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Kritik

Das flüchtige Glück: Auch Paul Jandl kann es kaum fassen

Hamburg

„Gedankenspiele über das Glück“ heißt Paul Jandls verlockende Lese-Vorspeise für den kleinen Glückshunger zwischendurch. Allerdings serviert er unversehens einen allzu bunten Antipasti-Teller aus Witz, Zitat, Seitenhieb und Porträt-Miniatur, garniert mit einigen durchaus inspirierenden Anekdoten und Aperçus. Appetit auf mehr stellt sich auf den luftig gesetzten vierzig Seiten der Edel-Broschüre so aber nur selten ein.

Zugegeben, man sollte von Gedankenspielen nicht allzu viel verlangen, zumindest solange sie klandestin im eigenen Kopf ausgewürfelt werden oder übermütig im Austausch mit Freunden. Es ist ein bisschen wie beim Brainstorming: Lass den Gedanken freien Lauf, respektiere jeden eigenen Einfall, zensiere nie Ideen deines Gegenübers! Bei einem Gedankenspiel-Solo aber, das sprachlich gekonnt in Form gebracht und zur Veröffentlichung freigegeben wurde, darf man getrost mehr erwarten. Zumal der Verlag mit holprigem Ankündigungstamtam unüberhörbar tönt:

„Der brillante Feuilletonist schreibt voller Empathie (...) Er spart jedoch auch nicht mit seiner spitzen Feder bei irreführenden Verheißungen von Glückspredigern oder politischen Rattenfängern. Wenn Jandl seinen Spaziergang durch das Glück aufnimmt, kreuzen sich immer wieder die Biografie des Autors und gesellschaftliche Phänomene und Beispiele. Eine Lösung zum Glücklichsein, die will und kann er nicht geben; ein Gedankenspiel zum Weiterdenken, das auf jeden Fall.“

Paul Jandl selbst (nein, nicht verwandt mit Ernst Jandl), in Berlin lebender Wiener, weist viel bescheidener darauf hin, dass er in großer Tradition und literarisch-philosophischem Umfeld stehe, allein bei Amazon „viele Tausend“ Titel „zum Thema Glück im Angebot“ seien. Warum diesem Überfluss dann aber noch ein schmales Bändchen hinzufügen? Erst recht, da Jandls Büchlein in Aufmachung, Format und Kürze an einen ungleich tiefer schürfenden Bestseller von 2007 erinnert, an Wilhelm Schmids „Glück. Alles, was sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist“. Schmid hoffte schon damals, dass seine Leser innehalten, sich in Momenten des Nachdenkens fragen würden, was das denn eigentlich sei, das Glück.

Nicht jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Wenig glücklich ist zu Beginn Jandls Kunstgriff erst einmal diejenigen vorzuführen, die aus der Sehnsucht nach Glück vor allem ein Geschäft machen. Schöne polemische Spitzen gelingen da. Doch im Rahmen der angekündigten Glückssuche muss schlicht auch der viel kleiner wirken, der andere ohne Not herabsetzt. Gleich vier Mal angeraunzt wird der omnipräsente Eckard von Hirschhausen, u. a. mit der pfiffigen Formulierung: „(...) der Arzt, der als ambulanter Kurpfuscher täglich in den Talkshows ordiniert“. Sein „Sachbuchkrempel“ und das „Humorgeschäft“ generell bekommen ebenso Seitenhiebe ab wie die Macher einer „synthetisch hergestellten guten Laune“ im TV oder André Heller und sein „ranzige(s) Schmalz auf der Linse des Rückblicks“.
Überhaupt die Österreicher! Jandl rennt da (nicht erst seit Georg Kreisler oder Thomas Bernhard) weit offen stehende Türen ein, wenn er das „konsensuale Scheinglück österreichischer Nachkriegspraxis, die Sozialdemokratie“ ebenso abwatscht wie all die HC Straches, die aus politischem Kalkül auf inszeniertes Unglück setzen. Jandl dazu: „Das Glück, sagen die Populisten, haben sich andere unter den Nagel gerissen.“ Gut, schadet nichts, dies noch einmal klarzustellen. Wo Lüge zur Gewohnheit wird, muss Wahrheit immer neu gesagt werden.

