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Kritik

Die Verstrickung während Geschichte geschieht

Paulus Böhmers Psychogramm einer Zeit geht weiter

06.12. 2018
1936 - 2018
Paulus Böhmer ist gestorben. Er ruhe in Frieden. 

           ***

Fast 350 Seiten Lyrik, elf Langgedichte. Das ist viel, das ist sogar enorm viel. Zumal angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem Band um die Fortsetzung eines Zyklus handelt, dessen erster Teil ebenso umfangreich war. Das ist mehr Poesie als viele Werkausgaben zu bieten haben, das kann man fast schon als Zumutung betrachten. Oder als megalomanische Spitze des Alterswerks eines deutschen Dichters. Paulus Böhmers Interesse liegt jedoch kaum darin, sich selbst ein Denkmal zu setzen. Sein Kaddish, sein Lobgesang, ist dem 20. Jahrhundert gewidmet und in den elf neuen Texten seines monumentalen Projekts bewegt er sich mit erstaunlicher Agilität von der Trivial- zur Hochkultur hin, changiert zwischen rauem Slang und elegisch-poetischen Tönen, reißt alles mit sich. Mühsam, gar zäh liest sich „Kaddish XI-XXI“ nicht. Irgendwann ertappt man sich dabei, tatsächlich schon 100 Seiten herunter gehetzt zu sein, einzelne Versgruppen zum dritten Mal nachzuschlagen oder gar lesend die Straße zu überqueren, um nicht mitten im vor sich hin fließenden Text aufhören zu müssen.

Das Kaddish Böhmers ist ein Sog, ein Malström, es ist unheimlich, wie sinisterer Bebop, eine manische Kaskade liturgischer Strenge. Mit John Lee Hooker beginnt Böhmer das „Kaddish XI“, positioniert dann amerikanische Gangster neben Hitler, redet von Aushilfslehrern und deutschen Dichtern, zeichnet Landleben und kosmopolitische Szenerien auf ein und dieselbe Folie. Das Namedropping ist anstrengend, verwirrt mit unbekannten Figuren und Orten, lässt hier mal Shakespeares Ophelia und Dantes Beatrice nebeneinander auftreten, scheinbar wahllos. Esoterik und Mystizismus schwingen da ebenso mit wie die erdrückende Gewalt, mit der die Sprache Böhmers aufgeladen ist. Es ist ziemlich offensichtlich, dass Böhmer sich vor allem in den Gefilden des expressionistischen Jahrzehnts bedient, der amerikanischen Undergroundliteratur und den Beatniks – namentlich Allen Ginsberg, dessen „Howl“ er zitiert und damit einen Haupteinfluss aufdeckt – Tribut zollt, jedoch integriert er diese Elemente in ein eigenes, ausdrucksstarkes und effektvolles Sprechen.

Die hier und dort eingestreuten Aphorismen stechen heraus. Sie gewinnen ihre Bedeutung, ihre Berechtigung im Gesamtkontext und geben einiges über das Anliegen der Texte preis: „Nicht wir sind es, / die gespiegelt werden. Wir / sind die Spiegel.“ Das mag vielleicht kein innovatives poetologisches Kurzmanifest sein. Aber es ist eines, das durchgespielt wird in all seinen Facetten, das durchdacht in Lyrik transformiert wird. Die Texte schauen nicht darauf, was die Konkurrenz so treibt, sie positionieren sich weder dies- noch jenseits des Zeitgeists. Man könnte sagen, dass Böhmer nicht zeitgemäß sei, die Hipness, die mit der Diskursivität, der philosophischen Aufladung, den experimentellen Spielereien der zeitgenössischen Lyrik einhergeht, berühren seine Dichtung kaum. Er ist nicht zeitgemäß, und trotzdem hat „Kaddish XI-XXI“ das Potenzial zu einem zeitlosen Lyrikband.

Und das gerade weil sich diese 350 Seiten mit der Vergangenheit auseinandersetzen: Zusammengenommen zeichnen die elf Gedichte mit fast unvergleichlicher Wucht die Geschichte des 20. Jahrhunderts nach, zeichnen das Psychogramm einer Zeit, die wie kaum eine andere von Gewalt, Tod, Sex und Krieg geprägt war. Die Esoterik und der Mystizismus, sie speisen sich direkt aus Sprachspeichern der Moderne, bündeln ein Lexikon an Absurditäten und Abgründen in einen nie enden wollenden Fluss, der sich so beeindruckend wie bedrückend liest. Nicht, dass die Gedichte sich nur vom Grauen, vom Leid und den Schattenseiten des Lebens nähren, Böhmer nur brisante Themen bedient, um die größtmögliche Wirkung zu erzielen. Das Kaddish auf seinen Kater – er „empfahl seine Seele / mit einem letzten, winzigen Kopfstopf / meiner Hand. / Und starb.“ – steht in seiner Wichtigkeit gleichberechtigt neben all den Abgründen und den Momenten manischer Hysterie, die gleichfalls mit Humor und Witz gezeichnet werden. Obwohl es eingangs noch heißt „man sollte die Welt nicht dem Dr. Freud preisgeben, Baby“, verquickt der frenetische Tonfall Böhmers immer wieder Objektivität und Subjektivität, bis sie fast ununterscheidbar sind. Das wirft Fragen auf nach historischer Faktizität, nach einer Wahrheit, vielmehr noch: Wie es möglich ist, über etwas klar zu urteilen, zumal über etwas, in das man selbst verstrickt war und womöglich noch ist.

Diese fast 350 Seiten Lyrik gehen schnell herum, der monolithisch scheinende Band löst sich in rhythmischen Kaskaden auf. Er ist ein Faszinosum, vielleicht sogar Skandalon, das so schnell nicht beiseite gelegt werden kann. Wegen seines ästhetischen Werts, wegen seiner teils morbiden, teils zynischen Themen. Die Gedichte aus „Kaddish XI-XXI“ sind nicht zeitgemäß zu nennen, dafür besingen sie doch viel zu breit das Vergangene. Sie sind nichtsdestotrotz brandaktuell, denn sie zeugen von einem Umgang mit der Geschichte, der zu gleichen Teilen analysierend wie persönlich ausfällt, der sich um einen objektiven Blick auf den Menschen bemüht, ohne jemals seine eigene Subjektivität außer Acht zu lassen: „Es liegen viele so wie ich. In jeder Nacht. / In jeder Nacht erzählt sich die Geschichte / der Welt vom ersten Atemzug bis jetzt, in jeder Nacht.“ Es ist so gut wie unmöglich, sich dem Kaddish Böhmers zu entziehen, und selbst, wenn der Zyklus nicht darauf angelegt ist: Er hat sich mit ihm ein Denkmal gesetzt.

Paulus Böhmer
Kaddish XI-XXI
Schöffling & Co.
2011 · 340 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-895611285

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