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Kritik

Die Schönheit der Entwurzelung

Hamburg

Der iranische Theaterregisseur und Autor von Kleines Buch der Migration Pedro Kadivar wurde 1967 in Shiraz geboren. Im selben Jahr, in dem Peter Handke seinen berühmten Essay Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturmes geschrieben hat, in dem es heißt

Ich erwarte von einem literarischen Werk eine Neuigkeit für mich, etwas, das mir eine noch nicht gedachte, noch nicht bewußte Möglichkeit der Wirklichkeit bewußt macht, eine neue Möglichkeit zu sehen, zu sprechen, zu denken, zu existieren.

Dieser Satz von Peter Handke fiel mir während der Lektüre des Buches von Pedro Kadivar ein, weil es mir – um mit Handke zu sprechen – bisher nicht gedachte Aspekte der Migration aufzeigt. Denn Pedro Kadivar besetzt den Begriff Migration im Gegensatz zu heutigen Konnotationen positiv, fächert ihn weit auf, um seine verschiedensten Aspekte anhand von Biografien, Kunst und Literatur und vor allem der Sprache zu untersuchen.

Wahrnehmung der Grenzen und Aufhebung der Grenzen lauten die beiden großen Kapitel, die sich abwechselnd mit Reisen, Landschaften, Biografien (Marcel Proust, Beckett, Dürer u.a.) beschäftigen, immer vor der Fragestellung, welche Art von Migration erlebt wird und was diese mit den jeweiligen Personen macht.

Den Rahmen bilden die eigene Biografie des Autors und die des iranischen Dichters Sadeq Hedayat (1903-1951). Als Sechzehnjähriger ist Pedro Kadivar den Schrecken der islamischen Revolution des Ajatollah Chomeini entflohen, lässt sich in Frankreich nieder, macht dort Abitur, studiert Literatur- und Theaterwissenschaft, inszeniert und schreibt bis heute in französischer Sprache. Nach seiner Migration bricht er völlig mit seiner Heimat, mit seiner Sprache, denn, wie er in einem Interview mit Jungle World sagt, durch die Sprache hatte sich das Geografische in mir befunden. Seine Muttersprache will er völlig ablegen, gleichzeitig muss er feststellen, dass das nicht möglich ist, denn neben anderen Sprachen ist das Persische ein Grundgeräusch in meinem Inneren.

Das Fremde ist uns nie ganz fremd, sagt er, will aber dennoch nach einer gewissen Zeit in Frankreich noch einmal die Erfahrung der Migration machen.

Ich musste wieder zum Fremden werden, um mich selbst zu finden, mich wiederzuerkennen. Ich musste etwas verlieren, um mich nicht so verloren zu fühlen wie in Paris, wo ich mich einer früher nie gekannten Stabilität erfreut hatte. Ich wollte wieder der Fremde sein, noch einmal die Erfahrung des Verlustes machen und den ihm eigenen Reiz spüren.

1993 hat er mit Heiner Müller zusammengearbeitet, war von ihm begeistert, und diese positive Erfahrung veranlasst ihn, sich 1996 in Berlin niederzulassen. Dort promoviert er an der Humboldt Universität über Marcel Proust.

Und so findet man in dem Buch über Migration viele interessante Stellen dieses Dichters, der immer in Frankreich gelebt und in seiner Muttersprache geschrieben hat. Denn für Kadivar ist Literatur eine Art Fremdsprache, weil der Erzähler die Hervorbringung des Fremden in seiner eigenen Kultur und Sprache gewährleistet. Da Proust zu Beginn seiner Karriere lange keinen Verleger findet und den ersten Band der Recherche auf eigene Kosten drucken lässt,

weist sein randständiges Leben in Dimensionen, die wesentlich zur Erfahrung des Exils gehören und ihn der Figur des Fremden annähern.