Nicht nur der Teufel, auch das Glück steckt im Detail

Paul Jandl, renommierter Literaturkritiker, Korrespondent, Lektor und Juror, fühlt sich einer skeptischen Aufklärung verpflichtet, also den eher leisen Hoffnungen, den nicht immer sichtbaren Abgründen. Und zitiert fleißig Pascal, Kant, Kraus, Dostojewski, Musil, Kafka, Mayröcker oder Eva Illouz, nutzt sie als Starthilfekabel für den eigenen Glücksräsonnement-Motor – doch leider stottert der immer wieder. Zu oft verplaudert sich Jandl zwischen Namedropping und Lesefruchternte, jedenfalls entspringen seinem Warmup selten mehr als Wortspiele und zu oft auch Plattitüden: „Familien sind bekanntlich ein Ort, an dem das Unglück besonders oft seinen Lauf nimmt. Sie sind ein Ort, an dem sich das Glück nur selten austobt. Warum das so ist, ist schwer zu sagen.“

Da freut sich der Leser über jede gelungene (Selbst-)Beobachtung: „Ich glaube, dass wir eigentlich nur ins Kino gehen, um unser eigenes Glück zu überprüfen“. Oder die ein oder andere Anekdote:

„Ich habe meine Mutter einmal gefragt, was sie im Leben am glücklichsten gemacht hat. Diese Frage, schon im Schlussquartal ihres Daseins gestellt, war ein Angebot, das viele Mütter nicht so schnell übersehen würden. Sie würden aus reiner Freundlichkeit zu Halbwahrheiten greifen (...). Meine Mutter aber sagte (und sie sagte das in allem Ernst): Der Kirchenchor. Das ist eine Antwort, mit der nicht zu rechnen war.“

Sonst aber bleibt von Jandls durchaus eloquenten Notizen und Skizzen kein beständigerer Nachklang. Haben wir das nicht sowieso gewusst, nur zu selten beherzigt? Dass das Glück sich nicht definieren lässt? Dass es relativ ist? Dass Glück als Ungefähres kaum zu fassen ist? Dass wir falschen Glücksversprechen nachlaufen, im Beruf, in der Liebe? Dass Glück für jeden anders aussieht, viele Nuancen hat und selten dauert? Dass bei vielen Nostalgie als Glücksersatz herhalten muss? Dass allein schon die Abwesenheit von Unglück großes Glück bedeuten kann?

Doch, das haben wir gewusst. Eine Einladung zum Weiterdenken jedenfalls sieht anders aus als Jandls schmuckes Glücksbrevier. Sogar dann, wenn die innere Stimme des Lesers gelegentlich aufmurrt, etwa, wenn der Autor schreibt: „(...) es geht in der Liebe darum, dass man sich zusammenlebt. Es geht darum zu sagen: Das Glück, es liegt noch vor uns.“

((Im Online-Auszug des Textes in der NZZ vom 26. September 2020 (s. u.) variiert Jandl diese Sätze so: „Am Ende ist es ganz banal: Das Glück ist das, was uns immer bevorsteht.“))

Mag sein, Liebe und anderes Glück lassen sich gestalten; eine schöne Aussicht, wenn auch keine unbekannte. Aber ist es nicht noch banaler – und paradoxer? In einer halbwegs glücklichen Zukunft zählt vielleicht am meisten das, was bereits hinter uns liegt. Es dürfte tröstlich bleiben, sich an jeden Moment zu erinnern, in dem man das Glück schon näher kennenlernen durfte. Und sich dabei doch hellwach umzuschauen. Sieh hin! Glück schwebt, steht, sitzt, liegt gerade hier, gerade jetzt so nah, ja wunderbar hautnah bei jedem von uns. Und vice versa beglücken auch wir es. Damit ließe sich doch leben.

Übrigens, wer die Haltbarkeit des Jandl’schen Kurztextes selbst nachprüfen möchte, kann Auszüge davon in der Neuen Zürcher Zeitung online abrufen, das Ganze nicht versteckt hinter einer Paywall. Gekürzt funktioniert der Text als intelligente Feuilleton-Lektüre für einen späten Sonntagnachmittag, an dem ein Gläschen Wein zum kleinen Glück nicht fehlen sollte.

Paul Jandl
Gedankenspiele über das Glück
Droschl Verlag
2020 · 48 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
9783990590607

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