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Kritik

Beim Bier mit Peter

Peter Bergs Geschichten in seinem Debütband "Letzter Mann"
Hamburg

Sitzt man gutgelaunt beim Bier mit Freunden, unterhalten Peter Bergs Erzählungen ungemein. Seit 2013 veranstaltet er mit seinem Kollegen und Freund Christian Kreis eine Lesebühne. Ich habe lange in Halle gewohnt und Peter Berg oft zugehört, wie er seine humorvollen Texte über einen sympathischen Verlierertypen vorträgt. Mit seiner Stimme, die eine Mischung aus Goofy und der Synchronstimme von Eddie Murphy ist (das ist als Kompliment gemeint), schafft er es, den Zuhörer mit seinem Singsang angenehm einzulullen.

Nun legt Peter Berg in Buchform und 31 Geschichten die Geschichte seines Protagonisten Peter Berg vor. Jede der anekdotisch erzählte Alltagsszenen ist dabei einem Thema verpflichtet, wie auch die Lesebühnenabende jedes Mal unter einem bestimmten Motto stehen. So erfahren wir, wie Peter Sport findet (blöd), ___STEADY_PAYWALL___welche Hobbys er, seine Eltern und seine Freundin haben (Kreuzworträtsel, Onlinestrategiespiele, Fernsehen, respectively), wie er’s mit der Religion hält (er hat nichts dagegen), wie er seinen Urlaub verbringt, was ihm zum Thema Erinnerung einfällt usw. Da das Personal in allen Geschichten gleich ist, hat man am Ende das Gefühl, einen kleinen Roman oder eine Novelle gelesen zu haben, in der allerdings nichts Unerhörtes geschieht.

Das Schüleraufsatzmäßige dieser Vorgehensweise ist recht charmant. Oft wünscht man sich aber eine Ernst Herbecksche Naivität oder wenigstens eine Scheinnaivität wie in Robert Walsers Fritz Köcher’s Aufsätze oder - andere Richtung - eine geschicktere Positionierung des Erzählers, eine schärfere Selbstironie, eine Feinjustierung der humoristischen Mittel, mit denen es möglich wäre, das gleiche zu erzählen, sogar mit den gleichen Klischeevorstellungen, die so ein Protagonist natürlich haben kann, aber ohne dass man als LeserIn den Eindruck gewinnt, dass hier Klischees nur für den Schenkelklopfer benutzt werden.

Hält man die Erzählungen nämlich gesammelt in Buchform in Händen und liest sie still für sich, dann fällt es einem sehr schwer, noch über die menschlichen Schwächen des Protagonisten, seiner Freundin, seiner Eltern und seines besten Freunds und Schriftstellerkollegen Christian zu lachen. Dann fällt auch dem weißesten heterosexuellen Rezensenten die Altherrenhaftigkeit dieses Humors auf. Zu oft werden die alten Klischees der unfähigen Eltern, der Geschlechterrollen innerhalb einer Mann-Frau-Beziehung, des alltagsuntauglichen Künstlers bemüht. Auf Dickenwitze wird auch nicht verzichtet. Würde Berg mit den Klischees spielen, hätte ich gar nichts dagegen, aber er, sowohl der Erzähler als auch der Autor, scheint sie zu glauben. Selten ist da etwas, das eine Figur in gebrochenem Licht zeigt. Das Spotlight der Ironie leuchtet bloß hell auf die immergleichen Stellen, so dass einem nach der Lektüre nicht einleuchten will, warum mit so vielen Erzählungen immer das Gleiche erzählt wird.

Dabei gibt es Momente mit überraschenden Assoziationen und Richtungswechseln auf kleinstem Raum, bis ins Absurde überhöhte Szenen und kontrollierte Abschweifungen in den Texten Bergs. Es ist nicht so, dass er seine Geschichten ohne literarische Werkzeuge herstellt. Manchmal gibt es diese hintersinnigen Bemerkungen, Ellipsen, die die LeserIn selbst ausfüllen muss. Doch so aufwändig hier verschleiert wird, die Pointe, und damit die textimmanente “Wahrheit”, die man sich als Leser erarbeitet, erzeugt im besten Fall ein Schmunzeln.

Peter Berg
Letzter Mann
mitteldeutscher verlag
2019 · 160 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-96311-309-3

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