsens-Begeisterung wieder, seinen Sprachspielwitz, die Verschränkung von Realität und Traum, das Außerkraftsetzen jeder vordergründigen Logik. Doch da, wo Carroll deutlicher zwischen der fiktionalen Wirklichkeit seiner Rahmenerzählungen und den Kapriolen in Alices Träumen unterscheidet, schafft Smith fast unmerkliche Übergänge, gar den potenzierten Traum im Traum. Im Kopf der Erzählerin ist alles mit allem verbunden, die Erzählerin spricht mit allem und alles spricht zu ihr. Der Leser weiß nie mit Gewissheit, ob er einen Traum oder die Realität der Erzählerin belauscht: „Ich war mir sicher, im Dream Motel nicht geträumt zu haben, doch bei längerem Nachdenken stellte ich fest, dass dem nicht so war. Um genau zu sein, schlitterte ich am Rand eines Traums entlang.“

Doch darauf muss man sich als Leser einlassen wollen, um solch produktive Verwirrung genießen zu können. Patti Smith selbst thematisiert diesen eher intuitiven Zugang zu Büchern in einem kurzen Dialog:

„ – Liest du das?, fragte ich.
– Solche Bücher liest man nicht, man saugt sie auf.“

Patti Smith ist aber nicht zuletzt auch eine aufmerksame Beobachterin des Alltags und gesellschaftlicher Veränderungen. Leiser Humor und Empathie prägen ihren Text, mit wenigen Sätzen lässt sie lebendige Figuren und Situationen entstehen:

„Als ich Sam ein paar Tage später anrief (...) unterhielten wir uns über rote Pferde.
– Vor ein paar Tagen war der Geburtstag von Secretariat.
– Wie kommt es, dass du den Geburtstag von einem Pferd weißt?, sagte Sam lachend.
– Weil es ein Pferd ist, das du liebst, sagte ich.
– Komm nach Kentucky. Dann erzähle ich dir die Geschichte von Man o` War, auch ein großer Fuchs.“

Epilog mit Klartraum

Berührend, weil sehr persönlich, mit Leidenschaft, aber nie sturzbetroffen geschrieben, ist das sechsseitige Ende des mäandernden Textes Patti Smiths, der vorläufige Schluss ihrer Reisen nach Innen und Außen. „Eine Art von Epilog“ beschwört nicht nur den Autor Sam Shepard und sein Werk noch einmal herauf, versucht ihn so vor dem Vergessen zu bewahren, Smith erinnert auch an die Toten des Jahres 2016, die Katastrophen und Massaker in den USA, den Hass auf Migranten. Zugleich entwirft sie in einem luziden Traum unsentimental die Vision einer „Süße der Brüderlichkeit“, Gegenbilder zur „kapitalistischen Festung“ der heraufdämmernden Trump-Ära, in deren Zentrum sie „Gewehre, Gewehre, Gewehre“ fürchtet.

Bereits Seiten zuvor hatte Patti Smith gegen diese neue alte „Welt in ihrer verlässlichen Dummheit“ angeschrieben und gehofft, dass im Gegensatz dazu Humanität, Fantasie, Schreiben und Denken menschlichere Perspektiven eröffnen: „Ich stellte mir vor, wie sich eine gewaltfreie Hybris im Land ausbreitet, getragen von einem wachsenden Stolz wie bei den Jungs in West Side Story, die When you`re a Jet singen ... Hunderttausende Mädchen und Jungs überfluten die offenen Grenzen (...) Soldaten legen ihre Waffen nieder, Matrosen verlassen ihre Posten, Diebe ihre Tatorte, und plötzlich sind wir mitten in einem großartigen Musical. Keine Macht, keine Rasse, keine Religion, keine Entschuldigungen. Und mit diesem gigantischen Schauspiel im Kopf sprang ein Teil von mir auf und tänzelte die Straße entlang (...).“

Eine schöne Utopie, lakonisch und pathetisch zugleich, jedenfalls weitab jeder Smith oft unterstellten Esoterik. Mich erinnert sie an John Lennon und sein „Imagine all the people/Living life in peace.../You may say I'm a dreamer/But I'm not the only one“.

Von Lennon wissen wir, dass er vor seiner Wohnung im Dakota Building am Central Park erschossen wurde, wissen aber auch, dass sein Song, seine Songs wie alle gute Kunst überleben werden. Es sei denn, dass es Trump, seinen Mittätern und Mitläufern sogar noch gelänge, selbst die Erinnerung an Lennon, sein „Peace, love and truth“ gänzlich auszulöschen. Die Gefahr immerhin besteht. Oder wie Patti Smith schreibt: „... und alles roch nach dem Ende und dem Anfang der Freiheit“.

 

Patti Smith
Im Jahr des Affen
Übersetzt von: Brigitte Jakobeit
Kiepenheuer & Witsch
2020 · 208 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-462-05384-5

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