Ein Unterkapitel im ersten Teil des Buches heißt Unermüdliche Reisen, denn die Suche sich selbst in fremden Gegenden zu finden, gehört für Kadivar zur Migration. Anhand von Proust zeigt der Autor allerdings eine andere Art des Reisens und wie ein Schriftsteller das Fremde in die Literatur bringt. Denn wegen seiner schwachen Gesundheit ist Proust ein Sesshafter wider Willen, nimmt den Leser aber dennoch mit zu einer Reise durch Zeit und Raum, kann sich (Ähnliches wird an anderer Stelle über Dürer berichtet) bei einer Spazierfahrt um Balbec an Venedig erinnern. Es ist aber nicht nur eine einfache Erinnerung, sondern die Person fühlt sich mit ihrem ganzen Körper an einen fremden Ort versetzt, an dem er einmal gewesen war und den er für immer in sich trägt.

Das Fremde ist uns nie ganz fremd, sagt Kadivar, weil es Teil von uns selbst und unserer gemeinsamen Welt ist. Landschaften spielen in seinen Überlegungen eine große Rolle. Seine Protagonisten erinnern ein wenig an die Flaneure Walter Benjamins, die durch die Gegend streifen. Hedayat entlang der Seine um die Insel Saint-Louis, Dürer durch Landschaften Italiens, Beckett durch Berliner Straßen und Museen, der Autor immer wieder um den Schlachtensee. Und hier in den unterschiedlichsten Landschaften findet Kadivar die Bestätigung über die Vertrautheit des Fremden. Man ist irgendwo zu ersten Mal, fern vom Land seiner Geburt.

Doch plötzlich kommt dir alles vertraut vor, du fragst dich warum und lässt dich nieder, um die verwirrende Vertrautheit mitten in der Fremde zu genießen.

Landschaften sind für den Betrachter nie einfach nur da, sie machen etwas mit ihm, er ist, wie der Autor, am Schlachtensee und zeitgleich woanders. Bei einem der Spaziergänge entsteht bei Kadivar der Wunsch nach langer Zeit in sein Heimatland zurückzukehren.

Der Iran entstieg dem See wie eine Unterwasserpflanze, die durch ein geologisches Wunder zum Vorschein kommt.

Seine wiedergewonnene Beziehung zum Iran wird bestärkt durch das Angebot des Direktors des Museums für Islamische Kunst im Pergamonmuseum in dem Saal, in dem die Mschatta Fresken ausgestellt sind, ein Theaterstück zu inszenieren. Kadivar hat im Iran die Fresken im Tschehel-Sotun-Palast in Isfahan besichtigt, und mit diesen Bildern im Kopf beginnt er sein Herbststückan einem Herbsttag irgendwo zu schreiben. Darin spielen die Fassaden von Mschatta eine wichtige Rolle, allerdings durch etwas, das nicht ausgesprochen wird, nämlich

durch den unaufhörlichen Ruf der Wüste im Herzen der Steine, durch das was fehlt und die unaufhebbare Spannung zwischen dem gegenwärtigen Ort und dem Ursprungsland, dem Museumssaal mitten in der Stadt und der endlosen Landschaft, in der noch ein paar Überbleibsel des Palastes stehen. Es ist die Schönheit eines unzerstörbaren Bandes, das sie immerfort im Zustand der Fremdheit hält, die Schönheit von Entwurzelung und Exil, Migration und frohgemuter Möglichkeit zu reisen.

Die Originalausgabe des Buches wurde in Frankreich im Jahr 2015 veröffentlicht, als die sogenannte Flüchtlingswelle ihren vorläufigen Höhepunkt hatte. Die brachte sicherlich ganz andere Perspektiven auf das Thema Migration mit sich. Ohne diesen Hintergrund auszublenden, ist es aber sehr lohnend sich jenseits jeder Tagespolitik auf Kadivars positive Sicht der Migration einzulassen. 

Pedro Kadivar
Kleines Buch der Migrationen
Sujet Verlag
2017 · 197 Seiten · 21,90 Euro
ISBN:
978-3-944201-86-3

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